sensorieren und philosophieren



’sensorieren‘ thematisiert philosophische Tabus

Fuer Philosophen stellt die Beschraenkung auf ’sensorieren‘ so etwas wie eine ‚philosophische Todsuende‘ dar. Todsuende insofern, als infolge dieser Beschraenkung philosophisch auf alles verzichtet wird, was nicht ’sensoriert‘ werden kann. Dazu gehoert fast alles, was in den zurueckliegenden Jahrhunderten Philosophiegeschichte philosophisch thematisiert und Quelle fuer Theorien und spekulative Systeme wurde, die bis heute dauernde und einigungsresistente ‚Schulstreitigkeiten‘ im Gefolge haben. Ich meine das, was Descartes der ‚res cogitans‘ zurechnet oder Kant unter ‚Vernunft und Verstand‘ abhandelt. Die mehrheitlich geltende kulturhistorische, theologische und philosophische Auffassung, dass bereits im antiken Griechenland Philosophen in aehnlicher Weise philosophiert haetten, verlieh m.E. den Auffassungen von der Herrschaft des Geistigen ueber Sinnliches ein ‚wahrheitsaehnliches‘ Gewicht. Philosophen, die vom ’sensorieren‘ ausgehen, laufen Gefahr als ’so genannte Philosophen‘ bezeichnet zu werden.

Bis heute sind ‚Geist‘, ‚Verstand‘ und ‚Vernunft‘ unter Philosophen selbstverstaendliche Begriffe. Wenn man sie auch z.B. in ‚Sprachspielen‘ anders betrachtet und anders handhabt, als dies ihre aelteren Erfinder taten, so wird doch damit so philosophiert, als koennten Menschen davon ausgehen, dass diese Termini das bezeichnen, das Menschen anregt und bewegt. Dies entspricht auch den Auffassungen vieler Menschen. Die Meinung, wir koennten unser Handeln vernuenftig steuern, ist so alt wie unser Kulturkreis und scheint mehrheitlich ungebrochen gebraeuchlich. Philosophische Profis unterstuetzen bis heute diese Gewohnheit zu denken, und erklaeren: Menschen „… sind vernuenftig handelnde … Wesen.“ (Peter Bieri: Ensemble von Faehigkeiten. DIE ZEIT 44/2007 S. 28 [http://www.zeit.de/2007/44/Peter-Bieri-5])

’sensorieren‘, heißt verzichten auf ‚metaphysizieren‘

Fuer ‚physistisch philosophieren‘ ist es ausschließlich relevant von dem auszugehen, was Menschen kennen. Unbekanntes wie z.B. ‚Geist‘ und ‚Vernunft‘ –’metaphysizieren‘ – ist daher nicht Gegenstand von ‚physistisch philosophieren‘.  ‚Sachen‘ haben Vorrang vor ‚Theorien‘. ‚hinsehen‘ und ‚beschreiben‘ bezeichnen ‚modi operandi‘ von ‚physistisch philosophieren‘. Dem ’sensorieren‘ entspringen dieser ‚modi operandi‘ ebenso wie jeder weiteren Weise zu ‚handeln‘.

Mit der Beschraenkung auf ’sensorieren‘ wird ein Verzicht geleistet, der vielen Philosophen schmerzlich schwer fallen duerfte, vor allem , wenn sie eine akademische Ausbildung haben. Nach meiner Erfahrung wird im universitaeren Philosophiestudium ausschließlich Theorie gelehrt, die sich mit Fragen befasst, die praktisch irrelevant sind.

Positiv daran ist, dass akademisch gebildete Philosophen viele Kenntnisse ueber zahlreiche Theorien und Ideen haben duerften. Diese Kenntnisse koennten aus meiner Sicht dem interdisziplinaeren und gesellschaftsweiten Diskurs nuetzlich gemacht werden, wenn sie im Hinblick auf die ‚ Sachen‘ erforscht und ausgewertet wuerden, die philosophische Theorien und Ideen betreffen.

