Ueber den Mythos des Geistigen



Meine Ablehnung von Erkenntnistheorien bezieht sich u.a. auf deren Setzungen wie z.B. ‚Geist‘, ‚Vernunft‘, ‚Verstand‘, ‚wahr‘, ‚falsch‘, Wissen, … etc., die aber in erkenntnistheoretischen Loesungen nicht als Setzungen ausgewiesen wurden, sondern im Gebrauch der Worte den Charakter des Faktischen annahmen und so gewohnheitsmaeßig die Selbstverstaendlichkeit des Geistigen und aller damit verbundenen geistigen Faehigkeiten kreiert haben dürften. Jeder der diese Ueberlegung nicht teilt, wird sie argumentativ mehr oder weniger geschickt und eventuell mit dem Hinweis auf wissenschaftliche Autoritaeten verwerfen.

Ohne auf denkbare Argumente einzugehen, ist weiter von Bedeutung, dass die im Diskurs zwischen verschiedenen Erkenntnistheorien zum Faktum erhobene Behauptung ‚der Geist ist etwas‘ verbunden wurde mit der abendlaendischen Behauptung, der menschliche Geist sei besser als der menschliche Koerper. Eine Behauptung die u.a. bei Augustin Thagaste zu finden ist, der seinem „Prinzip der Innerlichkeit“ folgend meinte: „Melius quod interius.“ (Bekenntnisse 10.6.9 )
Diese Idee, dass ‚innere‘, ‚geistige‘ Erkenntnis hoeherwertiger sei als Schlussfolgerungen aus ’sensorieren‘, zieht sich als unbemerkte Behauptung selbstverstaendlich durch jede Erkenntnistheorie. Sie foerdert die Auffassung, dass grundsaetzlich jede Theorie der Praxis überlegen sei. Es koennte sein, dass neuzeitliche Erkenntnistheoriker als Soehne und Toechter der ihnen auferlegten metaphysischen Schulung im Sinne eines vorauseilenden Gehorsams und gegen die aufklaererische Forderung ’sapere aude‘ die Pflicht erfuellen, die von den Altvorderen aufgestellten Behauptungen nachzuweisen, um sie weiterhin zu benutzen und um darueber hinauszugehen: Erkenntnistheoretiker naemlich behaupten, dass geistige d.h. apriorische Erkenntnisse jeweils Grundlage unseres ‚handeln‘ seien. Eine Behauptung, die noch heute m. E. unnoetige Graeben zwischen naturwissenschaftlichen und geisteswissenschaftlichen Sichtweisen aufreißt. Die als Loesung angesehene Behauptung duerfte in Zeiten autoritaetsorientierten Philosophierens vermutlich als funktional betrachtet werden koennen, aber in Zeiten des Beduerfnisses nach zunehmender Eigenstaendigkeit und nach Authentizitaet als verzichtbare Beschraenkung erlebt werden.

Hume hatte dazu bemerkt, dass der Verzicht auf die unreflektierte Uebernahme von Behauptungen frueherer Autoritaeten, alle deren Behauptungen fragwuerdig, wenn nicht hinfaellig macht. Es bleibt ohne Autoritaet nur noch die jeweils eigene Sicht auf die Dinge. Statt von Behauptungen anderer auszugehen, kann ein Mensch sich dann bloß auf das beziehen, was ein Mensch jeweils kennen kann. Die Philosophiegeschichte dokumentiert, dass es in der Philosophie bisher selten vorgekommen ist, dass eigenstaendig philosophiert wurde, wie es die antiken Philosophen gefordert hatten. Im Gegenteil: Es hat sich im Bemuehen um Gewissheit im philosophischen Denken der westlichen Welt etwas verfestigt, das als Denkverbot funktioniert: „Du sollst den Geist, die Vernunft, … etc. nicht in Frage stellen!“ Macht jemand sich daran zu schaffen, steht er in Gefahr philosophisch ignoriert zu werden. Dekonstruktion ruft Empoerung hervor. Das duerfte sich nachteilig fuer eine philosophische Weiterentwicklung auswirken koennen.

Die hier skizzierten, vermuteten Zusammenhaenge verdienen aus meiner Sicht nicht den Namen ‚Dekonstruktion‘: dazu muessten sehr viel weiter fuehrende Ueberlegungen angestellt werden. Sie taugen m. E. aber dazu, um begruendete Fragen zu stellen und ein Gefuehl des Unbehagens hervorzurufen.

