Theorien im wissenschaftlichen Diskurs


Ein Beitrag zur wissenschaftlichen Grundlagenforschung.

Ich gehe davon aus, dass der Mensch nur das denken kann, was seine physische Organisation – zu denen seine Sensoren gehoeren – ihm zur Verfuegung stellt. Diesen Gedanken stellte ich vor kurzem in einer interdisziplinaeren, universitaeren AG zum Diskurs. Dieser Gedanke sei trivial, niemand gehe davon aus, dass es anders sei, schallte mir entgegen. Die Antwort verblueffte mich. Ich stolpere naemlich seit Jahren darueber, dass Wissenschaftler von Theorien ausgehen, anstatt von dem, was wir sensorieren koennen.


Neurobiologie und Neuropsychologie

Ein Beispiel kann illustrieren, wie ich ins Stolpern komme.

„Das Interesse an den neurobiologischen bzw. neuropsychologischen Vorgaengen, die menschlichen Lern- und Entwicklungsprozessen zugrunde liegen, hat sich in den letzten Jahren zusehends gesteigert. … In zunehmendem Masse gerieten die Grundlagen der menschlichen Persoenlichkeitsentwicklung, der Handlungsplanung, der Ich-Funktionen oder der zwischenmenschlichen Kommunikation in den Blick, also das, was man als wesentliche Bereiche der menschlichen ‚Psyche‘ zu bezeichnen geneigt waere.“ [Guenter Schiepek (Hg.): Neurobiologie der Psychotherapie. (u.a. mit Beitraegen von Gerhard Roth, Manfred Spitzer, Manfred Lambertz, Volker Perlitz, Kai Vogeley, Christian Schubert …) Stuttgart (Schattauer) 2003,  S. 1.] Auszug bei Google-Buch

Die Psychologie verwendet philosophische Begriffe

Ich stolperte zuerst ueber den Terminus  „Interesse an den neurobiologischen bzw. neuropsychologischen Vorgaengen“. Mir ist bekannt, dass es mindestens seit dem 17. Jahrhundert ueblich ist, Gehirn und Psyche wissenschaftlich zu korrelieren. U.a. hat auch die Idee „Aether“ die wissenschaftlich-neurobiologische Szene dieser Zeit beherrscht. Man versprach sich eventuell von ihr, den „Begriff“ bzw. das Erklaerungsmodell „Psyche“ konkretisieren zu koennen. In diesem Sinne hat dann Christian Wolff’s Auffassung von Psychologie im 18. Jahrhundert zusammen mit den Forschungsergebnissen von Naturwissenschaftlern wie z.B.   Joseph Priestley , Charles Bonnet und Samuel Thomas Soemmering europaweit psychisches Geschehen im Gehirn verortet. Wissenschaftler des 18. Jahrhunderts gingen davon einvernehmlich aus, wie u.a. Soemmerring in einem Brief an Kant erwaehnte.

Die dichotomische Theorie dahinter

Auch folgendes steckt m.E. hinter dem einleitenden Text bei Schiepek. Man moechte  Neurobiologisches und Neuropsychologisches als einander Ebenbuertiges auffassen. Die Annahme, dass Seelisches und Koerperliches sich in praestabilisierter Harmonie befaenden, wie z.B. bei Leibniz nachzulesen, mag die Selbstverstaendlichkeit solch wissenschaftlichen Hantierens zusaetzlich erlaeutern. Die m.E. ausschlaggebende Theorie dahinter aber heisst: Der Mensch besteht aus Koerper und Geist. Oder wie Descartes unterschied: Es gibt „res cogitans“ und „res extensa“. Die „res cogitans“ sei der „res extensa“ ueberlegen, fuehrte er weiter aus und folgte so alten ontologischen Auffassungen. Daraus folgerte er: Denkend erfasse der Mensch seine und jede andere Wirklichkeit, wenn er nach bestimmten Methoden vorgehe. Diese Methoden haben quasi apriorischen Charakter . Derartiges stellte meine oben erwaehnte Annahme, der Mensch kann nur denken, was er sensoriert, auf den Kopf und ich überlegte, wie auf diese Art und Weise sensorieren und denken verbunden sein könnten.

