Sehen heißt ‚wirklich unmittelbar zu sehen glauben‘,

so soll Friedlich Wilhelm Schlegel (1772-1829) sich in seinen ‚Vorlesungen zur Aesthetik‘ kritisch ueber den nicht nur zu seiner Zeit weit verbreiteten Irrtum zum ’sehen‘ geaeuszert haben. Schlegel hielt folgendes fuer zutreffend: „Das Auge sieht nicht Gegenstaende, es sieht Farben; und es sieht nicht raeumlich sondern flaechig. Nur der alltaegliche Umgang mit den Dingen und die Zusammenarbeit mit den anderen Sinnen machen es dem Menschen moeglich, die Welt als Welt zu erfassen. Einmal an diese begriffene Welt gewoehnt, vergisst er sein erstes Sehen: ‚Im gewoehnlichen Leben, wo wir Geschaefte an und mit den Gegenstaenden vorhaben, vergessen wir oft den Schein ganz und gar, und glauben die Gegenstaende so zu sehen, wie sie nach unsrer Bekanntschaft mit ihnen sind‘. „ (Roland Borgards: Die Wissenschaft vom Auge und die Kunst des Sehens. In: Thomas Lange u. Harald Neumeyer (Hrsg.): Kunst und Wissenschaft um 1800. Wuerzburg 2000, S. 52f.)

Ich bin immer wieder positiv ueberrascht, wenn ich bei metaphysisch denkenden Philosophen, skeptische Elemente entdecke. Vielen Lesern ist vermutlich die Zeichnung von Descartes (1596-1650) bekannt – falls nicht, hier klicken– in der er ’sehen‘ mit Hilfe einer geometrischen Darstellung schematisiert. Schlegel thematisiert ’sehen‘ hier aus skeptischer Sicht, die im Ergebnis an die Darstellung von  Ernst Mach (1838-1916) erinnert . Und es erinnert auch an David Hume (1711-1776), wenn Schlegel beschreibt, dass wir Menschen die Dinge so zu sehen glauben, wie wir sie kennen, also wie wir es gewohnt sind zu tun. Wir legen etwas in das, was wir sehen hinein, was wir nicht sehen. Diesen Vorgang hat David Hume mit dem Wort ‚understanding‘ bezeichnet, das im Deutschen gewohnheitsmaeszig  mit ‚Verstand‘ wiedergegeben wird.

Ist es also der ‚Verstand‘ der uns Irrtuemer unterschiebt, weil wir mit Hilfe seiner Begriffe Gewohntes hineininterpretieren, was gar nicht zu sehen ist? Kant haette dem heftig widersprechen muessen, wenn sein transzendentalphilosophischer Ansatz wenigstens ein bisschen von der Geltung beanspruchen soll, die er ihm zubilligte. Naemlich die Hoffnung auf ‚wissen‘. Wenn jemand blosz hofft zu wissen, dann weisz er aber nichts. Doch das waere fuer die Transzentalphilosophie wiederum zu wenig. Was also ist mit ihrer Hilfe zu gewinnen?

Ich denke eigentlich nichts. Sie ist eher der gelehrte Versuch, Nicht-Wissen zu thematisieren ähnlich wie es mittelalterliche Theologen wie Johannes Eruigena (ca. 810 – ca. 880) vor Jahrhunderten taten und damit der Behauptung widersprach, Menschen wüssten etwas über Gott,. Wenn selbst selbst professionelle Wahrheitsglaeubige wie Kant und Eriugena ‚wissen‘ verneinen, wieso machen Philosophen nicht mehrheitlich davon Gebrauch, ‚wissen‘ wollen als Tagtraeumerei aufzufassen und sich mit leichtem Herzen, dem Reichtum der Skepsis hinzugeben, fuer den sie schon von Augustin Thagaste (354-430) gewuerdigt worden war?

Ich fuerchte, es koennte eine (Ver)Teufelei von Seiten kirchlicher Autoritaeten dahinter stecken, die den Philosophen als ‚heiliger Schrecken‘ trotz Aufklaerung immer noch in den Knochen steckt.