Zur Erkenntnistheorie


Erkenntnistheorien sind geschlossen

Einer meiner Tuebinger Philosophieprofessoren fragte mich vor Jahrzehnten: „Muss man nicht neurotisch sein, um auf die Idee mit dem Ding an sich zu kommen?“ Damals irritierte mich die Frage und ich erinnere mich, dass ich sie mit Erkenntnistheorie beantwortete und damit auch abwehrte. Die Frage liess mich aber unterschwellig nicht mehr los. Immer oefter stiess ich mich daran, dass erkenntnistheoretische Aussagen auf sich selber verweisen, bzw. auf den logischen („richtigen“) Zusammenhang ihrer Erkenntnisse. Ein geuebter Erkenntnistheoretiker duerfte sich daran nicht stoeren, sondern er wird diesen Sachverhalt wahrscheinlich als selbstverstaendlich betrachten. Diese rueckbezuegliche Geschlossenheit von Theorien wird je nach dem auch in anderen Wissenschaften praktiziert. Doch keine andere verfolgt das Projekt Erkenntnistheorie so wie die Philosophie es tut. Philosophen gehen weiter „….als jede andere Wissenschaft, indem sie auch ihr eigenes Rechtfertigungsverfahren selbst rechtfertigen … , bis auf die ‚letzten Gruende‘ zurueckzugehen …“ Albert Keller: Allgemeine Erkenntnistheorie. Stuttgart (Kohlhammer) 2006, 3. Aufl., S.58.)
Das komplexe Gebilde ‚Erkenntnistheorie‘ eine Bezeichnung die erst nach Kant im 19. Jahrhundert gebraeuchlich wurde – wurde mir bereits im ersten Semester meines Studiums neben der Ontologie als eine Grundlagenwissenschaft der Philosophie vorgestellt. Es wurde behauptet, dass bereits die ersten griechischen Philosophen Erkenntnistheorie betrieben haetten. Philosophen, die sich von dieser Grundlagenwissenschaft verabschiedet hatten, schieden aus dem Club der ‚richtigen‘ Philosophen aus.
Will also ein Philosophiestudent ein (amtlich anerkannter) Philosoph werden, wird er um erkenntnistheoretische Fragestellungen nicht herumkommen. Die noch heute eher Metapyhsik als Philosophie lehrende universitaere Dissiplin fungiert als eine Art ‚Lordsiegelbewahrer‘.

Erkenntnistheorie ist überflüssig

Aus meiner heutigen Sicht ist Erkenntnistheorie ueberfluessig, weil sie ausser ‚preisend mit viel schoenen Reden‘ nichts zur Weiterentwicklung des ‚philosophieren‘ beitragen kann.
Aus meiner Sicht ergibt sich dieses Urteil vor allem daher, dass sie

  1. ‚erkennen‘ mit ‚wissen‘ gleichsetzt.
  2. stillschweigend davon ausgeht, dass Koerper und Geist(-Seele) substantiell unterscheidbar seien.
  3. außerdem ungeprüft davon ausgeht, dass ‚denken‘ unser ‚handeln‘ steuert.
  4. die eigenen Annahmen und Behauptungen fraglos als ERKENNTNISSE verwendet und auf diese Weise WISSEN sugeriert.

Erkenntnistheorie verhindert Weiterentwicklung der Philosophie

Erkenntnistheorie ist mir nicht gruendlich genug. Sie verlaesst und bezieht sich allzusehr auf die Autoritaet altvorderer Aussagen. Ihr eigener Anspruch, dass ‚denken‘ im Unterschied zum ‚tun‘ den Mehrwert der Theorien vor der Praxis ausmache, wird so weder eingeloest noch wirksam. Erkenntnistheoretiker denken im Rahmen der Tradition. Sie ueberschreiten und hinterfragen ihn nicht. Sie koennen ihn vermutlich weder ueberschreiten noch hinterfragen, weil ihre akademische Sozialisation die uebernahme traditioneller Denkwege verlangt. Es tut weh, Vertrautes und Gewohntes zu befragen oder es gar zu verlassen.

Fuer mich ist ‚erkennen‘ der gehorsame Vollzug von ‚urteilen‘ und ‚bewerten‘ im Kontext allgemeiner kultureller Sichten und Werte. Der bis heute selbstverstaendliche Gebrauch von Kants Transzendentalphilosophie und Vernunftauffassung duerfte meine Behautpung bestaetigen koennen. Dies hatte bisher zur Folge, dass Andersdenkende fuer weitere Generationen marginalisiert wurden.
Fuer mich ist ‚Geist‘ bzw. das ‚Denken‘ ein Buch mit sieben Siegeln, obwohl ich Jahrzehnte damit zubrachte ‚Geist‘ und reflexionsphaenomenologische Ueberlegungen zu erforschen. Ich meinte lange Zeit, ich wuesste, was Geist sei.
Folgendes kapiere ich nicht im Hinblick auf das Wissenschaftsverstaendnis der Philosophie: Im Hinblick auf tradtionelle theoretische Auffassungen (Erkenntnisse!) werden Aussagen und Forschungsergebnisse anderer Humanwissenschaftler abgewertet oder gar nicht zur Kenntnis genommen. Seit mehr als 50 Jahren darf es unter Humanwissenschaftlern als ziemlich gesichert gelten, dass unser ‚handeln‘ vor allem von unserer neurophysiologischen Natur gesteuert wird. Auch darueber gibt es innerhalb der Philosophie kaum Diskussionen und keine Konsequenzen fürs ‚philosophieren‘.
Möglich wäre darüber folgendes zu sagen: „Es gibt eine Erinnerungskultur der Bearbeitung von Erinnerungskultur, eine … verbreitete leise Begeisterung für die Konstrukteure von Bibliotheken, welche es uns heute ermöglichen, mit Neugier immer wieder anders durch die Regale zu jagen und aus den verstummten Stimmen der Frühzeit gedruckten Wissens unsere eigene intellektuelle Existenz lebendig zu erhalten.“ Ulrich Johannes Schneider: Anmerkungen zur Geschichte der Gelehrsamkeit. In: Friedrich Vollhardt: Historia literaria. Berlin (Akademie) 2007, S. 265ff.