Frag-würdige Überprüfung von Theorien

Das ergab fuer mich die Vermutung, man wende wissenschaftlich bereits seit langem erhobene psychologische Termini und Erklaerungen auf neu entdeckte naturwissenschaftliche Sachverhalte an. Diese Vorgehensweise zieht sich durch jede Wissenschaftsgeschichte. Die dabei möglicherweise intendierte Ueberpruefung von Theorien, indem man sie anwendet, duerfte aber kaum gelingen, solange man sich grundlegenden Fragenstellungen an die eigene Theoriebildung entzieht, wie z.B. der folgenden:  Es soll naemlich „… hier davon ausgegangen werden, dass eine … Bezugnahme von geistigen Phaenomenen auf Hirnprozesse prinzipiell moeglich ist, …“ (Schiepek, 424)  Solche selbstverstaendlich verwendeten Voraussetzungen veranlassen mich stets zu grosser Distanz gegenueber dem, was dann als „wissenschaftliche Erkenntnisse“ praesentiert wird. Es war in diesem Fall z.B. voellig unklar, was der Terminus ‚geistige Phaenomene‘ bezeichnen soll. D.h. es wurde eine weitere Denkgewohnheit unhinterfragt verwendet. Diese Denkgewohnheit implizierten u.a. Mitbedeutungen wie: Geist sei etwas und habe die Macht oder Kraft auf unseren Koerper zu wirken.

Der selbstverständliche Gebrauch von Denkgewohnheiten wirkt verhängnisvoll

Hume hatte dieses „Wissen“ im 18. Jahrhundert m.E. durch Hinsehen auf die Dinge gruendlich in Frage gestellt.  Die Mehrzahl der Wissenschaftler zeigte sich seit Jahrhunderten unbeeindruckt von seinen Anregungen. Mir faellt es leicht zu Humeschen Beschreibungen ja zu sagen. Ich habe aus eigenem Erleben die Wirksamkeit selbstverstaendlich gueltiger Denkgewohnheiten und Auffassungen kennen gelernt. Ich bin ueber ihre negativen Folgen fuer mein Handeln nachdenklich geworden. Deshalb unterstelle ich Wissenschaftlern versuchsweise, dass sie das gleiche Verhaengnis wie ich erleiden. Sie leiden moeglicherweise an der platonisch-aristotelischen Krankheit, Dichtungen fuer Konkretes zu halten und sind unermuedlich auf der Suche nach Anzeichen dafuer, dass ihre in diesem Kontext erfundenen Theorien „wahr“ sind.

Wie weitreichend die Auswirkungen solcher Vorgehensweisen sind, liess sich fuer mich am zweiten Teil des Eingangszitates erahnen: „In zunehmendem Masse gerieten die Grundlagen der menschlichen Persoenlichkeitsentwicklung, der Handlungsplanung, der Ich-Funktionen oder der zwischenmenschlichen Kommunikation in den Blick, also das, was man als wesentliche Bereiche der menschlichen ‚Psyche‘ zu bezeichnen geneigt waere.“ Hier sollen komplette psychologische Forschungsbereiche im Verein mit voellig unterschiedlichen Auffassungen ueber „Persoenlichkeit, Handeln, Ich und Kommunikation“ miteinbezogen und mit neurobiologischen Grundlagen ausgestattet werden. Ich fragte mich, ob der Herausgeber sich nicht doch etwas viel vorgenommen hat. Koennte es sein, dass unerforschte Voraussetzungen zur Omnipotenz verleiten? Konkrete Beispiele fuer derartige Vermutungen kenne ich.