Wir hören und hören doch nicht


Aus Fritz Mauthners philosophischen Nachdenklichkeiten:



„Ein lehrreiches Beispiel dafür, wie unvollständig wir hören, erlebte ich einmal in Nizza. Ich ging im Jardin public in deutschen Gedanken verloren umher. Dabei glaubte ich von Zeit zu Zeit den Berliner Straßenruf zu hören: „Fliegenstöcker“. … Ich blicke auf, sehe wo ich bin und weiß sofort: ich kann hier in Frankreich unmöglich „Fliegenstöcker“ rufen gehört haben. Nun lausche ich aufmerksam darauf, was wohl so ähnlich geklungen haben mag. Wieder ertönt der Ruf. Ich glaube jetzt schon undeutlicher etwas zu vernehmen, was wie „Fliegenstöcker“ klingt; aber nur ähnlich. Wieder ertönt’s. Jetzt unterscheide ich nur noch eine musikalische Tonfolge von drei bis vier Silben und in der ersten Silbe ein langgezogenes i. Ich übe mich nun darin, nach meinem Belieben „Fliegenstöcker“, „Niederwald“ oder „Mittagessen“ in den Ruf hinein zu hören. Das gelingt mir vollkommen. Heraushören kann ich aber kein französisches Wort. Nun gehe ich dem Schalle nach in eine Nebenstraße. So wie ich den Mann erblickt habe, einen „fliegenden“ Glaser, deute und höre ich sofort den richtigen Ruf: „au vitrier“.

Ich habe selbst nie einen Fall beobachtet, aus dem man besser lernen könnte, wie wir gewöhnlich hören. Alles ist ein à peu pres. Wir raten. Vielleicht erhalten wir sogar beim Hören noch weniger Laute zur Kenntnis als Buchstaben beim Lesen. Die Assoziation der Vorstellungen, also unsere Gewohnheit, leistet die Hauptarbeit. Im Verlaufe eines längeren Gespräches oder Geschwätzes verstehen wir jedes Wort des andern. Bei seinem plötzlichen Anruf aber, besonders in einer fremden Sprache, sind wir ratlos, wir haben noch keinen Assoziationskern.“

Fritz Mauthner: Zur Sprachwissenschaft IX. Tier- und Menschensprache: „Vitrier“

 

Assoziationen von amruthgen:

Vor Jahrzehnten lag ich an einem sehr warmen, dämmrigen Sommerabend im Bett und hing den Ereignissen des Tages hinterher. Die Eltern hatten uns ins Bett geschickt. Ich hörte das gleichmäßige Atmen meiner beiden jüngeren, bereits schlafenden Schwestern. Das Fenster stand offen. Das beunruhigte mich etwas, weil es nur wenig über dem Grund außerhalb lag. Ich lauschte nach draußen. Da hörte Ich jemanden meinen Namen rufen. Olli von nebenan? Zuerst zögerte ich, dann sah ich hinaus: Weit und breit niemand zu sehen. Was hatte ich da gehört? Beim ‚wundern‘, bin ich dann eingeschlafen.

Mein Interesse fuer Bataille …

… ergab sich, als ich an einem philosophischen Artikel fuer Wikipedia arbeitete. Der Bataille-Artikel, auf den ich dabei stiesz, war ziemlich unvollstaendig und die philosophischen Teile fuer einen Leser ohne Kenntnisse von Batailles Schriften wenig nachvollziehbar.

Waehrend der Lektuere von Michel Suryas Bataille-Biographie entstand mein erster Eindruck – der sich durch weitere Lektueren bestaetigte -, dass Batailles ’schreiben‘ und ‚denken‘ in sehr ausgepraegter Weise mit dem ersten Fünftel seines Lebens zusammenhing.  Es gibt Philosophen, bei denen sich kaum Spuren derartiger Zusammenhaenge finden.  Bataille thematisierte diesen Zusammenhang. Seine Schriften sind zwar nicht direkt autobiographisch, aber sie nähren sich von seinem Leben, meinte Ian Pindar, Rezensent beim Guardian.