Annahmen und ’nachdenken‘

Ich moechte philosophierend ’nachdenken‘ praktizieren, das sich auf ‚handeln‘ und dessen Erfordernisse bezieht. Erkenntnistheorie betrachte ich deshalb als eine von vielen Spekulationen, die erklaeren moechten, wie die ‚Welt uns bewusst‘ wird. Ich habe darauf verzichtet, darueber nachzudenken, weil ich dies fuer eine seit Jahrhunderten unbeantwortbare Frage halte. Zur Zeit sehe ich keinen Anlass davon auszugehen, dass es darauf jemals eine nachvollziehbare Antwort wird geben können. Hier folge ich gern meinem alten Lehrer Augustin Thagaste, der dies auch so sah. Ich stelle lediglich fest, dass ich sensoriere (empfinden), handle und nachdenke. Ich stelle fest, dass es nützlich ist, anstatt von Erkenntnissen von Annahmen auszugehen, um so in unterschiedlichen Situationen moeglichst optimal handeln zu koennen. Annahmen finde ich durch ’nachdenken‘.
Die Entscheidung gegen die Erkenntnistheorie fiel bei mir auch im Kontext der alltaeglichen Schulpraxis mit ungeeigneten schulischen Lerntheorien, die Lehrer in der Scheinsicherheit wiegen, dass sie wuessten, wie Schueler ‚richtig‘ lernen. Mein Resuemee: Schulische Lerntheorien entstanden in der Nachfolge erkenntistheoretischer Spekulationen. Ich halte sie für unbrauchbar.

sensorieren und sinnliche Wahrnehmungen



Sinnliche Wahrnehmungen hatte ich in meinen metaphysischen Zeiten: Sie waren das, dem ich wohl oder uebel nicht entkommen konnte. Sie stoerten aber mein zielstrebiges Tun und Denken. Sie zeigten sich widerspenstig und fuegten sich mit den Jahren immer seltener, in das, was ich dachte und erreichen wollte. Oft erschlugen sie mich einfach und ich wollte nur noch Ruhe vor ihnen haben.

Inzwischen habe ich festgestellt, dass es fuer mich einen Unterschied macht, ob ich von sinnlichen Wahrnehmungen spreche oder von ’sensorieren‘. Mit sinnlichen Wahrnehmungen verbinde ich ‚Erkenntnistheorie‘ – mit ’sensorieren‘ die Vorstellung von meiner ‚Einheit Koerper‘ . Erkenntnistheorie dient der Rechtfertigung von Wissen ueber Handeln – ’sensorieren‘ meinem ‚handeln‘. ‚physistisch philosophieren‘ dient so mir und meiner Autonomie , die mir – obwohl in Aussicht gestellt – Erkenntnistheoretie, bzw. Metaphysik nie ermoeglichten. Das duerfte daran liegen, dass der Metaphysik jede konkrete Soliditaet fehlt: sie metaphorisiert Konkretes ins scheinbar eigentliche „Sein“ des ‚Geistes‘, das seit Jahrhunderten hoehlenplatonisch als die eigentliche Wirklichkeit erreichbar in Aussicht gestellt wird. Im Moment bin ich versucht meinen Emotionen zu folgen. Ich war sehr lange damit beschaeftigt herauszufinden, was andere meinen, wenn sie die Metaphysik empfehlen. Doch ich lasse meine Emotionen lieber beiseite. Was ich hier schreibe, duerfte schon irritierend genug sein.

Von der Metaphysik bzw. der Erkenntnistheorie versprach ich mir Impulse fuer mein ‚handeln‘. Die Impulse blieben aus,  aber es stellten sich Impulse ein, die anderen Einsichten zu folgen schienen. Metaphysiker haben – um auch solche Phaenomene erklaeren zu koennen – vor zwei Jahrhunderten eine eigene Wissenschaft ins Leben gerufen, die sie Psychologie nannten. In schlimmsten Zeiten beschrieb ich mich als fremd gesteuert. Diese Redeweise war eine Folge entsprechender psychologischer Theorien. In meinen besten Zeiten hatte ich Hoffnung, dass ich effizient wuerde handeln koennen, wenn ich es nur richtig machte. Das ‚richtig-machen-muessen‘ passte zu meiner Berufstaetigkeit: Lehrerinnen sind qua Berufsrolle darauf verpflichtet, alles, aber auch wirklich alles richtig zu machen. Referendare duerften dies noch kennen. Spaeter verdraengt man das, sonst bringt es einen um. Aber es hinterlaesst an der Oberflaeche eine Empfindsamkeit, die von anderen als Kritikunfaehigkeit bezeichnet wird und sich durch Abwehr kundtut,  die ’sensorieren‘ veraendert und beeintraechtigt.