Die negativen Auswirkungen einer derartigen wissenschaftlichen Ausbildung, die ’sensorieren‘ ignoriert, duerfte zum einen die Unkenntnis darueber sein, wie das Hingehen zu den Sachen, wie ‚hinsehen‘ und ‚beschreiben‘ philosophisch fruchtbar gemacht werden koennen. Zum anderen neigen Menschen dazu, an dem zu haengen, mit dem sie sich jahrelang beschaeftigen. Erfahrung impliziert Werte. Dies gilt fuer Philosophen gleichermaßen. Auf erworbene Werte zu verzichten – auch wenn es dafuer gute Gruende geben kann – ist schmerzlich. Dies kann ich aus meinem eigenen Umlernen bestaetigen.

’sensorieren‘ ermoeglicht ‚authentisches‘

Menschen, die nicht derartig vorgebildet sind, duerfte es leichter fallen, ihr ’sensorieren‘ inspirierend zu erleben. Es duerfte Menschen geben, die praktizierend– ohne dies zu reflektieren – von dem ausgehen, was sie an Kenntnissen gewonnen haben und gewinnen koennen. Dies koennten Menschen sein, die Individualitaet auf Authentisches gruenden und damit ‚im Trend der Zeit‘ liegen, in dem – denke ich – uralte Menschheitsideale wie Eigenstaendigkeit und urmenschliche Beduerfnisse nach Mitmenschlichkeit implizit wirksam werden.

’sensorieren‘ bezeichnet

die umfassende, neuronale Aktivitaet unseres Koerpers.

Mit dem Terminus ‚Sensoren‘ koennen meinen Informationen nach inzwischen alle Nervenzellen bezeichnet werden. Im Zusammenhang mit dem was jede von ihnen erregt, interagieren sie untereinander, miteinander, auf, mit und in unserem Zentralnervensystem mit dem gesamten Koerper, seinen Teilen und biochemischen Prozessen. Dabei geschehen fortlaufend Veraenderungen von Veraenderungen in, an und um  Sensoren, Synapsen, Koerperzellen und biochemischen Prozessen, was wiederum Veraenderungen hervorruft, die veraendernd wirken, um wieder Veraenderungen hervorzurufen, … Dieses in jedem Moment mit mindestens 100 Milliarden von einzelnen Aktivitaeten taetige neuronale Netz arbeitet unbemerkt von jedem Individuum, dem es zur Verfuegung steht. Es haelt uns im Zusammenhang mit unzaehligen biochemischen Prozessen am Leben.

Und was ist mit den Sinnesempfindungen? Die sind bereits darin enthalten. Denn sie koennen m.E. als Pertubationen von unserer Umgebung aufgefasst werden, die in unseren peripher gelegenen Sensoren jeweils spezifische Veraenderungen bzw. Aktivitaeten ausloesen. Ich gehe – meinem Kenntnisstand entsprechend – davon aus, dass die Muster der neuronalen Aktivitaeten einzelner Sensoren sowohl periphaer als auch intern aehnlich sein duerften.

‚pertubieren‘ bzw. ‚Pertubation‘ sind Termini, die ich bei Francisco Varela und  Umberto Maturana gelesen habe. Damit bezeichnen die beiden Biologen ganz unspezifisch alles, was Zellen zu inneren und aeußeren Veraenderungen veranlasst. Dies laesst sich m.E. auch auf komplexe und hoch differenzierte neuronal vernetzte Zellverbaende wie Menschen anwenden. ‚anregen‘ waere eine zutreffende deutsche Bezeichnung. Die Pertubationen Rolf Reinhold’s initiierten und begleiten mein gegenwaertiges Philosophieren neben vielen verschiedenen anderen. Termini wie pertubieren, anregen und synaptische Veraenderungen meines ZNS  fuer ‚lernen‘ sind in unserer Kommunikation gang und gaebe.

