Jeder Mensch braucht sich und seine Beduerfnisse

Dies ist ein erster Bericht ueber mein gegenwaertiges Projekt Georges Bataille (1897-1962). Ich beziehe mich dabei im Moment auf das, was andere ueber Bataille geschrieben haben und auf wenige kurze Orginaltexte aus diesen Lektueren.

André Breton hat ihn verspottend einen Exkrementenphilosophen genannt. Breton war in der ersten Haelfte des 20. Jahrhunderts Fuehrer der surrealistischen Bewegung. Bataille war und fuehlte sich in den zwanziger Jahren dieser Bewegung zugehoerig. Breton betrachtete Bataille spaeter als Gegner der surrealistischen Bewegung. Ihm schwebte eine Bewegung vor, deren Charakter sich einerseits durch die Vielfalt neuartiger, kuenstlerischer Ausdrucksmittel entwickeln sollte, sich aber andererseits in grundsätzlichen Bereichen festzulegen hatte. Letzteres vor allem gab immer wieder Anlaesse fuer folgenreiche Auseinandersetzungen unter den Mitgliedern der surrealistischen Bewegung. Diese Anlaesse forderten auch den Widerspruch Batailles heraus und er vertrat seine eigenen Vorstellungen.

Batailles Schriften als Exkrementenphilosophie zu bezeichnen halte ich erst einmal fuer zutreffend, auch wenn ich die den Autor verspottende Namensgebung irgendwie anders auffasse. Bataille thematisierte in seinen Schriften das, was in der christlich-buergerlichen Kultur seiner Zeit ausgeschieden wurde. Letzteres nennt er auch das Heteronome. Dies laesst sich sowohl in seinen obszoenen Schriften, als auch in seiner Oekonomie nachlesen. Ich denke, es gibt keine Schrift von ihm, in denen er dieses Anliegen verlassen hat. Irgendwann hatte er entschieden, dass mit Worten niemand und nichts kommuniziert und veraendert werden kann. Er lehnte es auch deshalb ab, sich revolutionaer zu betaetigen, wie Breton es wollte. Es ging ihm dann darum, davon zu erzaehlen, was verfemt wird, d.h. verschwiegen und abgewertet wurde. Diese Pertubationen sorgten und sorgen heute noch fuer internationale, wissenschaftliche Aufmerksamkeit. In seiner Oekonomie schrieb er ueber seine Sicht auf Zusammenhaenge, wie Menschen in einer Gesellschaft oekonomisch handeln koennten, die Verfemtes, bzw. das ihr bislang Fremde (heteros) mit einbezieht. Statt den Menschen der Sache Produktion zu unterwerfen – so die fuer mich zentrale These seiner Allgemeinen Oekologie -, solle der Mensch im Interesse aller seinen Beduerfnissen gemaesz handeln. Dieser Maszlosigkeit kann der menschliche Bios im gemeinschaftlichen Handeln Orientierung geben und einen entsprechenden Gebrauch der Ressourcen ermoeglichen.

B. dramatisierte dieses Thema in der Schrift Der Begriff der Verausgabung (1933) – ich uebersetze den Titel lieber mit Die Idee des Verbrauchens. Er erlaeuterte diese Idee an einem bekannten Generationenkonflikt. Der Sohn geht seinem Vergnuegen nach. Der Vater greift korrigierend ein, obwohl er sich selber aehnliches unkritisch zubilligt. Er moechte, dass der Sohn sich nuetzlichen Dingen widmet. Damit solle – so Bataille – erreicht werden, dass die nachfolgende Generation sich in der homogenen Welt der Verantwortung bewegen lernt und ihre Individuen respektable, bzw. respektierte Mitglieder der Gesellschaft werden. Dieser Konflikt beruhe auf dem Sachverhalt, dass ausgeschieden wird, was nicht in die Idealitaet der Theorie passt und deshalb auch in der Praxis als verfemt gilt. Verbrauchen erhaelt daher die Bedeutung von Verschwendung.

Bataille holte die Umsetzung von Theorien in die niedere Materie, die nach seiner Auffassung nicht von den ontologischen Maschinen (wie Wesen, Substanz, Wahrheit) erfasst werden kann. Letztere gehen von fertigen bzw. richtigen Antworten aus. Sie sind nicht in der Lage umfassende, handlungsrelevante Rahmen zu erzeugen, die Menschen helfen, neue philosophische Sichten zu erfinden. Wer kann denn schon sagen, was nuetzlich ist? Wer kann sagen, was moralisch ist? Wer kann sagen, was der Mensch ist? Die traditionellen, klassischen Antworten erzeugten geschlossene Systeme, deren Folgen – vor allem im Hinblick auf eigene Erfahrungen, aber auch auf die Natur, auf Ressourcen, und soziale Fragen – das in ihnen nicht Vorkommende hervorrufen, und so verstoerend und aufruehrerisch wirken. Homogenes ruehrt so Heterogenes auf, Gleichbleibendes ist mit Flieszendem verbunden, Ethisches bestimmt sich gegen das Boese, Moralisches grenzt an Obszoenes, Ordnung wird durch Aufruhr heimgesucht … etc.