Tatsaechlich wirksam zeigte sich aber das Lucy-Syndrom: Eine Erfindung von Charles Schulz fuer den Kreis seiner „Peanuts“ . Sie sagt anderen stets ganz unverbluemt, was sie zu tun haben und weist sie auf ihre Charakterfehler hin. Sie hat immer recht und sie ist der Typus des ‚ungeselligen Menschen‘, den Kant bei seiner Kritik der reinen Vernunft im Auge hatte: Denn sie geht davon aus, dass sie andere eigentlich nicht braucht. Wozu auch? Vernunft hat sie selber und die ausschlieszlich braucht sie nach Auskunft vieler, vieler Philosophengenerationen, um richtig zu ‚handeln‘. Insofern ist Lucy eine aufgeklaerte Frau, die daran arbeitet, alles und jeden in den Griff zu kriegen.

Ich finde, Lucy macht deutlich, wohin Aufklaerung durch Vernunft fuehrt.

Theorien im wissenschaftlichen Diskurs


Ein Beitrag zur wissenschaftlichen Grundlagenforschung.

Ich gehe davon aus, dass der Mensch nur das denken kann, was seine physische Organisation – zu denen seine Sensoren gehoeren – ihm zur Verfuegung stellt. Diesen Gedanken stellte ich vor kurzem in einer interdisziplinaeren, universitaeren AG zum Diskurs. Dieser Gedanke sei trivial, niemand gehe davon aus, dass es anders sei, schallte mir entgegen. Die Antwort verblueffte mich. Ich stolpere naemlich seit Jahren darueber, dass Wissenschaftler von Theorien ausgehen, anstatt von dem, was wir sensorieren koennen.


Neurobiologie und Neuropsychologie

Ein Beispiel kann illustrieren, wie ich ins Stolpern komme.

„Das Interesse an den neurobiologischen bzw. neuropsychologischen Vorgaengen, die menschlichen Lern- und Entwicklungsprozessen zugrunde liegen, hat sich in den letzten Jahren zusehends gesteigert. … In zunehmendem Masse gerieten die Grundlagen der menschlichen Persoenlichkeitsentwicklung, der Handlungsplanung, der Ich-Funktionen oder der zwischenmenschlichen Kommunikation in den Blick, also das, was man als wesentliche Bereiche der menschlichen ‚Psyche‘ zu bezeichnen geneigt waere.“ [Guenter Schiepek (Hg.): Neurobiologie der Psychotherapie. (u.a. mit Beitraegen von Gerhard Roth, Manfred Spitzer, Manfred Lambertz, Volker Perlitz, Kai Vogeley, Christian Schubert …) Stuttgart (Schattauer) 2003,  S. 1.] Auszug bei Google-Buch

Die Psychologie verwendet philosophische Begriffe

Ich stolperte zuerst ueber den Terminus  „Interesse an den neurobiologischen bzw. neuropsychologischen Vorgaengen“. Mir ist bekannt, dass es mindestens seit dem 17. Jahrhundert ueblich ist, Gehirn und Psyche wissenschaftlich zu korrelieren. U.a. hat auch die Idee „Aether“ die wissenschaftlich-neurobiologische Szene dieser Zeit beherrscht. Man versprach sich eventuell von ihr, den „Begriff“ bzw. das Erklaerungsmodell „Psyche“ konkretisieren zu koennen. In diesem Sinne hat dann Christian Wolff’s Auffassung von Psychologie im 18. Jahrhundert zusammen mit den Forschungsergebnissen von Naturwissenschaftlern wie z.B.   Joseph Priestley , Charles Bonnet und Samuel Thomas Soemmering europaweit psychisches Geschehen im Gehirn verortet. Wissenschaftler des 18. Jahrhunderts gingen davon einvernehmlich aus, wie u.a. Soemmerring in einem Brief an Kant erwaehnte.

Die dichotomische Theorie dahinter

Auch folgendes steckt m.E. hinter dem einleitenden Text bei Schiepek. Man moechte  Neurobiologisches und Neuropsychologisches als einander Ebenbuertiges auffassen. Die Annahme, dass Seelisches und Koerperliches sich in praestabilisierter Harmonie befaenden, wie z.B. bei Leibniz nachzulesen, mag die Selbstverstaendlichkeit solch wissenschaftlichen Hantierens zusaetzlich erlaeutern. Die m.E. ausschlaggebende Theorie dahinter aber heisst: Der Mensch besteht aus Koerper und Geist. Oder wie Descartes unterschied: Es gibt „res cogitans“ und „res extensa“. Die „res cogitans“ sei der „res extensa“ ueberlegen, fuehrte er weiter aus und folgte so alten ontologischen Auffassungen. Daraus folgerte er: Denkend erfasse der Mensch seine und jede andere Wirklichkeit, wenn er nach bestimmten Methoden vorgehe. Diese Methoden haben quasi apriorischen Charakter . Derartiges stellte meine oben erwaehnte Annahme, der Mensch kann nur denken, was er sensoriert, auf den Kopf und ich überlegte, wie auf diese Art und Weise sensorieren und denken verbunden sein könnten.