Ich habe mit der Zusammenfassung von biologischen und neurowissenschaftlichen Kenntnissen in philosophischer Hinsicht ‚menschliche Natur‘ thematisiert. Mit der Verwendung von Termini wie ‚pertubieren‘, ‚Aktivitaet‘ und ‚Prozessen‘ habe ich implizit Schlussfolgerungen und Hypothesen anderer mit verwendet, die eigentlich naeher erlaeutert werden muessten. Auf Nachfragen tue ich das gern. Die Unterscheidung zwischen ‚Aktivitaet‘ und ‚Prozess‘ hat Rolf Reinhold vorgenommen. ‚Aktivitaet‘ bezieht er immer auf Neuronales. ‚Prozess‘ waere alles UEbrige. Inhaltlich sind die Vorstellungen der beiden Termini noch unvollstaendig, d.h. in Arbeit. ‚Aktivitaet‘ bezeichnete ungefaehr das dynamische Prinzip von Nervenzellen, waehrend ‚Prozess‘ eine eher ueberschaubaren Ablaufes im Blick hat, der in und zwischen anderen Zellen passieren kann und der moeglicherweise einen klar zu bestimmenden Anfang und ein Ende hat. Zwischen ‚Aktivitaet‘ und ‚Prozess‘ zu unterscheiden, koennte auch von allgemeiner philosophischer Beutung sein, die ich aber noch nicht naeher erlaeutern kann.

20 Kommentare zu “sensorieren und philosophieren

  1. M.E. setzt diese Art von Philosophie die Selbsttäuschung mancher Hirnforscher absolut, mit gehirnphysiologischer Erkenntnis alle anderen Erkenntnisarten ersetzt zu haben. Frage: Wie sensoriert man Rankes Bücher über die preußische Geschichte?

    • Indem man die Augen auf den Text des Buches richtet. Dabei werden Sensoren (u.a. Zäpfchen und Stäbchen) gereizt, diese sensorischen Reize verarbeitet, Impulse an die nächste Nervenzelle weitergegeben …bis zum ZNS. Dort dürfte es bei Menschen, die bereits lesen können, entsprechende neuronale Patterns (Neuronen, die miteinander verbunden sind) geben, die mit diesen Reizen etwas anfangen können. Innerhalb der neuronalen Netzwerke sind Aktivitäten messbar, die man auch im Gehirn verorten kann. Dies vollzieht sich mit extrem hoher Geschwindigkeit. Beobachtbares Ergebnis: Jemand liest. Aus neurowissenschaftlicher Sicht dürfte meine Beschreibung minimal sein. Neurowissenschaftler könnten noch mehr über Schwellenwerte, biochemische Prozesse, Ladungsintensität, Synapsenstärken … usw. sagen.
      Nichts können Neurowissenschaftler aber über das sagen, was in der Metaphysik mit dem Wort „Erkenntnisse“ bezeichnet wird. Das Gehirn liest nicht. Die feuernden Neuronen lesen auch nicht. Folglich kann es da keine Erkenntnisse geben. Neurowissenschaftler müssen schon passen, wenn sie die sensorischen Vorgänge beschreiben sollen, die dazu führen, dass jemand einen Satz aus Rankes Geschichte vorliest. Sie können aber prinzipiell sagen: All das, was Menschen üblicherweise über Lesen sagen, können sie nur, weil ihr Nervensystem ununterbrochen aktiv ist, das kann man auch mit ’sensorieren‘ bezeichnen.

      Monika

  2. Damit ist beschrieben, wie man einen Text sensoriert, aber nicht, was man erlebt, wenn man Ranke liest. Dies Erlebnis hat m.E. etwas mit Erkenntnis zu tun, und diese Art von Erkenntnis auszulassen, beschränkt m.E. den Zugriff auf unsere Umwelt.