Mein erstes Resuemee war: Es gibt Menschen die erleiden ein Schicksal, das sie dem Chaos aussetzt. Sie arrangieren sich mit diesem Chaos und orientieren sich, indem sie sich z. B. ihr eigenes Utopia erfinden. Georges Bataille scheint zu diesen gehoert zu haben. Er erfand ein unverwechselbares ‚philosophieren‘ innerhalb von Dichtung und Wissenschaft. Die surrealistische Bewegung bot ihm vermutlich einen gesellschaftlich minimal akzeptierten Rahmen, dieses ‚philosophieren‘ in einem Kreis von anderen ‚Utopianern‘ zu tun – ‚Utopisten‘ passt nicht, das Wort hat die Mitbedeutung von Menschen, die eigentlich ueberfluessig sind. Bataille soll sich – nach Auskunft der zwei Biographen Michel Surya und Stuart Kendall – eine Zeitlang in der experimentierfreudigen Gruppe um Alfred Metraux, André Masson, Joan Miró und Michel Leiris sehr wohl gefuehlt haben.

Das Chaos seiner Erlebnisse ergab bestimmte Erfahrungen – Rolf Reinhold bezeichnet – fuer mich sehr brauchbar – ‚Erfahrungen‘, als Schlussfolgerungen aus dem, was ein Mensch erlebt hat. Diese Erfahrungen lieszen Ideen fuer die folgenden, zwei groszen Vorhaben entstehen,

  • 1. … in allem das Gegenteil zu tun und zu denken, was sein Vater getan und gedacht hatte.
    2. … die Gesamtheit aller Arten menschlichen Verhaltens zusammen mit natuerlichen Ablaeufen komplett und umfassend darzustellen.

Keines dieser beiden Vorhaben setzte er vollstaendig um. Mehrere Jahre lang beschaeftigte er sich intensiv mit dem christlichen Glauben. Er wartete auf einen göttlichen Ruf, um Mönch oder Priester zu werden. Er wartete vergeblich. Er fand im christlichen Glauben überhaupt keine Orientierung fuer sein Handeln. Wie seinem Vater blieb Bataille der Zugang zum christlichen Glauben verschlossen. Beim Studieren der Religionsgeschichte fand er dennoch Anregungen fuer sein ‚denken‘.

Die Gesamtheit menschlichen und natuerlichen Lebens, die „Totalitaet des Seins“ entglitt ihm beim ’schreiben‘, was ihm vorgeworfen wurde. Genauso unpassend wäre es, ihm vorzuwerfen, dass er bis ans Lebensende in panischen Schrecken geriet, wenn er sich an seine Kindheit erinnerte.  Die Vielzahl aller Aspekte des Lebens mit einem Blick zu erfassen, halte ich fuer ein XXXL, typisch jugendliches Vorhaben. Hier verschaetzte er seine Faehigkeiten und Kapazitaeten. Ich gehe sogar davon aus, dass Menschen prinzipiell nicht in der Lage sind, eine derartige umfassende XXXL- Sicht – einschlieszlich aller Details – zu bilden. Das macht mich so skeptisch gegen Theorien, mit denen Menschen die Welt verbessern moechten. Bataille machte aus seinen Problemen mit einer umfassenden Theorie eine Tugend und aeuszerte, dass er so seine Souveraenitaet bewahre. Ausrede? Möglich. Für mich handelt es sich eher um die begrenzten Moeglichkeiten sprachlicher Kommunikation, die Bataille als ’schwache Kommunikation‘ bezeichnete.

Alles, was moeglich ist, in die Gesamtheit, in die „Totalitaet seines Seins“ zu integrieren, scheint mir ein charakteristisches Merkmal von Batailles ‚denken‘ zu sein. Ich sehe seine ’neuen Mythen‘, die er erfand, damit im Zusammenhang stehend. Mythen haben den Vorteil, dass sie „alles Moegliche“ verborgen hinter Metaphern mitmeinen und so eine maximale Zahl an Interpretationen zulassen. Als Beispiel ein Satz aus Der Schlieszmuskel der Sonne (L’anus solaire, 1927): „Der grosze Koitus mit der himmlischen Atmosphaere wird durch die Laufbahn der Erde um die Sonne bestimmt.“ Diese Dichtungen mit der Natur wirken auf mich reizvoll. Sie reduzieren außerdem komplexe Zusammenhänge auf ein überschaubares Bild. Und diese Bilder sind Geschichten, die Menschen sich erzählen. Mythen sind Geschichten, die durch Hörensagen umherlaufen. Bataille wollte das gemeinsame Wirken rationaler und irrationaler Elemente in der Welt darstellen. Dazu passend sollte eine neue „mythologische Anthropologie“ nach Art des oben zitierten Satzes entstehen, in der er irrationale Hypothesen darstellen wollte. Auch diese Idee umzusetzen, ist ihm nur in Ansaetzen (Der verfemte Teil,1949.) gelungen. Doch ich finde es anregend und menschlich, wenn Menschen Unvollstaendiges schreiben. Dies kommt meinem philosophisch begruendeten Vorurteil zugute, dass Menschen nie damit fertig werden, die Dinge so zu sehen, wie sie ihnen erscheinen. Da die Menschen und die Dinge sich staendig aendern, aendern sich menschliche Sichten. Um dagegen fertige Sichten zu produzieren, etwas abschließend zu behandeln, müssen Menschen dogmatisch denken, was Bataille nicht getan hat.