Der von Bataille als sein philosophischer Lehrer geschaetzte Léon Chestov schrieb in Abgrenzung zum Idealismus: „Uns bleibt einzig noch die Willkuer. Es ist gut moeglich, dass dieses Wort in seiner Aufrichtigkeit die Gunst der anspruchsvollen Geister erlangt, die an den Rechten des kritischen Verstandes zweifeln …“*

*Leo Chestov: La Philosophie de la tragedie. Paris 1926, S. 5. Zit. B. Michel Surya: Die Willkuer, après tout. Von der ‚Philosophie‘ Leo Chestovs zur ‚Philosophie‘ Georges Batailles. In: Andreas Hetzel & Peter Wiechens (Hg): Georges Bataille: Vorreden zur Ueberschreitung. Wuerzburg 1999, S.15.

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Bei Hetzel und Wiechens habe ich Anregungen zu meinem Text gefunden. Aber auch bei:

Wer sich im Besitz der Wahrheit glaubt, …

moechte ‚recht haben‘, moechte ‚beweisen‘, dass nur seine Sichtweise die ‚richtige‘ ist. Gegen andere Sichtweisen muss er sich verwahren. Skeptische Philosophen koennen Irrtuemer einraeumen. Sie gingen und gehen davon aus, dass ‚richtig‘ und ‚wahr‘ Kriterien sind, ueber die niemand verfuegt – auch sie nicht. Fuer Skeptiker ist ‚recht haben wollen‘ und ‚beweisen wollen‘ eine Art Sackgasse. Fuer sie folgt aus ihrer skeptischen Praxis des Hinsehens, ’sich eines abschlieszenden Urteils zu enthalten‘. Jedes Hinsehen ergibt in aller Regel immer wieder einen neuen, bzw. etwas anderen Aspekt, auch wenn der neue sich nur minimal von dem Vorhergehenden unterscheidet. Diese durch Hinsehen entstehende Vermehrung von Unterschieden macht die Differenziertheit und die Qualitaet von Sichtweisen aus, die jeder autonom erheben kann. Dies zeigen z. B. Aeuszerungen von Menschen ueber die unterschiedlichsten Lebensbereiche, in denen sie professionell taetig sind bzw. waren.

Der Rat ‚immer wieder hinzusehen‘ fuehrte bereits in der Antike zu Missverstaendnissen. Viele Zeitgenossen des Pyrrhon – allen voran die Stoiker – stieszen sich an der Idee der Enthaltung und unterstellten dem, der dieser Idee folgte, dass er lebensuntuechtig sein muesse. Sie gingen zurecht davon aus, dass jeder Mensch handeln muss. Sich eines Urteils zu enthalten, schien ihnen unmoeglich. Dies entspricht durchaus dem, was skeptische Philosophen sowie Neurowissenschaftler inzwischen annehmen: „Unsere physiologische Natur bestimmt nach Gesetzmaeszigkeiten, die wir nicht kontrollieren koennen, dass wir gar nicht anders koennen, als Urteile zu faellen, so wie wir automatisch atmen und wahrnehmen“ (Hume Treat. I,4,1,7.) Daraus zu folgern, dass die Notwendigkeit des momentanen ‚handeln‘ und ‚urteilen‘ dauerhafte Urteile notwendig mache, ist das seit Jahrhunderten gebraeuchliche explizite und implizite Missverstaendnis, das Skepsis abwehrte, sie ungeeignet fuers Philosophieren hielt und Skeptiker der Laecherlichkeit preisgab. Ueber den in vielen Feldzuegen erprobten Pyrrhon wurde u. a. die Laecherlichkeit erzaehlt, dass er nur in Begleitung einer Magd sein Haus verliesz, um wieder nach Hause zu finden. Menschenwissenschaftler unter den Philosophen – wie Hume – bemuehten sich ohne groszen Widerhall darum, dieses Missverstaendnis auszuraeumen: „Niemand duerfte je einen so laecherlichen Menschen getroffen oder mit einem verkehrt haben, der handelnd oder forschend keiner Vorstellung bzw. keiner Annahme ueber das gefolgt waere, was er zu erreichen hoffte.“ (Hume, Enquiry, XII, 2.)

Handlungsbeduerfnisse, die aus menschlichen Grundbeduerfnissen entstehen, sind in der metaphysisch orientierten Philosophie nicht gruendlich mitbedacht worden. Kant z. B. hat Kritik anderer an der praktischen Mangelhaftigkeit seiner Ethik stets abgewehrt und darin keinen Anlass gesehen, sein apriorisches Konzept zu ueberpruefen, bzw. es zu revidieren. (Vgl. die Meinungsverschiedenheiten zwischen Kant und Ulrich. Kant: Metaphysische Anfangsgruende der Naturwissenschaften. In: Akademieausgabe von Kants gesammelten Werken, Bd. IV, S. 474/6. Christian Jakob Kraus: Rezension zu Ulrichs ‚Eleutheriologie‘, In: Akademieausgabe von Kants gesammelten Werken, Bd. VIII, S. 451ff.) Diese strukturell vorhandene Abwehr in der Philosophie gegen die Beschaeftigung mit Konkretem hat ‚philosophieren‘ in Verruf gebracht. Die Philosophie, so wie sie sich noch heute mehrheitlich als ‚Analytische‘ praesentiert, stoeszt einen eigenstaendig philosophierenden Jedermannphilosophen vor den Kopf. Ich frage mich dabei nach dem Interesse dieser Philosophen und dem Nutzen dieses Philosophierens.