Frag-würdige Überprüfung von Theorien

Das ergab fuer mich die Vermutung, man wende wissenschaftlich bereits seit langem erhobene psychologische Termini und Erklaerungen auf neu entdeckte naturwissenschaftliche Sachverhalte an. Diese Vorgehensweise zieht sich durch jede Wissenschaftsgeschichte. Die dabei möglicherweise intendierte Ueberpruefung von Theorien, indem man sie anwendet, duerfte aber kaum gelingen, solange man sich grundlegenden Fragenstellungen an die eigene Theoriebildung entzieht, wie z.B. der folgenden:  Es soll naemlich „… hier davon ausgegangen werden, dass eine … Bezugnahme von geistigen Phaenomenen auf Hirnprozesse prinzipiell moeglich ist, …“ (Schiepek, 424)  Solche selbstverstaendlich verwendeten Voraussetzungen veranlassen mich stets zu grosser Distanz gegenueber dem, was dann als „wissenschaftliche Erkenntnisse“ praesentiert wird. Es war in diesem Fall z.B. voellig unklar, was der Terminus ‚geistige Phaenomene‘ bezeichnen soll. D.h. es wurde eine weitere Denkgewohnheit unhinterfragt verwendet. Diese Denkgewohnheit implizierten u.a. Mitbedeutungen wie: Geist sei etwas und habe die Macht oder Kraft auf unseren Koerper zu wirken.

Der selbstverständliche Gebrauch von Denkgewohnheiten wirkt verhängnisvoll

Hume hatte dieses „Wissen“ im 18. Jahrhundert m.E. durch Hinsehen auf die Dinge gruendlich in Frage gestellt.  Die Mehrzahl der Wissenschaftler zeigte sich seit Jahrhunderten unbeeindruckt von seinen Anregungen. Mir faellt es leicht zu Humeschen Beschreibungen ja zu sagen. Ich habe aus eigenem Erleben die Wirksamkeit selbstverstaendlich gueltiger Denkgewohnheiten und Auffassungen kennen gelernt. Ich bin ueber ihre negativen Folgen fuer mein Handeln nachdenklich geworden. Deshalb unterstelle ich Wissenschaftlern versuchsweise, dass sie das gleiche Verhaengnis wie ich erleiden. Sie leiden moeglicherweise an der platonisch-aristotelischen Krankheit, Dichtungen fuer Konkretes zu halten und sind unermuedlich auf der Suche nach Anzeichen dafuer, dass ihre in diesem Kontext erfundenen Theorien „wahr“ sind.

Wie weitreichend die Auswirkungen solcher Vorgehensweisen sind, liess sich fuer mich am zweiten Teil des Eingangszitates erahnen: „In zunehmendem Masse gerieten die Grundlagen der menschlichen Persoenlichkeitsentwicklung, der Handlungsplanung, der Ich-Funktionen oder der zwischenmenschlichen Kommunikation in den Blick, also das, was man als wesentliche Bereiche der menschlichen ‚Psyche‘ zu bezeichnen geneigt waere.“ Hier sollen komplette psychologische Forschungsbereiche im Verein mit voellig unterschiedlichen Auffassungen ueber „Persoenlichkeit, Handeln, Ich und Kommunikation“ miteinbezogen und mit neurobiologischen Grundlagen ausgestattet werden. Ich fragte mich, ob der Herausgeber sich nicht doch etwas viel vorgenommen hat. Koennte es sein, dass unerforschte Voraussetzungen zur Omnipotenz verleiten? Konkrete Beispiele fuer derartige Vermutungen kenne ich.

Neurobiologisch gestützte Spekulationen statt ‚hinsehen‘ auf die Dinge

Ich interpretierte diesen Ansatz schliesslich als Hinweis darauf, dass man daran interessiert sei, das Gespraech ueber neurobiologische Forschungsergebnisse nicht zu versaeumen, ohne sich ueber die eigenen Voraussetzungen Gedanken zu machen. Anders gesagt, ich hatte den Eindruck, man moechte bisher geuebte Theorien beibehalten und sie auf neurobiologische Forschungen stuetzen koennen. Aehnliches schien ein Mitautor des Schiepek-Bandes,  Kai Vogeley anzunehmen, wenn er von „neurobiologisch gestuetzten Spekulationen“ spricht. (Vgl. Kai Vogeley: Selbstbewusstsein, soziale Kognition und Hirnruhezustand . Aus einer Online-Veroeffentlichung der Arbeitsgruppe „Signsofidenty“ der Philosophischen Fakultaet der Leibniz Universitaet Hannover.)