„Schreiben heißt, das Glueck suchen. Das Glueck belebt die kleinsten Teile des Universums: das Funkeln der Sterne ist seine Kraft, eine Feldblume sein Zauberspruch. … Der Zipfel des Gluecks ist von der Traurigkeit der Geschichte des Auges (1928) verschleiert. Ohne diese Geschichte waere er unerreichbar.“ (Das obszoene Werk, S. 190.)

Bataille: Entstellungen des Schreckens

„Meine Kindheitserinnerungen werden nur noch ‚entstellt‘ lebendig und darstellbar. Sie erhalten auf diese Weise einen ‚obszoenen Sinn‘.“, schrieb Bataille in Das obszoene Werk (S. 52).

Nur selten – in kleinen Gedichten am Rande und Reminiszenzen zu seinen obszoenen Texten – gelang es Bataille Entstellendes zu kommentieren und darueber zu reflektieren, wie seine literarischen Aeuszerungen zu seinem (Er)Leben passen. Man kann den Menschen nicht raten, Vorurteile aufzugeben, ueberlegte er. Denn diese Vorurteile sind Ergebnisse einer kulturellen Leistung, die sensible und intelligente Menschen geschaffen haben. Und nun verlange man von ihnen einzugestehen, dies sei eine Dummheit gewesen? Das funktioniere nicht. Sensibilitaet und Intelligenz setzten Schrecken und Anziehung der Erotik erst in Gang. Er wolle den Leser in seinen obszoenen Schriften entdecken lassen, ‚wie die Erotik die bewusste Einstellung aufzureiszen vermag‘ (S. 58f). Er ertrug sein Denken ueber Tod und Exzess und Sexualitaet kaum. Immer wieder wurde mir das Lesen unertraeglich. Er vernichte sich beim Schreiben selber. Im Exzess, in der Zusammenschau aller Aspekte von Tod und Sexualitaet fand er nichts wieder, auch Gott nicht (60).

„Ich bin keineswegs geneigt, die Wollust fuer das Wesentlichste auf der Welt zu halten. Der Mensch ist nicht auf das Organ der Lust beschraenkt. Aber dieses Organ lehrt den Menschen (s)ein Geheimnis, das man nicht eingestehen kann. | Es gibt keinen Grund, der sexuellen Liebe eine Bedeutung zuzuschreiben, die nur das gesamte Leben besitzt …“ (S. 60f) Es war mir moeglich, ueber diese Totalitaet zu sprechen. Doch das, was ich sagen wollte, entglitt mir, wenn ich die Grenzen ueberschritt, innerhalb derer ich in geordneten Saetzen schrieb. Auf diese Weise erhielt ich mir meine Souveraenitaet (62).

„Gott ist das Grauen in mir ueber das, was war,
ueber das, was ist, und ueber das, was sein wird,
so GRAUENHAFT war, ist und sein wird,
dass ich es um jeden Preis leugnen
und mit aller Kraft schreien sollte,
ich leugne, dass es so war, dass es so ist
und dass es so sein wird,
aber ich werde luegen.“
(90)

Bataille wurde lebenslang von Erinnerungen an den erschreckenden, koerperlichen Zustand seines Vaters und dessen Leiden gequaelt. Sein Leben begann mit dem Tod, schrieb sein Biograph Michel Surya. Hinzu kamen Erinnerungen an Kindheitserlebnisse in Verbindung mit heterogenen, d. h. gesellschaftlich verachteten Auffassungen von Sexualitaet, die er in Das obszoene Werk thematisiert, ohne zu sagen, so war es. ‚Ich bin ein Kind des Schreckens.‘ (81) kommentierte er seine Erinnerungen und ‚ich hatte vor allem Sexuellen Angst‘.(7)

Georges Bataille und Marion Luckow: Das obszoene Werk. Reinbek b. Hamburg 2012, 22. Auflage. (Die Ziffern im Text beziehen sich auf Seiten dieser Ausgabe.)