Jahrhundertlange Uebungen in Wahrheitsdiskussionen, die man um der Wahrheit willen fuehrte, haben ferner dazu gefuehrt, dass skeptisches Philosophieren in Skeptizismus umgemuenzt wurde. Die Bedeutung „zweifeln“ beherrscht bis heute die entstellende neuzeitliche Auffassung der Skepsis. ‚Zweifeln‘ war keine Mitbedeutung antiker Skepsis gewesen. Zweifel an Dogmen sind und waren stets Merkmale religiöser Auffassungen. Sie ergaben sich ausgepraegt als Folge von ‚forschen‘ im Mittelalter und in der Neuzeit. Die Art von Enthaltung wie sie antiken Menschen nahe war, kann sich heute noch in der Redewendung „Da bin ich skeptisch!“ aeuszern. Menschen – so Hume’s Sicht – brauchen nicht zu fuerchten, aus ihrer Skepsis Nachteile zu ziehen. Sie haben physiologisch wirksame Hemmungen gegen den Skeptizismus, denn sie orientieren sich an ihren Lebensbeduerfnissen. „Wir sollten in allen Wechselfaellen des Lebens stets skeptisch bleiben. Glauben wir z. B. dass Feuer waermt und Wasser kuehlt, so liegt das lediglich daran, dass jede andere Sichtweise viel zu schmerzhafte Nachteile hat.“ (Hume, Treatise, 1,4,7,11)

Wenn die Wahrheit unerfahrbar ist …

… dann macht es eigentlich keinen Sinn, recht zu haben oder ueberzeugen zu wollen. Aber muss es nicht so etwas wie Wahrheit, etwas Gleichbleibendes geben, etwas von dem aus Menschen verlaesslich handeln koennen? Dieses Gleichbleibende gibt es, auch wenn es sich anders zeigt, als die absolute Wahrheit, der Philosophen seit Jahrhunderten die Eigenschaften ‚unveraenderlich‘, ‚gleich bleibend‘, ‚fortdauernd‘ … etc. zuschreiben. ‚Gleichbleibendes‘ entsteht naemlich im Zuge alltaeglicher Ereignisse und nicht durch Hoehenfluege metaphysischer Spekulationen.

Alltaeglichen Erlebnissen mit Menschen, Tieren, Pflanzen und Naturphaenomenen folgen Eindruecke des ‚Gleichbleibenden‘.  Meinem Nachbarn Borowski, meiner Nachbarin Niebuhr, dem Nachbarskind Tanja, dem Hausmeister, dem Postboten … etc. begegne ich immer wieder. Ich erkenne sie wieder, wenn ich auf sie treffe. So erhaelt der Sachverhalt, dass sie vorhanden sind, den Charakter von ‚gleich bleibend‘. Ebenso ist es mit weiter entfernt lebenden Personen, denen ich moeglicherweise seltener begegne. Dass ich sie seltener treffe, beeintraechtigt moeglicherweise. die Staerke meines Eindrucks, die Vorstellung, dass sie gleich bleibend vorhanden sind, verhindert dies aber nicht. Aehnlich verhaelt es sich mit Tieren, Pflanzen und Naturphaenomenen.

Das sich wiederholende Erlebnis, dass ich ihnen immer wieder begegne und sie wieder erkenne, wird zum Anlass, davon auszugehen, dass sie vorhanden sind und zwar auch dann, wenn ich sie gerade nicht sehe. Ich gehe davon aus, dass ich jederzeit auf sie treffen kann. Ich sage dann, Borowski wohnt in Haus Nr. 7, er sieht so und so aus, ist Junggeselle, arbeitet als Busfahrer … etc. Wie fluechtig derart ‚gleich bleibendes‘ ist, kennt jeder aus der Erfahrung, dass die betreffende Person wegzieht, heiratet, arbeitslos wird, auswandert, stirbt … etc. Naturphaenomene wie Fluesse, Meere, Berge, Taeler, Sterne hinterlassen einen staerkeren Eindruck von ‚gleich bleibend‘ bei mir, weil sie u. a. ueber lange Zeitraeume quasi ‚gleich bleibend‘ erlebt werden. So kann ich beispielsweise jahrelang meine Ferien in den Bergen verbringen im Hinblick auf die Vorstellung, bestimmte Berge ‚gleich bleibend‘ wieder zu sehen. An dieser Vorstellung aendert auch nichts der Sachverhalt,  dass auch Berge, Fluesse, Meere, Taeler, Sterne … etc. sich veraendern, Katastrophen z. B. veraendern das Bild von Landschaften. Erdgeschichtlich ist ferner bekannt, dass Erdteile, klimatische Verhaeltnisse und Populationen von Lebewesen verschwinden und durch neue ersetzt werden. Fatalerweise wird den vorgestellten Sachverhalten das Woertchen ‚immer‘ zugeordnet. Obwohl dieses Woertchen auf Nachfrage nur in einem zeitlich begrenzten Rahmen zutreffend ist, bringt die Art des Redens die Sachen doch dem Charakter des ‚unveraenderlich‘, ‚gleich bleibend‘, ‚fortdauernd‘ … etc. naeher. Derartige sprachliche Gewohnheiten unterstuetzen die menschliche Neigung davon auszugehen, dass etwas ‚gleich bleibend‘ vorhanden sei.

