Individuelle Sichten



„Die Dinge sind für mich so, wie sie sich mir zeigen, und für dich so, wie sie dir sich zeigen.“ Und so ist „der Mensch das Maß aller Dinge“

Das Altgriechische ‚chremata‘ des Homo-Mensura-Satzes, den die Quellen Protagoras zuschrieben, hat eine aehnlich weitreichende Bedeutung, wie das deutsche Wort ‚Dinge‘, mit dem es wiedergegeben wird. ‚chrema‘ bezeichnet: „Alles, womit der Mensch hantiert, womit er etwas anfangen, was er zu seinen Zwecken gebrauchen kann, oder auch womit er zu schaffen, zu tun hat. in diesem Sinne Sache, Ding, Stueck, Ereignis, Erscheinung, Vorfall, Geschaeft. Im Besonderen heißt bald der Mensch selbst ‚chrema‘ : Ding, Geschoepf, ein Wunder (von Frau) . Im Plural erscheint ‚chremata‘ als Sammelbegriff für Habseligkeiten, Hab und Gut, Sklaven, Herden Jagdtiere… Vermoegen, Leben, Macht, Machtmittel … etc.“ steht in der digitalen Version von Papes griechisch-deutschem Woerterbuch. Dem verbalen Stammwort ‚chraomai‘ – im Altgriechischen sind Substantive fast immer Ableitungen des Verbs – entsprechen Terme wie  „… eine Sache, sich zu Eigen machen, auch leihen. In Bezug auf Goetter verehren, sie als Gottheit annehmen, mit ihnen verkehren, sie befragen. Mit eigenen Anlagen, Kraeften verfahren, ihnen gemaeß handeln. sie benutzen, zeigen. Gesetze befolgen, einhalten. Zustaende, Gefuehle empfinden, mit ihnen zu tun haben; sich in Umstaende zu schicken wissen, den Staat verwalten; mit gegebenen Verhaeltnissen umgehen; mit Kuensten, Wissenschaften, Gewerben hantieren; kaufen, verkaufen; …“

Aus allen diesen moeglichen Uebersetzungen laesst sich schließen, dass der Homo-Mensura-Satz sich auf alle Lebensbereiche bzw. auf unser gesamtes Verhalten bezieht – auch im Hinblick auf den Menschen selber. Er koennte auch heißen: „Was immer der Mensch tut, er tut es auf seine Weise.“ Oder: „Individuelles ist unhintergehbar“. Dieses Grundprinzip menschlichen Verhaltens duerfte im Alltag des antiken Griechenland und auch unter Wissenschaftlern (Sophoi, Sophisten und Philosophen) allgemein akzeptiert gewesen zu sein. Es zeigte sich m. E. in den offen endenden platonischen Dialogen oder in den miteinander konkurrierenden Philosophien oder im Wechsel unterschiedlicher Regierungsformen und politischen Entscheidungen oder in den unterschiedlichen Sichtweisen oeffentlicher Reden … etc. Individuelles wurde durch gemeinsam geteilte kulturelle und religioese Traditionen und Gesetze begrenzt. Die Verletzung des traditionellen Goetterglaubens war todeswürdig. Trotzdem war niemand „… an ein heiliges Recht gebunden waren, welches Religion und Staat zusammenkettete, … kein Klerus in Art der aegyptischen Priester, der Magier und Chaldaeer … war [vorhanden], welcher … im Namen einer vorhandenen, einzig berechtigten Lehre unterdruecken konnte.“ [Jacob Burckhardt: Griechische Kulturgeschichte: Achter Abschnitt. Zur Philosophie, Wissenschaft und Redekunst, S. 97. Digitale Bibliothek Band 55: Geschichte des Altertums, S. 10692] Diese Lehre, die unterdrückt, gab es für unseren Kulturkreis erst mit der Verbreitung des Christentums in Europa. Mit ihm ist m.E. das von den Griechen praktizierte Naturprinzip des Individuellen zugunsten behaupteter Wahrheit und richtiger Moralitaet nachhaltig verdraengt worden.

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