    • Die Frage war: „Wie sensoriert man Rankes Bücher über die preußische Geschichte?“ Meine Antwort schloss mit: „All das, was Menschen üblicherweise über Lesen sagen, können sie nur, weil ihr Nervensystem ununterbrochen aktiv ist, das kann man auch mit ‘sensorieren’ bezeichnen.“

      Auch das, was wir beim Lesen erleben, erinnern, also ‚assoziieren‘ geschieht laut Auskunft entsprechender Experimente nicht ohne ’sensorieren‘. Dieses sensorieren bezieht sich nicht auf die Wörter, Buchstaben des gerade vorliegenden Textes allein, sondern parallel dazu geschieht ein dadurch angeregtes intrakorporales sensorieren. Das was mit dem Impuls des Wörtchen „und“ angeregt wird, aktiviert das Nervensystem, damit der Leser denken und sagen kann, was seine Zäpfchen und Stäbchen da initiieren. Beim Lesen geschieht eben mehr – das sehe ich auch so – , als dass nur die Buchstaben und Wörter sensoriert werden, die man gerade vor sich hat. Die Nervenzellen könnten mit den Impulsen ausgelöst durch Wörter, Satzkonstruktionen … nichts anfangen, wenn es da nicht Anknüpfungsmöglichkeiten, i.S.v. bereits vorhandener synaptische Verbindungen („Bildung“) gäbe, die jeweils aktiviert werden. So viel können Neurophysiologen immerhin begründet sagen.

      Funktionale Analphabeten beispielsweise verfügen in der Regel über die Kenntnis, dass Buchstaben zu Wörtern synthetisiert werden müssen. Doch sie tun es nicht spontan, wie das jeder tut, von dem wir sagen, dass er lesen kann. Diese Spontaneität dürfte auf gut funktionierenden neuronalen Mustern basieren, die bei funktionalen Analphabeten sich aus gegebenem Anlass nicht gebildet haben.

      Bei normalen Lesern funktionieren neuronale Muster und entsprechend zeigen sie ein differenziertes Leseverständnis, können zum Text sich Vorstellungen machen … sich u.a. an Wortbedeutungen erinnern, … Wortbedeutungen dürften in einem sehr hohen Maße emotional gefärbt sein, vor allem dann wenn sie mit besonders eindrücklichen Erlebnissen verbunden sind. Jemand der als junger Soldat den Krieg miterlebt hat, dürfte auch noch als hochbejahrter Mann bei dem Wort „Krieg“ seine Kriegserlebnisse assoziieren.

      U.a. auf diese hochintensive neuronale Aktivität „assoziieren“ könnte man das beziehen, was Metaphysiker „erkennen“ nennen. Die Effizienz unseres Nervensystems hängt in hohem Maße davon ab, bekannte von unbekannten Impulsen zu unterscheiden. Nur so dürfte ein rasches, situatives Handeln möglich sein.
      ‚Erkennen‘ kann man das, was man kennt. Dies ist die ursprüngliche Bedeutung z.B. laut Grimmschen Wörterbuch der deutschen Sprache.
      Wenn ich in einem Text ein Wort lese, dass ich noch nie gelesen habe, es also nicht kenne, dann muss ich mich erst kundig machen (Wörterbuch, Lexika, Internet …) Beim nächsten Mal erkenne ich es dann.

      Monika

  3. Meine Frage ist: Kann Gehirnphysiologie in irgendeiner Weise angemessen beschreiben, was der Unterschied zwischen den Assoziationen, die sich beim Anblick eines Schinkenbrotes, und denen, die sich beim Studium eines historiographischen Textes ergeben, ist?
    Mein Verdacht ist, dass Argumente, wie du sie verwendest, nicht allein mit Sonsorieren und Assoziieren angemessen beschrieben werden können.

  4. Unter „angemessen“ verstehe ich, dass deutlich wird, dass Argumente auf neue rkenntnis gerichtet sind und nicht nur die alten Strukturen weiter festigen sollen.
    Das versuchst du ja mit deinem gegen Metaphysik gerichteten Philosophieren zu erreichen.