David Hume vermutete, dass nach einer Reihe bestimmter, aehnlicher Erlebnisse quasi wie von selber eine Vorstellung von ‚gleich bleibenden‘ Zusammenhaengen entstehe. Er nannte als Quelle dieser menschlichen Eigenart aus aehnlichen Ereignissen auf ‚gleich bleibendes‘ zu schliessen ‚habit‘ bzw. ‚custom‘ je nach dem, ob es sich dabei um etwas individuell oder gemeinschaftlich Erworbenes handelt. [vgl. dazu Humes ‚Abhandlung ueber die menschliche Natur‘ und dort v. a. den 3. Teil des ersten Bandes.] Neurobiologen unserer Zeit verweisen darauf, dass eine Reihe bestimmter, aehnlicher Erlebnisse die Vorraussetzung dafuer ist, um Menschen dazu zu veranlassen zu sagen, dass bestimmte Zusammenhaenge regelhaft und so notwendig sind. Diese Regelhaftigkeiten sind verursacht durch Aehnlichkeiten von Ereignissen und Erlebnissen. „Das ist ganz praktisch, denn die Regeln von gestern gibt es morgen auch noch.“, aeusserte dazu Manfred Spitzer. Er weist so darauf hin, dass ‚gleich bleibendes‘ unserer Erfahrung dem Menschen orientieren ermoeglicht. (Vgl. Manfred Spitzer: Wie lernt das Gehirn? , S. 6. Vortrag. Hier verlinkt.)

Vermutlich also tragen unsere neurophysiologische Plastizitaet und kulturell erworbene Seh-Gewohnheiten dazu bei, dass Menschen Vorstellungen von ‚gleich bleibend‘ entwickeln. Die meisten Menschen sind zu sehr mit ihrer Lebensgestaltung beschaeftigt, als dass sie merkten, in welchem Ausmass sie einzelne, sich aehnlich wiederholende Erlebnisse in ‚unveraenderlich‘, ‚gleich bleibend‘, ‚fortdauernd‘ … etc. ummuenzen und irgendwann ganz selbstverstaendlich behaupten, bestimmte Dinge seien ‚gleich bleibend‘. Es wird vergessen, dass dies nur begrenzt gueltig ist. Diese Neigung fuehrt dann – wenn es um religioese Wahrheiten geht – zu gefaehrlichen Einstellungen und Konsequenzen. In der abendlaendischen Philosophie entwickelte sich daraus der Mainstream ‚Metaphysik‘. Dieser war und ist mit Philosophen bevoelkert, die ‚gleich bleibendes‘ ins Auge fassten und ihr Philosophieren mit entsprechenden Spekulationen zu diesem Ziel hintreiben wollten. Dabei loesten sie ‚gleich bleibendes‘ aus dem Lebenszusammenhang heraus. Sie verabsolutierten eine Eigenschaft. Diese ‚Wahrheitsliebhaber‘ haben sich zwar in der Gegenwart mehrheitlich von der Metaphysik losgesagt. Sie verraten aber durch die verschiedensten Hinweise ihre implizite Neigung dafuer. Am deutlichsten zeigt sie sich, wenn Philosophen dafuer eintreten, dass sie ‚recht haben‘. Philosophische Gespraeche, die vom ‚argumentieren‘ (u. a. ‚beweisen‘) leben, sind dafuer charakteristisch.

Ich behaupte, dass Philosophen, die davon ausgehen, dass die Wahrheit keiner je kannte, noch kennt, noch je kennen wird, nicht recht haben moechten. Sie halten ‚recht haben‘ naemlich weder fuer moeglich, noch fuer nuetzlich. Diese Idee, dass ‚recht haben wollen‘ weder eine philosophische Tugend sei noch dem ‚philosophieren‘ nuetze, hoerte ich vor Jahren zum ersten Mal von dem Philosophen Rolf Reinhold. Er sagt ueber sich, dass ‚recht haben wollen‘ nicht seine Sache sei. In vielen Gespraechen mit ihm seit 2006 habe ich die positive Wirksamkeit seiner Maxime an mir selber erlebt. Reinholds ‚akzeptieren‘ statt ‚argumentieren‘ hat es mir ermoeglicht zu merken, dass mein ‚recht haben wollen‘ nicht nur meinem eigenen Philosophieren im Wege stand, sondern auch meinem Handeln.

Die Wahrheit kannte keiner, noch kennt sie jemand, …

… noch wird sie jemals jemand kennen. (Xenophanes aus Kolophon, ca. 570-480 v.u.Z.)   

