Wir hören und hören doch nicht


Aus Fritz Mauthners philosophischen Nachdenklichkeiten:



„Ein lehrreiches Beispiel dafür, wie unvollständig wir hören, erlebte ich einmal in Nizza. Ich ging im Jardin public in deutschen Gedanken verloren umher. Dabei glaubte ich von Zeit zu Zeit den Berliner Straßenruf zu hören: „Fliegenstöcker“. … Ich blicke auf, sehe wo ich bin und weiß sofort: ich kann hier in Frankreich unmöglich „Fliegenstöcker“ rufen gehört haben. Nun lausche ich aufmerksam darauf, was wohl so ähnlich geklungen haben mag. Wieder ertönt der Ruf. Ich glaube jetzt schon undeutlicher etwas zu vernehmen, was wie „Fliegenstöcker“ klingt; aber nur ähnlich. Wieder ertönt’s. Jetzt unterscheide ich nur noch eine musikalische Tonfolge von drei bis vier Silben und in der ersten Silbe ein langgezogenes i. Ich übe mich nun darin, nach meinem Belieben „Fliegenstöcker“, „Niederwald“ oder „Mittagessen“ in den Ruf hinein zu hören. Das gelingt mir vollkommen. Heraushören kann ich aber kein französisches Wort. Nun gehe ich dem Schalle nach in eine Nebenstraße. So wie ich den Mann erblickt habe, einen „fliegenden“ Glaser, deute und höre ich sofort den richtigen Ruf: „au vitrier“.

Ich habe selbst nie einen Fall beobachtet, aus dem man besser lernen könnte, wie wir gewöhnlich hören. Alles ist ein à peu pres. Wir raten. Vielleicht erhalten wir sogar beim Hören noch weniger Laute zur Kenntnis als Buchstaben beim Lesen. Die Assoziation der Vorstellungen, also unsere Gewohnheit, leistet die Hauptarbeit. Im Verlaufe eines längeren Gespräches oder Geschwätzes verstehen wir jedes Wort des andern. Bei seinem plötzlichen Anruf aber, besonders in einer fremden Sprache, sind wir ratlos, wir haben noch keinen Assoziationskern.“

Fritz Mauthner: Zur Sprachwissenschaft IX. Tier- und Menschensprache: „Vitrier“

 

Assoziationen von amruthgen:

Vor Jahrzehnten lag ich an einem sehr warmen, dämmrigen Sommerabend im Bett und hing den Ereignissen des Tages hinterher. Die Eltern hatten uns ins Bett geschickt. Ich hörte das gleichmäßige Atmen meiner beiden jüngeren, bereits schlafenden Schwestern. Das Fenster stand offen. Das beunruhigte mich etwas, weil es nur wenig über dem Grund außerhalb lag. Ich lauschte nach draußen. Da hörte Ich jemanden meinen Namen rufen. Olli von nebenan? Zuerst zögerte ich, dann sah ich hinaus: Weit und breit niemand zu sehen. Was hatte ich da gehört? Beim ‚wundern‘, bin ich dann eingeschlafen.

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