Die Fragwuerdigkeit eigener Grundlagen wird ignoriert

Daraus folgerte ich, in dem vorliegenden Band wurden Theorien vor das Hinsehen gesetzt und so neu Sensorierbares gewohnheitsmaessig interpretiert. Das entsprach nicht meiner Sicht auf den Zusammenhang zwischen ’sensorieren‘ und ‚denken‘. Ich lasse Sensoriertes von meiner physischen Organisation verarbeiten und warte ab, welche Worte mir dazu einfallen. Marginalisiert wird dabei ausserdem, dass man innerhalb der Psychologie laengst bemerkt hat, dass Selbstverstaendlichkeiten sich aufloesen: „In den Kulturwissenschaften, in der Soziologie und der Psychologie ist fraglich geworden, inwieweit … und in welcher Form Begriffe wie „Subjekt“, „Person“, „Ich“, „Selbst“, die zum Grundbestand alteuropaeischer Denktradition gehoeren (Luhmann), … der Dekonstruktion standhalten koennen.“ Ebd.

Der Konsens – so fiel mir dazu ein -, den Augustin von Thagaste mit Freunden und Verwandten Ende des 4. Jahrhunderts in der Naehe von Rom herstellen konnte, dass der Mensch aus Geist und Koerper bestehe, ist schon seit laengerem nicht mehr unser Konsens.

Folgen: unzutreffende Schlussfolgerungen

Theorien über Menschliches gehen implizit immer noch davon aus.  So kommt es im Fall der „Neurobiologie der Psychotherapie“ zu weitreichenden, aber aus meiner Sicht sehr irrtumsträchtigen Aussagen, weil der Sachverhalt nicht beobachtbar ist: „Zumindest kann die Neurobiologie heute in groben Zuegen angeben, ‚wie das Gehirn die Seele macht‘.“ (Ebd. S. 41.) Mir fiel dazu ein Gespraech mit meinem Schwager ein, der als Physiker auf neurobiologischen Terrain forscht. Er sah ausgehend von der Sache keinerlei Moeglichkeiten derartige Aussagen machen zu koennen. Die experimentellen Settings zu diesem Thema verbinden nichts weiter als Aussagen der Probanden mit ihren Messergebnissen. (Vgl. Benjamin Libet : Mind Time. Frankfurt am Main (Suhrkamp TB) 2007, S.34ff. ) Derartige Schlussfolgerungen verbunden mit folgender verschlagen mir die Sprache. „Die Ergebnisse der Hirnforschung sowie der entsprechenden medizinischen Disziplinen machen plausibel, dass es sich bei der Beziehung zwischen mentalen Zustaenden und Hirnprozessen um eine sehr enge Korrelation handelt.“ (Schiepek, 424) Das wunderte mich nicht, denn man war ja bereits davon ausgegangen, dass diese Beziehung moeglich sei. Es verstärkte meine Idee, dass die wissenschaftshistorische Erforschung des Bezuges von Theorien zu Konkretem sehr wichtig sein dürfte.

Ich moechte anfuegen, dass auch ich ohne Theorie nicht handeln und forschen kann. Ich nenne das, wovon ich denkend und handelnd im Hinblick auf mein ’sensorieren‘ ausgehe, dank eines gruendlich ueberlegten Vorschlages von Rolf Reinhold, Annahmen – kleine Wolken. Sie haben den Vorteil, dass ich sie stets auf Konkretes beziehen und daher auch leicht korrigieren kann.

Man sieht, was man sieht und sieht nicht, was man nicht sieht.

Komplexe Theorien wie im Eingangszitat erwaehnt, die weitere wie „Ich“, „Bewusstsein“, „Geist“, „Seele“, „Subjekt“, „Objekt“ implizieren, scheinen infolge ihrer jahrhundertelangen Tradition des selbstverstaendlichen Gebrauches den Anschein von Fachwissen zu erwecken. Die Gewohnheit, Voraussetzungen im Sinne von Wissen anzuwenden, fuehrt vermutlich dazu, zu behaupten: Wir gehen alle denkend nur von dem aus, was wir sensorieren.

„Man kann doch sehen, dass die eine Billiardkugel die Ursache dafuer ist, dass die andere sich in Bewegung setzt!“, wurde Hume – und wird jedem der dies demonstriert – gegen seine auf ’sensorieren‘ bezogene skeptische Auffassung zum Dogma der Kausalitaet entgegengehalten. Was wir sehen, so antwortete Hume, ist, dass ein Ereignis dem anderen folgt. Rolf Reinhold wuerde ergaenzen, insofern ist das erste Ereignis die Ur-Sache. Hume resuemierte weiter, wir finden nichts an  einem erstmaligen Ereignis, das uns veranlassen koennte, konkrete Wirkungen verlaesslich vorauszusagen. Erst wenn wir wiederholt erlebt haben, dass einem bestimmten Ereignis immer wieder ein weiteres aehnliches Ereignis folgt, sagen wir: Wir sehen, dass das erste das zweite bewirkt. Hume fiel nichts Plausibleres ein, als dies Gewohnheit zu nennen, wobei er einraeumte, nicht zu wissen, wie es dazu kaeme. Derartige erworbene Sehgewohnheiten beherrschen als Erwartungen unser menschliches Denken und Handeln ueberall. Menschen neigen dazu, ihre Erwartungen bestätigt zu sehen. Darin duerften auch Wissenschaftler keine Ausnahme machen.