Die Grenzen des Individuellen zu akzeptieren, scheint traditionell gepraegten Philosophen nicht zu gelingen. In irgendeiner Art und Weise befinden sie sich immer noch auf dem Weg, Objektives bzw. Wahres  zu entdecken. Dies gilt fuer renommierte Philosophen der Gegenwart genauso, wie fuer viele unbekannte Philosophierende, die sich von deren (Sehn-) Sucht haben anstecken lassen. Taetigkeiten wie ‚verifizieren‘ bzw. ‚falsifizieren‘, Auffassungen wie, es gaebe sowohl eine ‚oeffentliche‘ als auch eine ‚private Sprache‘ zeugen davon.

Ich gehe davon aus, dass dies die Folgen von Entscheidungen sind, die gefaellt wurden, nachdem die christliche Wahrheit vor Jahrhunderten gesellschaftlich verankert worden war. Buecherverbrennungen sowie die Schliessung antiker philosophischer Institutionen markieren diese historisch. Die christliche Wertschaetzung fuer Pythagoras, Platon, Plotin … etc. muendete in die Metaphysik als Charakteristikum der Philosophie. Augustin Thagastes Schrift ‚Ueber die wahre Religion‘ thematisiert diese Entscheidung und damit den hochspekulativen Charakter der abendlaendischen Philosophie. Er verfolgte mit anderen Zeitgenossen die platonisch-plotinische Idee, gemaess der es moeglich sei, Individuelles zu verlassen und jenseits individueller Grenzen Wahrheit zu finden.

Der zetetische oder skeptische, d.h. forschende Charakter vieler griechischer Philosophien der Antike wurde dagegen ignoriert, bzw. sogar so uminterpretiert, als sei Wahrheitssuche schon vor der christlichen Zeit von zentralem philosophischen Interesse gewesen. Aus meiner Sicht handelt es sich hier um einen folgenschweren Irrtum, der nur vor dem Hintergrund christlich-religioeser Beduerfnisse nachvollziehbar ist. Dieser Irrtum machte weitere Entscheidungen unumgaenglich, die schliesslich unter Philosophen u. a. zu einer unuebersichtlichen Begriffsvielfalt fuehrten, die man argumentativ zu beherrschen suchte. Auch heute noch sind Vertreter der Analytischen Philosophie damit beschaeftigt, verbindliche Kriterien fuer ueberzeugende Argumente zu finden. Es wird nicht bemerkt, dass die Praxis ‚recht haben zu wollen‘ eine Folge der oben erwaehnten Entscheidung fuer die Gleichsetzung von Metaphysik mit Philosophie ist.

Ich kann keinen konkreten Anhaltspunkt dafuer finden, dass ich denkend und handelnd meine individuelle Welt verlassen kann. Rolf Reinhold aeussert sich dazu sinngemaess so: „Ich bin meine Welt und sie veraendert sich mit jeder neuen Situation. Es ist mir nur moeglich, Dinge meiner Welt zu betrachten und ueber sie zu reden bzw. zu schreiben. Dinge, das ist das, was ich wahrnehme, besser gesagt ’sensoriere‘ . Ich sehe bzw. fuehle sie und ich gehe davon aus, dass u. a. Sensoren, Gehirn, Organe … etc. an ihrer Produktion – wie auch immer – mitwirken. Mehr als nur minimale Schlussfolgerungen ziehe ich nicht. Ich veraendere sie, wenn sie dysfunktional wirken. Ich moechte mit anderen zusammen handeln, ‚recht haben‘ interessiert mich nicht.“

 Dass auch ich mich derart konsequent beschraenkt sehe, unterscheidet mein ‚denken‘  bzw. ‚philosophieren‘ deutlich von dem anderer. Traditionell gewachsene Kategorien passen nicht mehr. Sie taugen nicht als Instrumente, um ‚physistisch philosophieren‘ so aufzufassen, dass damit ‚anders philosophiert‘ werden kann. . Vor allem akademisch gepraegte Philosophen werden dadurch irritiert. Sie gehen davon aus, dass ’nachdenken‘ bzw.  ‚philosophieren‘ sich  innerhalb von bestimmten historisch gewachsenen Begriffen ( im Geist, im Bewusstsein, subjektiv, objektiv … etc.) vollziehen muss. Ich kann ohne diese ‚Bezeichnungen‘ auskommen, weil ich nichts mehr kenne, was sie ‚bezeichnen‘ koennten. Ich habe ihnen jahrzehntelang nachgespuert und ich bin nicht fuendig geworden. Insofern sind sie fuer mich nur „Lautzeichenfolgen“ (Rolf Reinhold) bzw. „Lippengeraeusche“ (Axel Brauns). Traditionell gepraegte Philosophen glauben, damit auf etwas (Substanzielles, Vorhandenes, Seiendes) verweisen zu koennen. Die physistische Sicht, die Dinge zu sehen, ergibt  Kommunikationsstoerungen, die nur durch viele Erläuterungen zu beheben sind. Rolf Reinhold äußert sich auf seinen Seiten dazu in ähnlicher Weise. ‚Sowohl mein Beratungsangebot als auch mein ‚philosophieren‘ sind extrem erläuterungsbedürftig.‘

‚Ich moechte Autoritaeten und bereits beschrittene Wege verlassen. Ich moechte das, was sich fuer mich ergibt, zum Thema machen.‘ So äusserte sich auch schon David Hume.  Meine eigenen Wege sind fuer mich relevant und ich moechte mich mit anderen mit Blick auf die Sache darueber austauschen. Das wünschte sich auch schon George Berkeley. Wie Reinhold, Hume und Berkeley verspreche ich mir davon Anregungen fuer mein ‚philosophieren‘.