  5. ‚physistisch philosophieren‘ geht von dem aus, was man gemeinsam durch Hinsehen betrachten kann. Es geht mir um die Sache, die sich vielfältig aspektualisieren lässt und nicht darum zu argumentieren. Heißt: Ich möchte mit anderen um die Sache herumgehen und dann gemeinsam über Schlussfolgerungen nachdenken. Für mich bedeutet daher ‚angemessen‘ stets ‚an der Sache gemessen‘.

    Die Forschungsergebnisse der Neurowissenschaften können wir gemeinsam betrachten. Ich habe aus ihnen meine Schlussfolgerungen gezogen, von denen ich einige in meinen Antworten erläutert habe. Meine Schlussfolgerungen, so wie ich sie auffasse sind weder beweiskräftig, im Sinne von „Das ist so!“ noch im Sinne von „Ich habe recht!“ Sie sind lediglich das, was sich mir beim Hinsehen auf die Sache nahe legt. Für mein ‚philosophieren‘ ist es zentral, welche Schlussfolgerungen sich anderen beim Hinsehen auf die Sache nahe legen, so können physistische Sichten optimiert und weiterentwickelt werden.

    Ich habe bereits erläutert, dass „Erkenntnisse“ aus meiner Sicht nichts Neues bringen können, weil sie sich auf bereits Bekanntes beziehen dürften. Du scheinst aber der Meinung zu sein, dass Erkenntnisse Neues liefern. Es wäre für den Diskurs nützlich, inwiefern und worauf hin Du Dich dabei beziehst. Ich bin wie Du der Meinung, dass wir „nicht nur die alten Strukturen weiter festigen sollen“.

    ‚physistisch philosophieren‘ ist nicht „antimetaphysisch“ sondern „ametaphysisch“. ‚physistisch‘ bezieht sich stets auf konkrete Sachverhalte, die durch gemeinsames Hinsehen betrachtet werden können. Metaphysik geht vom Unkonkreten aus.

    Interpretationen (ob Schinkenbrot oder Kaiser Wilhelm…) von neurobiologischen und physikalisch messbaren Aktivitäten werden seit Libets Zeiten im Rahmen der experimentellen Settings durch die beteiligten Personen geliefert. Man betrachtet deren Beschreibungen (Ich habe gemerkt, dass …) als aussagekräftige Belege.

    Monika

  6. Was macht man dann mit Berichten wie „Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot ausging vom Kaiser Augustus, dass jedermann sich schätzen ließe …“ (Lukas) und „Gallien ist in drei Teile geteilt.“ (Caesar)? Sind das „aussagekräftige Belege“?
    Darf man bei der Betrachtung eines Sterns die Spektralanalyse eines Astronoms als so einen Beleg ansehen oder sollte man sich besser auf die eigenen Beobachtungen verlassen?
    Wie sieht es bei einem Schwarzen Loch aus?

  7. Für mich stellt sich nicht die Frage, was man darf oder was man nicht darf. Mein Kriterium für meine Annahmen und die anderer ist „Hinsehen auf die Sache“.
    Meinem eigenen Hinsehen unterstelle ich nicht prinzipiell, dass es zutreffender sei, als das Hinsehen anderer. Im Gegenteil: Eigenes und fremdes Hinsehen emanzipatorisch aufzufassen, entspricht aus meiner Sicht der natürlichen, menschlichen Bedürfnis mit anderen klar kommen zu wollen. Dieses Bedürfnis dürfte mich wohl darin immer wieder ermutigen, meine Schlussfolgerungen als Behauptungen zum Diskurs anzubieten. Außerdem ist es mein Resümee aus meinen jahrelangen philosophischen Forschungen, dass der menschlichen Natur der Zugriff auf Kriterien verwehrt ist, die „recht-haben“ in der Sache bestätigen könnten.