Fragwürdige Sicherheiten aufgeben

Wir sollten Sehgewohnheiten verlassen koennen, wenn wir interdisziplinaer weiter kommen moechten. Ich moechte aber warnen: Dabei koennte sich folgendes ergeben: „Die wahrgenommene qualitative Verschiedenheit der sich in der psychischen und der neuronalen Dimension manifestierenden Phaenomene liegt … an der unterschiedlichen Repraesentation ein und desselben Geschehens im Bewusstsein des Betrachters.“ (Mike Luedmann: Schizophrenie im Angesicht des Leib-Seele-Problems. Journal fuer Philosophie & Psychiatrie, Jg. 2 , 2009, Ausgabe 1.) Fachwissenschaftler duerften diesen Vorgang als schmerzliche Dekonstruktion eigenen Wissens erleben. Wenn ferner entsprechende Forschungsprogramme durchaus relevante Ergebnisse fuer die psychologische Praxis ergeben, auch „… wenn eine reduktive Erklaerung mentaler Phaenomene scheitert. …“, duerfte dies weitreichende Folgen fuer die jeweilige Wissenschaft haben. (Vgl. Guenter Schiepek: Die neuronale Selbstorganisation des Selbst.Ein Beitrag zum Verhaeltnis von neuronalen und mentalen Prozessen aus Sicht der Synergetik* (*Wissenschaft der Selbstorganisation)PDF-Datei.

Physistik statt Metaphysik

Traditionelle Sehgewohnheiten zu merken, scheint mir daher ein nuetzlicher Beitrag für den interdisziplinaeren Diskurs. Rolf Reinhold’s Idee Dinge zu beschreiben, die wir gemeinsam aspektualisieren können, koennte dazu beitragen unsere Basisannahmen nicht nur denkend gegenwaertig und so revidierbar zu halten, sondern sie auch so ueberschaubar wie nur moeglich zu halten.

Rational auf ‚physistisch‘

So rechnete Descartes sich Gott aus:

Ich bin ein denkend Ding – also ist Gott ein denkend Ding.
Ich kann mir Gott nur vollkommen denken – also ist Gott vollkommen und zwar so vollkommen, vollkommener geht es gar nicht, ergo gibt es nach Gott nichts mehr! Alles, was ich mir denke, ist auch in Gott enthalten.

Eine Milchmaedchenrechnung ist das in meinen Augen. Sie verraet allzu leicht die Absicht ihres Urhebers und bei mir verstimmt sich da was, so als haette ein kalter Luftzug meinen Nacken beruehrt, sodass ich mich spontan umdrehe, um zu sehen was da sein koennte.

Pluralog

Doch der Schrecken kommt aus meinen Eingeweiden, die erschrecken darueber, dass nur noch der Kopf und sie nichts mehr mit meinem Leben zu tun haben koennten. Das geht doch gar nicht!, schreien einige 1000 Neuronen laut. Ohne Input kein Output, das weiss doch jeder spaetestens seit dieser inputversessene Roboter einen amerikanischen Pass bekommen hat.

  • Wie kommt es, dass Menschen nicht merken, was sie sich antun, wenn sie selbst glauben, sie seien ein „denkend Ding“ , fragt sich mein Kopf und runzelt die Stirn.
  • Da ist nur Kant dran schuld, der hat doch die Vernunft zum Primaten gemachte, ruepelt meine Leber und laeuft gruen an.
  • Aber das kann doch fuer Descartes nicht zutreffen, der hat doch 300 Jahre frueher philosophiert, gibt mein vorderer Stirnlappen zu bedenken.
  • Dann eben die Kirche, meint mein rechtes Ohr.
  • Auch in der Kirche sind doch Menschen, faellt meinem linken Knie ein.
  • Mein Bauch sagt: Denkt doch an die RRRR-Erklaerung.
  • Das hast Dir doch gerade ausgedacht, piepst meine Zirbeldruese.
  • RRRR – rollt meine Nase vor sich hin. Ich glaube, ich kann’s schon riechen. Die RolfReinholdRichardRorty Erklaerung.
  • Die beiden Typen kenn ich, schmatzt die Zunge.

Keinen Hut auf, aber davon reden

  • Nun komme ich und sage: Seid mal alle still, so kann ich doch nicht denken.
  • Protestgeschrei wird laut: Wir denken doch alle mit.
  • Ja, das mag schon sein, aber ihr seid zu laut. Wie soll ich da alles unter einen Hut kriegen.
  • Die Haare wispern: Die hat gar keinen Hut auf.
  • Alles Metaphorik, raunen meine Stimmbaender, die wir inszenieren.

RRRR

  • Also, was ist das nun mit der RRRR-Erklaerung? fragen die Fuesse, wir muessen das alles wieder ausbaden.
  • Die RRRR-Erklaerung ist ganz einfach: Alles, was Menschen tun, ist kontingent.
    Oder wie Rolf Reinhold sagt: Niemand macht freiwillig Fehler.
  • Das kann man wenigstens kapieren, schnurrt meine Bauchspeicheldruese.
    Ich mache auch immer nur das, was geht. Und manchmal bin ich  dysfunktional.