 

 

         

Individuelles ueberschreiten II

Jan Kuhlbrodts Hinweis zu dem Artikel „individuelles ueberschreiten I“ auf Jean Piagets Theorie der kognitiven Entwicklung eines Menschen hat mich zu interessanten Ergebnissen der Kognitionswissenschaften gefuehrt. Hier habe ich ein ‚paper‘ der Universitaet Wuerzburg verlinkt, das einen Ueberblick ueber kognitionspsychologische Experimente, deren Ergebnisse und die Theorien dazu gibt. Ich habe einige Zeit gebraucht, bis ich fuer mich diesen Ueberblick auswerten konnte. Einerseits habe ich die verwendeten Bezeichnungen mit meinen Assoziationen verbinden muessen, bis sie fuer mich interpretierbar wurden. Andererseits sind die Experimente unvollstaendig beschrieben, so dass ich sie wohl nur teilweise kapiert habe. Ich habe die Luecken imaginativ geschlossen und mir so ein eigenes – vermutlich sehr irrtumsbehaftetes – Bild gemacht.
Dieses Bild – das wiederum ein ‚verdichten‘ von eigenen Assoziationen ist, die waehrend meines ‚verarbeiten‘ der Lektuere entstanden – nahm ich zum Anlass um meine eigenen Schlussfolgerungen zu ziehen.

Doch zuerst zum oben erwaehnten ‚paper‘. Mein Fazit daraus: Jean Piagets Theorie, dass die ersten ‚kognitiven Strukturen‘ – was immer das auch sein mag – mit 9 Monaten entstehen, wurde nach unten hin korrigiert. Die experimentell erhobenen Forschungsergebnisse veranlassen inzwischen die Forscher zu Theorien, dass bereits im Mutterleib „Repraesentationen“ entstehen, die dem Neugeborenen ‚unterscheiden‘ zwischen Bekanntem und Unbekanntem ermoeglichen. Die Bezeichnung „Repraesentation“ scheint in diesem ‚paper‘ von den forschenden Autoren fuer eine Art „kognitive Struktur“ zu stehen.

Gleichgueltig um welche Variation der Fragestellung, des experimentellen Aufbaus und des Ergebnisses es sich handelt, die forschenden Autoren greifen im Diskurs ihrer Wissenschaft und zur Abgrenzung von anderen Wissenschaften auf die Bezeichnung „Repraesentation“ oder aehnliche Bezeichnungen zu. So verhielt sich Piaget, als er die Bezeichnung ‚Objektpermanenz‘ zur Bezeichnung fuer seine Annahme „kognitive Struktur“ benutzt.

Dabei wird unausgesprochen sowohl fuer ‚Repraesentation‘ wie fuer ‚Objektpermanenz‘ unterstellt, dass sie etwas bezeichnen, mit dem sich ueber wissenschaftliche Standards verhandeln liesze. Aus meiner Sicht – ‚individuelles ist unhintergehbar‘ (Rolf Reinhold) – handelt es sich dabei um vergleichbare Sichten der betreffenden Autoren, die sich diese unabhaengig und auszerhalb ihrer Experimente angeeignet haben. Ihre jeweils individuellen Sichten schaffen den individuellen Rahmen fuer Theorien, wie sie Kognitionswissenschaftlern akzeptabel erscheinen. Dies entspricht der in der Regel zugestimmten Behauptung, dass auch wissenschaftliche ‚Erkenntnis‘ subjektiv bzw. relativ sei, fuehrt aber selten – ich behaupte sogar nie – zu konsequentem ’nach-denken‘. Vergleichbar dem „Neun-Punkte-Problem“ verbleibt man unausgesprochen innerhalb der Grenzen bereits vorhandener Standards und beschraenkt sich auf das, was innerhalb dieser moeglich ist. Dies fuehrt im vorliegenden Falle – wie in allen anderen aehnlich gelagerten Faellen – zu einer Festschreibung von Theorien und gewohnten Sichten. Das rahmensprengende Potential von Experimenten wird uebersehen.