Neurobiologisch gestützte Spekulationen statt ‚hinsehen‘ auf die Dinge

Ich interpretierte diesen Ansatz schliesslich als Hinweis darauf, dass man daran interessiert sei, das Gespraech ueber neurobiologische Forschungsergebnisse nicht zu versaeumen, ohne sich ueber die eigenen Voraussetzungen Gedanken zu machen. Anders gesagt, ich hatte den Eindruck, man moechte bisher geuebte Theorien beibehalten und sie auf neurobiologische Forschungen stuetzen koennen. Aehnliches schien ein Mitautor des Schiepek-Bandes,  Kai Vogeley anzunehmen, wenn er von „neurobiologisch gestuetzten Spekulationen“ spricht. (Vgl. Kai Vogeley: Selbstbewusstsein, soziale Kognition und Hirnruhezustand . Aus einer Online-Veroeffentlichung der Arbeitsgruppe „Signsofidenty“ der Philosophischen Fakultaet der Leibniz Universitaet Hannover.)

Die Fragwuerdigkeit eigener Grundlagen wird ignoriert

Daraus folgerte ich, in dem vorliegenden Band wurden Theorien vor das Hinsehen gesetzt und so neu Sensorierbares gewohnheitsmaessig interpretiert. Das entsprach nicht meiner Sicht auf den Zusammenhang zwischen ’sensorieren‘ und ‚denken‘. Ich lasse Sensoriertes von meiner physischen Organisation verarbeiten und warte ab, welche Worte mir dazu einfallen. Marginalisiert wird dabei ausserdem, dass man innerhalb der Psychologie laengst bemerkt hat, dass Selbstverstaendlichkeiten sich aufloesen: „In den Kulturwissenschaften, in der Soziologie und der Psychologie ist fraglich geworden, inwieweit … und in welcher Form Begriffe wie „Subjekt“, „Person“, „Ich“, „Selbst“, die zum Grundbestand alteuropaeischer Denktradition gehoeren (Luhmann), … der Dekonstruktion standhalten koennen.“ Ebd.

Der Konsens – so fiel mir dazu ein -, den Augustin von Thagaste mit Freunden und Verwandten Ende des 4. Jahrhunderts in der Naehe von Rom herstellen konnte, dass der Mensch aus Geist und Koerper bestehe, ist schon seit laengerem nicht mehr unser Konsens.

Folgen: unzutreffende Schlussfolgerungen

Theorien über Menschliches gehen implizit immer noch davon aus.  So kommt es im Fall der „Neurobiologie der Psychotherapie“ zu weitreichenden, aber aus meiner Sicht sehr irrtumsträchtigen Aussagen, weil der Sachverhalt nicht beobachtbar ist: „Zumindest kann die Neurobiologie heute in groben Zuegen angeben, ‚wie das Gehirn die Seele macht‘.“ (Ebd. S. 41.) Mir fiel dazu ein Gespraech mit meinem Schwager ein, der als Physiker auf neurobiologischen Terrain forscht. Er sah ausgehend von der Sache keinerlei Moeglichkeiten derartige Aussagen machen zu koennen. Die experimentellen Settings zu diesem Thema verbinden nichts weiter als Aussagen der Probanden mit ihren Messergebnissen. (Vgl. Benjamin Libet : Mind Time. Frankfurt am Main (Suhrkamp TB) 2007, S.34ff. ) Derartige Schlussfolgerungen verbunden mit folgender verschlagen mir die Sprache. „Die Ergebnisse der Hirnforschung sowie der entsprechenden medizinischen Disziplinen machen plausibel, dass es sich bei der Beziehung zwischen mentalen Zustaenden und Hirnprozessen um eine sehr enge Korrelation handelt.“ (Schiepek, 424) Das wunderte mich nicht, denn man war ja bereits davon ausgegangen, dass diese Beziehung moeglich sei. Es verstärkte meine Idee, dass die wissenschaftshistorische Erforschung des Bezuges von Theorien zu Konkretem sehr wichtig sein dürfte.

Ich moechte anfuegen, dass auch ich ohne Theorie nicht handeln und forschen kann. Ich nenne das, wovon ich denkend und handelnd im Hinblick auf mein ’sensorieren‘ ausgehe, dank eines gruendlich ueberlegten Vorschlages von Rolf Reinhold, Annahmen – kleine Wolken. Sie haben den Vorteil, dass ich sie stets auf Konkretes beziehen und daher auch leicht korrigieren kann.