Bataille schrieb mitten aus seinem Erleben.

In Peter Wiechens Buch über Bataille las ich, dass Sartre im Hinblick auf Bataille u. a. kritisierte, dass er Theorien mit seinen privaten Erfahrungen verknüpfe. Ich habe das noch nicht nachgeprüft. Doch soweit ich mich an Sartres Texte noch aus meiner Jahrzehnte zurückliegenden existentialistischen Zeit erinnere – damals mit schwarzem Rollkragenpullover, Kaffee und Zigaretten und langen Gespraechen in einem Stuttgarter Café –, koennte dies zu seinem Denken passen. Es scheint da ueberhaupt einen traditionellen Irrtum unter universitaer ausgebildeten Philosophen zu geben, dass das, was ein Philosoph an Erfahrungen in seinem Leben gesammelt hat, nichts mit seiner Art und Weise zu philosophieren zu tun habe. Kleine Reminiszenz am Rande: Ulrich – ein in Halle lehrender Philosophieprofessor und Zeitgenosse Kants – hat Kant wegen dessen apriorischer, vernunftgeleiteter Handlungstheorie – als eine Art ‚Neutrum‘ bezeichnet.

Bataille hat sich nach meiner bisherigen Lektuere sehr gruendlich Rechenschaft ueber die ganz und gar menschlichen Anfaenge seines ‚philosophieren‘ abgelegt. Es wird beklagt, dass er sich nie deutlich ueber seine Erfahrungen geaeuszert hat. Mir fehlt da nichts. In den schriftstellerischen und philosophierenden Verarbeitungen seines Erlebens – die er auch als Entstellungen charakterisiert – wird fuer mich die Heterogenitaet seiner Erfahrungen beim Lesen nachvollziehbar. Waere er noch konkreter geworden, haette man ihn … (Unvollendete Saetze gibt es bei Bataille immer wieder. Inzwischen gefaellt mir das. Frei nach Goethe: Wer immer sagt, was er denkt, ist ein Grobian.) Noch eine Reminiszenz: Der Psychiater Bruno Bettelheim wurde in den Vereinigten Staaten als Luegner bezeichnet und ihm wurden Rachegedanken gegen die Nazis unterstellt, als er seine einjaehrigen KZ-Erlebnisse veroeffentlichte (Verarbeitet hat er seine KZ-Erfahrungen in Erziehung zum Ueberleben. Zur Psychologie der Extremsituation.). Die Erzaehlungen Batailles ueber das, was er erlebt und beschrieben hatte, wurden immer wieder in Zweifel gezogen. Bataille hat sich nie darum bemueht, sie auszuraeumen. In einer Erzaehlung – W.C. – stellte er dar, wie einer erwachsenen Frau – anstelle des von ihr erhofften Mitgefuehls – Ablehnung und Verachtung der Menschen zu teil wurde, denen sie ihr Kindheitsschicksal anvertraut hatte, das sie selber ueber Jahre traumatisiert hatte. Es gibt Kindheitsschicksale, die in einem Masze als verfemt gelten, sodass den Betroffenen sogar ein spaeteres Mitgefuehl nicht nur versagt bleibt, sondern die Betroffenen selber als Verfemte angesehen werden. Diese Verurteilung hat auch Bataille erlebt.