Physistische Philosophinnen gehen davon aus, dass konsequentes ’nach-denken‘ und dabei ‚ausgehen‘ von dem, was sensorierbar ist, andere Schlussfolgerungen ermoeglicht, die rahmensprengend wirken koennen.
Die im ‚paper‘ angefuehrten Experimente legen nicht notwendigerweise nahe, dass geistige Strukturen der Motor fuer die Verhaltensenderungen eines neugeborenen Menschen sind. Dies ist – wie schon oben erwaehnt – die Interpretation von Wissenschaftlern, die davon ausgehen, dass ‚geistiges‘ etwas sei, das notwendigerweise zum Menschen gehoere. Im Falle „kognitive Struktur“ wird ferner – ebenfalls unausgesprochen – unterstellt, dass ‚geistiges‘ Grenzen transzendieren koenne und so in eine Art „geistige Schnittmenge“ zwischen Individuen münde. Diese Auffassung kennzeichnet u. a. den transzendentalphilosophischen wie den sprachphilosophischen Diskurs in der Philosophie. In Erziehungs- und Lerntheorien sowie in Unterrichtsdidaktiken wird damit die Überlegenheit des Lehrenden über den Lernenden behauptet. Ich halte dies fuer eine mythische Denkfigur, die aber von denen ueblicherweise mit verwendet wird, die diesem Mythos verbunden sind. Ich kann keinen konkreten Anhaltspunkt dafuer finden, dass ich denkend und handelnd meine individuelle Welt verlassen kann.

Ich schliesze aus denen im ‚paper‘ erwaehnten Experimenten, dass die jeweils individuelle neurophysiologische Ausstattung der Motor von ‚entwickeln‘ ist, die vielfaeltig angeregt adaequates ‚handeln‘ und ’nach-denken‘ ermoeglicht. Die Strukturen, die dabei entstehen, sind neurobiologischer Art. Sie werden durch ‚benutzen‘ funktionstuechtiger. Es sind meine Strukturen. Ich kenne keinen Fall – auszer ich haette einen siamesischen Zwilling – in dem ich, mit neurobiologischen Strukturen eines anderen verbunden sein koennte. Andere schließen von neurobiologischen Strukturen auf kognitve. Das ist mir zu weit gehend.

Eventuell funktioniert auch das, um den traditionellen Rahmen verlassen zu können: Sowohl ‚reden‘ wie ‚denken‘ ueber den Menschen sind vollgemuellt mit Jahrhunderte alten Bedeutungen. Es koennte ‚weiterentwickeln‘ befoerdern, wenn ‚reden‘ und ‚denken‘ – z. B. nach einer Art Simplify-Methode – ausgemistet wuerden.

Individuelles ueberschreiten I



Kann man die Dinge auch mit den Augen anderer sehen?

Menschen gehen davon aus. Menschen meinen z.B., sich in andere einfuehlen zu koennen: „Ich weisz, was in dir vorgeht.“ Muetter halten sich zu Gute, ihre Kinder zu kennen. Lehrer glauben zu wissen, wie jeder ihrer Schueler am effektivsten lernen. Liebende gehen davon aus, ein Herz und eine Seele zu sein. Auch Wissenschaftler gehen davon aus, den Beweis dafuer erbracht zu haben, dass ein Individuum wissen kann, was ein anderer empfindet: Sie haben die Spiegelneuronen entdeckt.

Menschen, die davon nicht ausgehen, gelten zumindest als soziale Grobiane, werden als gefuehlskalt, … etc. bezeichnet. Manche gehen so weit zu behaupten, dass diesen Menschen eine wichtige menschliche Faehigkeit fehle. Derartige Selbstverstaendlichkeiten und derart Weitreichendes macht es aus meiner Sicht noetig, dem Empathischen, d.h. dem Einfuehlsamen auf den Mund zu schauen: Wovon ist hier die Rede?

Im Wesentlichen duerfte es um Kommunikation gehen.

Ich gehe davon aus, dass Kommunikation mit der Benutzung von Zeichen (Gesten, Mimik, Woerter, Stimmfaerbung, … etc.) zu tun hat, die in Menschen etwas ausloesen. Bereits im Uterus sind Menschen Zeichen der Umgebung ausgesetzt. Worauf diese Zeichen verweisen, lernt der Mensch ueberwiegend extrauterin.

Mit ungefaehr einem Jahr beginnen Menschen Woertern etwas Bestimmtes zuzuordnen. Sie fangen an zu sprechen. Mit durchschnittlich 5/6 Jahren ist das Bestimmte, auf das ein Wort hinweist, im Bereich des Konkreten so weit von Menschen erforscht, dass andere mit ihnen reden koennen. Andere Zeichen als Woerter werden nachrangig. Bis dahin gibt es viele Irrtuemer, die dem Herausfinden des Bezeichneten dienen. Auf diesem Weg begegnen Menschen auch Zeichen, bei denen es nicht gelingt herauszufinden, was damit bezeichnet wird. Es sind Abstraktionen, Metaphorisches. Deren Erforschen dauert länger.

Was steht wofür?

Grundlegende Erfahrung aus diesen ersten Lebensjahren ist also: Wenn ein Menschen mit anderen reden moechte, muss er fuer sich selber herausfinden, was es mit den Zeichen auf sich hat, die die anderen benutzen. Das Reden ueber Dinge orientiert sich dabei am Konkreten, das ein Mensch kennt: Katze, Tisch, gehen, lachen, blau, gruen … etc. In diesem Rahmen gibt es selten Unklarheiten zwischen Menschen; es sei denn es liegen sensorische Beeintraechtigungen vor (z.B. Seh- oder Hoerdefizite).