Man sieht, was man sieht und sieht nicht, was man nicht sieht.

Komplexe Theorien wie im Eingangszitat erwaehnt, die weitere wie „Ich“, „Bewusstsein“, „Geist“, „Seele“, „Subjekt“, „Objekt“ implizieren, scheinen infolge ihrer jahrhundertelangen Tradition des selbstverstaendlichen Gebrauches den Anschein von Fachwissen zu erwecken. Die Gewohnheit, Voraussetzungen im Sinne von Wissen anzuwenden, fuehrt vermutlich dazu, zu behaupten: Wir gehen alle denkend nur von dem aus, was wir sensorieren.

„Man kann doch sehen, dass die eine Billiardkugel die Ursache dafuer ist, dass die andere sich in Bewegung setzt!“, wurde Hume – und wird jedem der dies demonstriert – gegen seine auf ’sensorieren‘ bezogene skeptische Auffassung zum Dogma der Kausalitaet entgegengehalten. Was wir sehen, so antwortete Hume, ist, dass ein Ereignis dem anderen folgt. Rolf Reinhold wuerde ergaenzen, insofern ist das erste Ereignis die Ur-Sache. Hume resuemierte weiter, wir finden nichts an  einem erstmaligen Ereignis, das uns veranlassen koennte, konkrete Wirkungen verlaesslich vorauszusagen. Erst wenn wir wiederholt erlebt haben, dass einem bestimmten Ereignis immer wieder ein weiteres aehnliches Ereignis folgt, sagen wir: Wir sehen, dass das erste das zweite bewirkt. Hume fiel nichts Plausibleres ein, als dies Gewohnheit zu nennen, wobei er einraeumte, nicht zu wissen, wie es dazu kaeme. Derartige erworbene Sehgewohnheiten beherrschen als Erwartungen unser menschliches Denken und Handeln ueberall. Menschen neigen dazu, ihre Erwartungen bestätigt zu sehen. Darin duerften auch Wissenschaftler keine Ausnahme machen.

Fragwürdige Sicherheiten aufgeben

Wir sollten Sehgewohnheiten verlassen koennen, wenn wir interdisziplinaer weiter kommen moechten. Ich moechte aber warnen: Dabei koennte sich folgendes ergeben: „Die wahrgenommene qualitative Verschiedenheit der sich in der psychischen und der neuronalen Dimension manifestierenden Phaenomene liegt … an der unterschiedlichen Repraesentation ein und desselben Geschehens im Bewusstsein des Betrachters.“ (Mike Luedmann: Schizophrenie im Angesicht des Leib-Seele-Problems. Journal fuer Philosophie & Psychiatrie, Jg. 2 , 2009, Ausgabe 1.) Fachwissenschaftler duerften diesen Vorgang als schmerzliche Dekonstruktion eigenen Wissens erleben. Wenn ferner entsprechende Forschungsprogramme durchaus relevante Ergebnisse fuer die psychologische Praxis ergeben, auch „… wenn eine reduktive Erklaerung mentaler Phaenomene scheitert. …“, duerfte dies weitreichende Folgen fuer die jeweilige Wissenschaft haben. (Vgl. Guenter Schiepek: Die neuronale Selbstorganisation des Selbst.Ein Beitrag zum Verhaeltnis von neuronalen und mentalen Prozessen aus Sicht der Synergetik* (*Wissenschaft der Selbstorganisation)PDF-Datei.

Physistik statt Metaphysik

Traditionelle Sehgewohnheiten zu merken, scheint mir daher ein nuetzlicher Beitrag für den interdisziplinaeren Diskurs. Rolf Reinhold’s Idee Dinge zu beschreiben, die wir gemeinsam aspektualisieren können, koennte dazu beitragen unsere Basisannahmen nicht nur denkend gegenwaertig und so revidierbar zu halten, sondern sie auch so ueberschaubar wie nur moeglich zu halten.

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