Das Schreiben duerfte fuer ihn eine Art Gratwanderung gewesen sein, zwischen dem Beduerfnis das mitzuteilen, was er zu bedenken geben konnte und der Angst vor verfemenden Antworten, mit denen er zu rechnen hatte. André Breton hat Batailles ‚philosophieren‘ schon zu dessen Lebzeiten oeffentlich deutlich herabgesetzt. Der wissenschaftliche Charakter vieler Schriften und Studien war – neben den Entstellungen und Anonymisierungen seiner „ernsten, erotisch-tragischen“ Prosa – eine geeignete Moeglichkeit für Bataille diese Gratwanderung zu bestehen. Das Schreiben von Buechern – davon gehe ich aus – zu theoretischen Projekten fiel ihm schwer. An einem seiner Hauptwerke Der verfemte Teil hat er siebzehn Jahre gearbeitet. Es scheint im leichter vor der Hand gegangen zu sein, sich in Beitraegen von Zeitschriften zu aeuszern. Sein Projekt, die ‚Totalitaet alles Seins‘ vollstaendig darzustellen, blieb unvollstaendig. Er war damit nicht zufrieden: „Was dem Leser angeboten wird, darf kein isoliertes Einzelstueck sein, sondern es muss Zusammenhaenge zeigen, in die es eingebettet ist. Eigentlich muesste dies die umfassende Zusammenstellung des Menschlichen bzw. ein umfassendes Denkgebaeude sein. … „ (Kendall: Georges Bataille. London 2007, S. 95)

Bataille hatte Glueck, einen Psychiater (Adrien Borel, Gruendungsmitglied der Psychoanalytischen Gesellschaft Paris) zu finden, der offensichtlich ‚kompetent‘ und auch ‚unorthodox‘ genug war, um sich von den Folgen seines Kindheitsschicksals zu entlasten – Bataille beschrieb das Ergebnis der Analyse als Befreiung. Nun fühlte er sich belastbar genug, seine intellektuellen Faehigkeiten schriftstellerisch nutzen. Borel hatte die Entstehung von Die Geschichte des Auges in Gespraechen mit Bataille freundlich und unterstützend begleitet. Bataille veroeffentlichte sie unter einem Pseudonym – wohl vorausahnend, dass der Inhalt der Geschichte zu weiteren diesmal in der breiten Oeffentlichkeit zugefuegten Stigmata fuehren wuerde. Wenige Jahre vor seinem Tod schrieb er an seinen Bruder: „… bei mir sorgte das, was ich erlebt hatte, lebenslang fuer verwirrende Unruhe. Was vor 50 Jahren geschah, laesst mich noch heute zittern.“ (Michel Surya: Georges Bataille: An Intellectual Biography. London/New York 1992, S. 5.)

Batailles heterogenes ‚philosophieren‘

Im Laufe der Jahrhunderte hat sich die Philosophie zu einer ganz bestimmten Philosophie verfestigt. Ihre Vertreter sehen sich als Hueter eines Denkens, das sie als abendlaendisch charakterisieren. In der Gegenwart kann man lesen, dass es in der Philosophie vor allem um Begriffe (Wolfgang  Roed) geht oder um den Geist (Ansgar Beckermann) oder um die Sprache (Analytische Philosophie) geht. Alle diese Philosophen philosophieren rueckwaertsgewandt: Sie gehen davon aus, in einer Tradition zu stehen, die ihnen die Mittel fuer ein ‚richtiges‘ Philosophieren zur Verfuegung stellt und die es ihnen ermoeglicht, philosophische Texte angemessen zu interpretieren. Bei meinen philosophischen Forschungen vor allem ueber Hume, Berkeley und Bacon, aber auch Mach, Wahle und Mautner ist mir immer wieder aufgefallen, dass Philosophen so etwas wie eine im Studium erworbene Lesebrille aufhaben und nur noch das in Texten finden, was diese Brille ihnen sichtbar macht. So z. B. bei Hume, dem eine neue Kausalitaetstheorie zugeschrieben wird, waehrend er davon ausgeht, dass die angeblich beobachtbare Kausalitaet eine Folge menschlichen Verhaltens ist, die er als Gewohnheit bezeichnet. Es freut mich, wenn z. B. Poststrukturalisten mit Neuem experimentieren.

„Wie kann sich einer ausdruecken, der die Philosophen zum Schweigen bringt, wenn nicht auf eine Art, die sie nicht begreifen?“ (Bataille: Anmerkungen zum Vorwort zu Madame Edwarda (1941). In: Das obszoene Werk. Hamburg 1972. S. 62.) Dies ist das Dilemma eines Philosophen, der auszerhalb der universitaeren Philosophie philosophiert. Hume’s Rezeption hat sein praktizierter konformer Sprachgebrauch nichts genuetzt. Haeufig wurde und wird sogar beklagt, dass er viele Worte um ’nichts‘ mache, waehrend er erlaeuterte, was er sich bei seinen Worten dachte. Die Frage, ob viele Philosophen ueberhaupt begriffen haben, was Hume thematisiert, wird nicht gestellt. Dies frage ich mich bei Batailles Rezeption auch des öfteren.