Reden ueber Dinge, die man nicht kennt, reden ueber Abstrakta, Metaphorisches oder ueber das, was in anderen Menschen vor sich geht, wird unklar, weil das damit Bezeichnete nicht gemeinsam betrachtet werden  kann. Um zu erlaeutern, was ich meine, wenn ich das Wort ‚Liebe‘ verwende, muss ich mehr Woerter benutzen. Die Kommunikation wird unuebersichtlich. Menschen haben eventuell deshalb den Gebrauch des Wortes „verstehen“ erfunden. „Aha, ich verstehe, was du meinst!“ oder „Verstehst du mich?“ „Ich verstehe!“ beendet die Kommunikation ueber ein bestimmtes Thema. Mir fiel schon oft auf: Je besser Menschen sich verstehen, desto weniger scheinen  sie sich zu sagen haben. Aber dies nur nebenbei.

Was folgt daraus fuer die Eingangsfrage? 

Erst einmal nicht viel.
1. Von Geburt an ist der Mensch damit beschaeftigt zu kommunizieren und dazu muss er fuer sich immer wieder herauszufinden, worauf Zeichen hinweisen.
2. Der Mensch orientiert sich dabei an konkreten Dingen.
3. In der Kommunikation ergibt sich fuer ihn, ob er Zeichen korrekt entschluesselt hat.

Die Untersuchung wird fortgesetzt.

Individuelle Sichten



„Die Dinge sind für mich so, wie sie sich mir zeigen, und für dich so, wie sie dir sich zeigen.“ Und so ist „der Mensch das Maß aller Dinge“

Das Altgriechische ‚chremata‘ des Homo-Mensura-Satzes, den die Quellen Protagoras zuschrieben, hat eine aehnlich weitreichende Bedeutung, wie das deutsche Wort ‚Dinge‘, mit dem es wiedergegeben wird. ‚chrema‘ bezeichnet: „Alles, womit der Mensch hantiert, womit er etwas anfangen, was er zu seinen Zwecken gebrauchen kann, oder auch womit er zu schaffen, zu tun hat. in diesem Sinne Sache, Ding, Stueck, Ereignis, Erscheinung, Vorfall, Geschaeft. Im Besonderen heißt bald der Mensch selbst ‚chrema‘ : Ding, Geschoepf, ein Wunder (von Frau) . Im Plural erscheint ‚chremata‘ als Sammelbegriff für Habseligkeiten, Hab und Gut, Sklaven, Herden Jagdtiere… Vermoegen, Leben, Macht, Machtmittel … etc.“ steht in der digitalen Version von Papes griechisch-deutschem Woerterbuch. Dem verbalen Stammwort ‚chraomai‘ – im Altgriechischen sind Substantive fast immer Ableitungen des Verbs – entsprechen Terme wie  „… eine Sache, sich zu Eigen machen, auch leihen. In Bezug auf Goetter verehren, sie als Gottheit annehmen, mit ihnen verkehren, sie befragen. Mit eigenen Anlagen, Kraeften verfahren, ihnen gemaeß handeln. sie benutzen, zeigen. Gesetze befolgen, einhalten. Zustaende, Gefuehle empfinden, mit ihnen zu tun haben; sich in Umstaende zu schicken wissen, den Staat verwalten; mit gegebenen Verhaeltnissen umgehen; mit Kuensten, Wissenschaften, Gewerben hantieren; kaufen, verkaufen; …“

Aus allen diesen moeglichen Uebersetzungen laesst sich schließen, dass der Homo-Mensura-Satz sich auf alle Lebensbereiche bzw. auf unser gesamtes Verhalten bezieht – auch im Hinblick auf den Menschen selber. Er koennte auch heißen: „Was immer der Mensch tut, er tut es auf seine Weise.“ Oder: „Individuelles ist unhintergehbar“. Dieses Grundprinzip menschlichen Verhaltens duerfte im Alltag des antiken Griechenland und auch unter Wissenschaftlern (Sophoi, Sophisten und Philosophen) allgemein akzeptiert gewesen zu sein. Es zeigte sich m. E. in den offen endenden platonischen Dialogen oder in den miteinander konkurrierenden Philosophien oder im Wechsel unterschiedlicher Regierungsformen und politischen Entscheidungen oder in den unterschiedlichen Sichtweisen oeffentlicher Reden … etc. Individuelles wurde durch gemeinsam geteilte kulturelle und religioese Traditionen und Gesetze begrenzt. Die Verletzung des traditionellen Goetterglaubens war todeswürdig. Trotzdem war niemand „… an ein heiliges Recht gebunden waren, welches Religion und Staat zusammenkettete, … kein Klerus in Art der aegyptischen Priester, der Magier und Chaldaeer … war [vorhanden], welcher … im Namen einer vorhandenen, einzig berechtigten Lehre unterdruecken konnte.“ [Jacob Burckhardt: Griechische Kulturgeschichte: Achter Abschnitt. Zur Philosophie, Wissenschaft und Redekunst, S. 97. Digitale Bibliothek Band 55: Geschichte des Altertums, S. 10692] Diese Lehre, die unterdrückt, gab es für unseren Kulturkreis erst mit der Verbreitung des Christentums in Europa. Mit ihm ist m.E. das von den Griechen praktizierte Naturprinzip des Individuellen zugunsten behaupteter Wahrheit und richtiger Moralitaet nachhaltig verdraengt worden.