  8. „dass der menschlichen Natur der Zugriff auf Kriterien verwehrt ist, die „recht-haben“ in der Sache bestätigen könnten“. Wenn es diese Kriterien nicht gibt, kann man sich nur im jeweiligen Diskurs für den jeweiligen Sachverhalt einigen.

  9. Dass Habermas so was zutreffendes wie unter 10 gesagt hat, gefällt mir. Ich habe aber dann ein Problem mit 11: Welche Kriterien gibt es denn bei Habermas fürs „mulitlaterale Recht haben‘?

  10. Dass der Diskurs „herrschaftsfrei“ ist.
    Ich zitiere dazu mal aus Wikipedia: „Letztendlich gibt es nach Habermas vier mögliche Grundlagen – sog. Geltungsansprüche – die Bezugspunkte für die Argumentation sein können. Diese sind: Verständlichkeit, objektive Wahrheit, normative Richtigkeit und subjektive Wahrhaftigkeit. Ergebnisse herrschaftsfreier Kommunikation, die ausschließlich unter Berufung auf diese Geltungsansprüche zustande kommen, sind nach Habermas optimal rational. Für Habermas korrespondieren und überschneiden sich diese vier Geltungsansprüche mit dem Begriff der intersubjektiven Wahrheit. Intersubjektive Wahrheit bedeutet jedoch, dass jeder theoretisch mögliche Diskursteilnehmer der Aussage (PropositionBKL) zustimmen könnte. Der optimale Diskurs spiegle sich in der idealen Sprechaktsituation wider. Ideal wäre die Sprechaktsituation dann, wenn es keine Verzerrung der Kommunikation gibt. D.h.

    1. gleiche Chancen auf Dialoginitiation und -beteiligung,
    2. gleiche Chancen der Deutungs- und Argumentationsqualität,
    3. Herrschaftsfreiheit, sowie
    4. keine Täuschung der Sprechintentionen.“
    (http://de.wikipedia.org/wiki/Theorie_des_kommunikativen_Handelns)

  11. Der Entwurf Habermas‘ geht von etwas aus, das ich nicht nachvollziehen kann: „Zwar ist nach Habermas der einzelne Mensch nicht von sich aus zur Vernunft begabt … aber als mögliche Quelle der Vernunft sieht er stattdessen die Kommunikation zwischen Menschen, insbesondere die in der Form der Sprache ….“ (WIKI) Für mich stimmt nicht, dass der Mensch keine Vernunft hat, sie aber in der Kommunikation entstehen soll.
    Einfach gefragt: Wenn lauter vernunftlose Wesen sich unterhalten, woher fliegt ihnen dann die Vernunft zu?

    Aber wenn ich dies außer acht lasse, dann kann ich mir vorstellen, dass mit Leuten, die so kommunizieren möchten, auch ein Diskurs in meinem physistischen Sinne möglich ist.

    Ich möchte einige Unterschiede setzen, die aus meiner Sicht weitreichende Folgen haben können, doch von rationalistisch denkenden und nach Objektivität suchenden Gesprächspartnern eher marginalisiert werden dürfte.
    Es gibt für eine physistisch geprägte Nachdenkliche, wie mich, nur individuelle Sichten. Es ist für mich nicht nachvollziehbar, wie Kommunikation daran etwas ändern könnte.

    Daraus ergeben sich andere Beschreibungen für die Tätigkeit des ‚kommunizieren‘:
    ‚kapieren‘ , nachvollziehen können, worüber gesprochen wird statt ‚verstehen‘ (Verständlichkeit)
    ‚hinsehen‘ auf die Sache und gemeinsam ‚zutreffendes‘ finden, statt ‚objektiver Wahrheit‘
    ‚aspektualisieren‘, Kenntnisse anderer und eigene miteinbeziehen, statt ’normativer Richtigkeit‘

    ’subjektiver Wahrhaftigkeit‘ würde ich mit ‚redlich‘ wiedergeben wollen. Da man dies m.E. aber nicht kommunikativ überprüfen kann, würde ich es nicht als kommunikative Tätigkeit auffassen können. Wenn wir kommunikativ beim ‚kapieren‘, ‚hinsehen‘, ‚aspektualisieren‘ und ‚in der Sache bleiben, so meine ich, haben wir möglicherweise ein miteinander ‚handeln‘ bzw. ‚verhandeln‘, das nur mit ‚redlichen‘ Partnern gelingt.