Bataille stellte aehnliches fest und „… wirft der traditionellen Philosophie vor, dass sie … Grenzerfahrungen, wie sie etwa in der Erotik oder in Rausch- und Traumzustaenden gemacht werden, ausschlieszt. Er bezweifelt die Berechtigung solch eines Philosophierens, ‚das den intensivsten Gemuetsbewegungen fremd gegenuebersteht‘. Bataille sieht im herkoemmlichen philosophischen Diskurs den Ausdruck der ‚profanen, homogenen Welt‘, … .“  Nikolaus Halmer

Die homogene Philosophie, wie die homogene Kultur überhaupt, weigert sich, das mit einzubeziehen, was ihr fremd, d.h. heteronom zu sein scheint. Bataille entwarf eine Allgemeine Theorie der Oekonomie, das Zusammenspiel von Homogenem und Heteronomem wirksam im Interesse aller Menschen, die Gegenstand des philosophischen Gedankenaustausches sein könnte .  Die gegenseitige “ … Befriedigung von Beduerfnissen … spielt eine bedeutende Rolle im Leben. … [es] liegt etwas Unheimliches in der Verachtung, die die deutsche Ethik zugunsten eines ‚unbefleckten Idealismus‘ ueber dieses pragmatische Denken ausschuettet. Der kategorische Imperativ Kants rufe bei ihm – so Dewey bereits 1914 – das Bild eines Kasernenhof-Korporals wach. (Dewey: Deutsche Philosophie und deutsche Politik. Wien/Berlin 2000, S.112f.)

Bataille machte sich zum Fuersprecher menschlicher Beduerfnisse, ungeachtet der Tatsache, ob sie akzeptiert oder verfemt wurden. Er war in einer Welt aufgewachsen, in der das Verfemte und seine Folgen wie die Syphilis seines Vaters, sowie der Tod, sein Erschrecken und Gewalt zum Alltag gehoerten. Dies schloss die Batailles von der homogenen Kultur aus. Es nuetzte ihnen nichts, sich um Akzeptanz zu bemuehen. Erst die surrealistische Bewegung hat es dem juengsten Bataille ermoeglicht, mit Einschraenkungen „dazu zu gehoeren“.

Bataille verwirbelt die Namen

Der Surrealismus ist eine „universelle Revolte … in der sich, George Bataille zufolge, zugleich der tumultuarische Geist einer ganzen Generation reflektiert. … diese hat auch die Themen und Formen vorgegeben, die selbst unseren Protest heute noch determinieren, bis hin zur Studentenrevolte, ja, sogar noch darueber hinaus. Am Ende des 20. Jahrhunderts scheinen wir immer noch an jenem Punkt zu stehen, der durch den Surrealismus an seinem Beginn bezeichnet wurde. Und darin liegt zugleich seine unverminderte Aktualitaet. Darin manifestiert sich … auch seine geschichtsphilosophische Besonderheit …“*

Derart ausgedehnte Charakterisierungen der surrealistischen Bewegung sind in der juengeren Literatur anzutreffen. Weltweit werden surrealistische Ideen in Literatur, Philosophie, Theater, Film. Poesie und bildnerischer Kunst diskutiert und dargestellt. Nach meinem bisherigen Eindruck war Bataille auf eine Weise surrealistisch, die etwas neben der Idee ueblicher surrealistischer Erfindungen lag. Er erfand surrealistische Vorstellungen, die nur aus seiner Lebenserfahrung hervorkamen und die neue Sichten auf einen unbekannten Bios bzw. „heteronome“ Lebenswerte in Aussicht stellten.