Man koennte auch sagen, melde ich mich wieder, Menschen sehen ihre Grenzen nicht, weil sie Grenzen haben. Das sind aber zwei Arten von Grenzen. Die letzteren sind die von anderen uebernommenen, die dadurch entstehen, dass jeder alles so machen moechte, wie die anderen es machen. Weil Menschen es moegen, wenn andere sie akzeptieren. Und die anderen sind Grenzen, die man entdeckt, wenn man die Dinge so macht, wie man sie selber machen moechte.

  • Dass Du Grenzen hast, siehst Du?  fragen die Amygdalaes.
  • Ich glaub schon.

‚wissen‘ und ‚wahrnehmen‘

‚wahrnehmen’=’sensorieren‘ und ‚philosophieren‘

„physistisch-philosophieren“ geht von dem aus, was ‚wahrnehmbar‘, d.h. ’sensorierbar‘ ist. Gegenstaende dieses ’sensorieren‘ koennen sein: Dinge und Ereignisse, die uns allen zugaenglich sind. Dazu gehoert Alltaegliches – wozu ich auch die Politik zaehle – genauso wie Wissenschaftliches.

Was weiß ich denn?

Jeder einzelne Mensch stoeßt dabei an Grenzen, denn er sensoriert direkt nur das, was ihm selber zugaenglich ist. Daraus resultiert ein eingeschraenkter Kenntnisstand. Seit jeher haben es sich daher Menschen zu eigen gemacht, das was sie nicht mit eigenen Augen sehen konnten, von anderen zu hoeren.

‚wissen‘ – was meinen wir damit?  

 

So entstanden zwei Arten von ‚Wissen‘. Das eine von dem einer sagen konnte, ich weiß wovon ich rede, denn ich habe es gesehen (‚wizan‘ unser Stammwort fuer ‚Wissen‘ heißt: ‚ich habe gesehen‘). Und das andere ‚Wissen‘, das vom ‚Hoeren-Sagen‘ oder vom ‚Gelesen-Haben‘ stammt, ist Wissen aus zweiter, dritter … Hand und selbst beim ‚Gesehen-Haben-Wissen‘ dient es heute der Klarheit hinzuzufuegen: ‚In Wirklichkeit!‘ oder ‚Tatsaechlich!‘ oder ‚Ich war dabei.‘ Manche sagen auch: ‚In echt!‘ Denn seit knapp 100 Jahren gibt es ja Medien, mit denen man etwas sehen kann, was man ohne diese nie sehen koennte.

„Stimmt das?“ – „Ist das wahr?“

Diesen letzten Satz einem antiken Griechen zu sagen, koennte diesen zum Lachen gebracht haben. Auch wenn er durch die Berichte anderer, die anderes gesehen hatten als er, schon daran gewohnt war, dass fuer ihn beim Zuhoeren viele Fragezeichen auftauchten. Um nicht leichtglaeubig zu erscheinen, haben die alten Griechen es sich vermutlich zur Gewohnheit gemacht, nicht nur nach Details zu fragen, um sich einen Reim darauf machen zu koennen, sondern den anderen mit einem Wort daran zu erinnern, dass sie einen wirklichkeitsgetreuen Bericht erwarteten. Dieses Wort hieß: „Alithi?“ Heißt so viel: Wirklich? In Echt? Tatsaechlich? Stimmt das? …

(„Alithi“: Eine barbarische Schreibweise, die eigentlich durch die altgriechische ersetzt werden koennte, wenn dies technisch moeglich waere. Gesprochen wird das ‚th‘ in der Mitte wie das englische ‚th‘.)

Autoritaet braucht ‚Wahrheit‘

Irgendwann kam jemand auf die Idee aus diesem schlichten Wort ein bedeutungsvolles Substantiv zu machen, das ‚alitheia‘ hieß und lateinisch mit ‚veritas‘ und im Deutschen mit „Wahrheit“ wiedergeben wurde. Urspruenglich bezeichneten die alten Griechen damit eine Art Zepter aegyptischer Priester, die im Namen goettlicher Wahrheiten ihr Amt ausuebten.

Aristophanes: „Die ‚Wahrheit‘ liegt in den Wolken.“ 

 

Dieses Wort ‚Wahrheit‘ wiederum erregte die Neigungen von bestimmten Philosophen – Aristophanes soll solche karrikiert haben -, die glaubten, Wissen muesste doch mehr sein, als das, was ich selbst gesehen habe und das was andere mir erzaehlen. Sie ignorierten den urspruenglich konkreten Zusammenhang zwischen Bericht und Ereignis erklaerten deshalb, dass ‚Wahrheit‘ unveraenderlich und ewig sei. Sie dachten dabei eventuell an die Religionen, die fuer ihre ‚Wahrheit‘ nicht nur eintraten, sondern sie auch hatten.

Geruechte sind zaehlebig.  

 

Es haelt sich bis heute das Geruecht: Man koennte „Objektives“, naemlich das was unabhaengig von menschlichem ‚wahrnehmen‘ existiert, irgendwann mal erreichen.