    Um die Qualität ‚ideale Sprechaktsituation‘ zu beschreiben, möchte ich aus ähnlichen Überlegungen wie eben ’subjektive Wahrhaftigkeit‘ die Habermassche Beschreibung zuerst „keine Täuschung der Sprechintentionen“ ausklammern. Ich kann nicht verhindern, dass andere mich täuschen möchten.

    „1. gleiche Chancen auf Dialoginitiation und -beteiligung,
    2. gleiche Chancen der Deutungs- und Argumentationsqualität,
    3. Herrschaftsfreiheit …“

    Ich beschreibe dies zusammenfassend mit: „auf Augenhöhe kommunizieren“ bzw. ‚partnerschaftlich kommunizieren‘ dies schließt jede Art von Privilegien aus und ermöglicht sich auf Unterschiede einzulassen. Es beschreibt in einem umfassenden Sinn, dass Kommunizieren anderen das ermöglicht, was auch ich möchte, was man mir ermöglicht. Dies kann ermöglichen sich über Formen, Abläufe, Inhalte zu verständigen. Situationsbezogene Reaktionen einschließlich. Habermas erzählte über eine Gesprächsrunde in den USA, als er zum ersten Mal Richard Rorty zuhörte. ‚Ich flippte damals richtig aus!‘ schilderte er.

  12. Deine Umsetzung Habermas’scher Termini in deine verändert für mich nicht den wesentlichen Gehalt dessen, was mir an seinen Überlegungen attraktiv erscheint.

    Worüber Habermas ‚richtig ausgeflippt‘ ist, würde mich interessieren.
    Irgendwie klingt er nicht so, als ob ihm das häufig passierte.

  13. Habermas begegnete Richard Rorty zum ersten Mal auf einer Heidegger-Konferenz 1974 in San Diego. Er hörte wie Rorty in bestimmter Hinsicht Ähnlichkeiten der Sichten bei Heidegger, Dewey und Wittgenstein aufzeigte. Habermas schien es zu empören, dass der ‚Professor aus Princeton‘ Dewey, Heidegger und Wittgenstein in einem Trio auftauchen ließ. Wie kann man nur einen der radikalsten Demokraten, Dewey, mit Leuten wie Heidegger, einem eingebildeten „Mandarin“ und Wittgenstein, einem ‚Geistfetischisten‘ in einem Atemzug nennen? „Damals fand ich die Zusammenstellung so obszön, dass ich in der Diskussion ausgeflippt bin.“, meinte Habermas.
    Falls Dich der ganze Text interessiert, er ist im Moment online zugänglich unter http://www.buecher.de/shop/politische-philosophie/ach-europa/habermas-juergen/products_products/detail/prod_id/23343209/
    Du musst auf der Seite etwas nach unten scrollen, bis Du auf den Hinweis ‚Leseprobe‘ stößt. Die Erzählung findet sich auf der ersten Seite in „… and to define America, her athletic democracy“. Im Andenken an Richardt Rorty“.
    oder nachzulesen in Habermas (2008): Ach, Europa. Kleine Schriften. Frankfurt am Main (Suhrkamp) unter „… and to define America, her athletic democracy“. Im Andenken an Richardt Rorty“.

    Zum Fortgang unseres Diskurs‘ eine Frage: Was ist für Dich am attraktivsten an Habermas‘ Konzept?

  14. Pingback: Konsequent sensualistisch « Rolf Reinhold Philosophie

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