Folgt man Bezeichnungen wie ‚Revolte‘, ‚tumultuarischer Geist‘, dann koennte man schlussfolgern, George Bataille sei ‚ein Rebell‘ gewesen. Aber auch ‚Exkrementenphilosoph‘, ‚paradoxe Philosophie‘, ‚obszoene Texte‘, … etc. werden ueber ihn und sein philosophierendes Schriftstellern gesagt. Klassifizierende Interpretationen geben einen engen, ‚homogenen‘ Raum fuer Interpretationen vor, die Batailles offenem, ‚heterogenem‘ Schreiben Grenzen setzen. Zusaetzlich sind seine eigenen Namensgebungen fuer Zusammenhaenge und Sachverhalte fuer jeden Leser interpretationsbeduerftig. Das gilt zwar fuer jedes Lesen von Texten anderer, aber Bataille’s Texte signalisieren das mit anstoeszigen Merkmalen. Im Erfinden von Interpretationen schlussfolgern alle Interpretatoren immer wieder begrenzt zu sein. Eigene Aeuszerungen werden auszerdem als viel zu enges Haus empfunden. Mir geht es nicht anders. Dabei entsteht Lachen ueber eigene Reflexionen und über das, was durch Fremdes angeregt wird. Auf diese Weise bekomme ich eine vage Vorstellung von dem, was mich an Bataille fasziniert. Sie umfasst Spielerisches, moegliche Unmoeglichkeiten und Naives. Philosophische Probleme sind blosz laecherlich, meinte der skeptische Hume. Das stimmt!

Vertreter der surrealistischen Bewegung hatten und haben den Wunsch, neue Ausdrucksmittel zu erfinden. Neue Woerter und Metaphern gehoerten zu ihren Arbeitsgebieten, genauso wie neue bildnerische und musikalische Ausdrucksmittel. Bataille hat sich damit hervorgetan, neue Bedeutungen zu erfinden, indem er bekannte Termini in einen neuen Kontext rueckte. Das tut eigentlich jeder irgendwie, aber es werden – vor allem unter Philosophen – selten Konsequenzen daraus gezogen. Batailles Bedeutungsvarianten sind durch seine Reflexion innerviert, i. S. v. mit sensorischen Reizen versorgt und haben ihn zu weiteren Aeuszerungen angeregt. Sie wirkten und wirken auf den Leser in aehnlicher Weise. So verändern sie.

Im Folgenden erlaeutere ich an dem Wort EXZESS, das was ich gerade behauptet habe.
Mit Exzess wird ueblicherweise Maszlosigkeit und Ausschweifung bezeichnet. Beide Bedeutungsvarianten sind negativ besetzt. Menschen, die maszlos und ausschweifend leben, werden moralisch abgewertet. Es sind Menschen, vor denen Eltern ihre Kinder warnen, weil man ihnen alles zutraut, blosz nichts Gutes. Doch  „Das Gute ist die Heuchelei.“**, meinte Bataille, weil niemand sagen kann, was ‚das Gute‘ ist. Menschen tun so, als ob sie ‚wissen‘, was gut ist. Menschen leben aber tatsaechlich ihren Beduerfnissen gemaesz. Theorien fungieren als Schutzschilde. Menschen finden es erfuellend, sich in der Erotik einem anderen auszuliefern, sich ihm hinzugeben, sich an ihn zu verschwenden: Das nennt Bataille Exzess bzw. exzessiv. Exzessiv laesst sich ferner so denken, wie Bataille denkt: „Ich denke wie ein Maedchen, das sein Kleid hochhebt.“ *** Excessiv bezeichnet auszerdem ein biologisches Prinzip. Der Mensch verausgabt sich bis zum Tode. Lebensaeuszerungen ueberschwemmen den Menschen, z. B. in der Sexualitaet, im Lachen, in der Angst, im Schrecken, in der Freude … etc. Dies entspricht wiederum einem kosmischen Prinzip: Die Sonne verausgabt sich gegenueber der Erde, ohne etwas dafuer zu erwarten: „Das authentische Boese kennt keine Selbstsucht.“**

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 *Rita Bischof: Teleskopagen, wahlweise: der literarische Surrealismus und das Bild. Frankfurt/Main 2001, S. 52.
** Bataille alias Louis Trente: Der Kleine. (Le Petit) 1943, postum 1963 erschienen, In: Das obszoene Werk. Hamburg 1977, S. 173.
** *Ders., Méthode de méditation, S. 200, hier zit. nach Boelderl, S.4. Zu dem Behaupteten vgl. den ganzen Abschnitt ebd. S.3f.