Eine schwerwiegende Behauptung …

 

… ist es wohl, wenn eine Autodidaktin behauptet, dass Kant’s Philosophie nichts als eine Neuauflage alter Lehren sei. Ich verstecke mich dabei hinter Wahle, der schon vor 100 Jahren gesagt hat, was ich heute denke.

Dies ist ein alter Trick, aber unter Philosophen schon lange verbreitet. Von dem Englaender „Abaelard aus Bath“ einem eher nuechternen Denker aus dem 12. Jh. ist mir bekannt, dass er diesen Trick ebenfalls kannte. Er schrieb – sinngemaesz – wenn man heute (im 12. Jh.) etwas Neues sagen moechte, darf man dieses Neue nicht als das Eigene ausgeben. Stattdessen muesse man darauf hinweisen, dass bereits der oder jener schon das Gleiche gedacht habe.

 Nun Abelard hatte zu seiner Zeit seine guten Gruende, Abweichendes als Erfindungen bekannter, moeglichst aber anerkannter Denker auszugeben. In meinem Fall sind diese guten Gruende andere.

 Ueber einen derart anerkannten Philosophen wie Kant zu behaupten, seine Philosophie sei schon zu seinen Zeiten ueberholt gewesen, setzte eigentlich voraus, dass ich einen doppelten „Dr. habil.“ vor meinem Namen trage. Aber selbst dann noch garantierte dies nicht, dass man sich in Fachkreisen damit ernsthaft befasste, geschweige denn mir zustimmte.

Ich trete hier naemlich in Legionen von Fettnaepfchen. (Brauche aber nicht mehr die Inquisition zu fuerchten.) ‚Diese Dame versteht ja nichts von Philosophie.’, bekaeme ich eventuell zu hoeren. Dieser Hinweis ist berechtigt: Von dem, was viele unter Philosophie verstehen, verstehe ich naemlich gar nichts. Auf die meisten von ihnen duerften meine Sichten eher laecherlich wirken.

Das nun wiederum finde ich sehr bedauerlich. Da ich jedoch Lachen fuer eine sehr natuerliche, menschliche Reaktion halte, wenn gewohnte Sichtweisen in Frage gestellt werden, nehme ich es niemandem uebel.

 Ich schreibe hier selbstverständlich nicht, um ausgelacht zu werden, ich schreibe fuer Andere, die wie ich vom Virus der Nachdenklichkeit infiziert sind. Nachdenken tut jeder – das ist klar. Doch mein Virus ist unentwegt taetig und noetigt mich zu graben, graben, graben … Das habe ich mir nicht ausgesucht, ich denke wie von selbst … und kann mich einfach nicht zufrieden geben, mit dem was andere zufrieden macht.

 Ich schreibe daher nur fuer die, denen es aehnlich geht wie mir.    

Reproduktion alter Lehren bei Kant

 

Wahle schaetzte Philosophen, wenn sie ‚originelle Fragen und Loesungen erfinden’. Alle anderen brauche man eigentlich gar nicht zu erwaehnen, fuegte er hinzu. Kant fiel zuerst dadurch auf, dass er an einer Hochschule  – wenn auch vorsichtig – zunaechst verkuendete, dass weder Gott noch die Seele beweisbar sind. Damit schwamm er im Strom seiner Zeit, aus dem er sich aber wieder zurueckzog.

Wer sich in der Philosophiegeschichte auskennt, findet bei Kant nur laengst bekannte Ideen und scholastische Unterscheidungen, so Wahle in seiner „Tragikomoedie der Philosophie“. Der Zeitgeist wurde jedoch von neuen Gedanken und Ideen gepraegt. Im 18. Jahrhundert habe sich die philosophische Welt beim Grossteil der Gebildeten materialistisch und atheistisch veraendert. Deismus, Religionskritik , historische Forschungen und Philosophien wie die von Lamettrie, Helvetius , Holbach, D’Alemberts, Diderot, Cudworth, Voltaire, Rousseaus gehoerten zu diesen Veraenderungen und verbuendeten sich mit denen des allgemeinen Weltbildes.

Vor Kant hatte bereits Locke die Vernunfttaetigkeit analysiert und festgestellt, dass einzig die sinnliche Wahrnehmung  menschliches Denken bestimmt und daher Grundlage wissenschaftlicher Forschung sein müsse.  Hume hatte sich Locke’s Analyse angeschlossen.  Hinsichtlich der Unerkennbarkeit des Dinges an sich, der Existenz Gottes und der Unsterblichkeit hatte er Locke’s Analyse konsequent zu Ende gefuehrt. Kant war daher nicht der erste, der die Vernunft analysierte. Seine „kopernikanische Wende“, die er als seine Idee ausgab, hatten bereits andere vollzogen.  

Kant habe sich seinen Vorgaengern einerseits angeschlossen, indem er forderte, dass man beim Denken und Forschen von den Sinnen ausgehen muesse; aber seine Unfreiheit gegenueber seinen von Kindheit an pietistisch gepraegten Beduerfnissen veranlasste ihn, gleichzeitig metaphysischen Neigungen nachzugehen. Er griff so zusaetzlich zu entgegengesetzten Auffassungen hauptsaechlich zu denen von „Wolff = Aristoteles“, Leibniz und Baumgarten, bei denen er auch die Instrumente  fand, um seine „Analyse der Vernunft“ umfassend durchfuehren zu koennen. So verwendete er „die alten angeborenen Ideen und Saetze“ und stattete damit im Sinne von Leibniz bzw. von Platon die Seele aus. Sie dienten ihm zur Begruendung der Transzendalität der reinen Vernunft und der reinen Begriffe. Bei Baumgarten fand er die zahlreichen differenzierenden Begriffe, logischen und psychologischen Einteilungen, die sein Unternehmen so umfassend erscheinen lassen.

An Kants Lehre sei nichts originell und an seinen scholastischen Formulierungen fast nichts, fasste Wahle seine Beschreibungen zusammen. Originell seien seine Termini. Kant nannte seine Art der „Ueberschreitung der Erfahrung“ „transzendental“, behauptete, dass der „Idealismus eine Grundbegabung des Menschen“ sei und nannte daher das, was er tat „transzendentaler Idealismus“. Das war ein neuer Terminus, aber die Sache gab es schon vorher. Historiker trugen dazu bei, „eine Neuheit des Standpunktes vorzutaeuschen“, indem sie neue Systematisierungen einrichteten und neue ‚ismen“ schufen. Doch Kants Lehre bleibe „immer nur eine Reproduktion alter Lehren.“

Trotz seiner Kritik wuerdigt Wahle ihn.

Kant ist als Person ehrwuerdig durch seinen Ernst, seinen  Wahrheitsdrang, als Friedensherold, durch die fleiszige, ausdauernde, wenn auch an Vorbilder sich anschlieszende, umsichtige Administration seines Systems, durch unterscheidungsfrohen Scharfsinn, durch sein erhabenes Pflichtgefuehl, durch seine gelegentlich hervorbrechende Redekraft – aber das muss unserer auf die originellen Progresse der Philosophie bedachten Darstellung so gleichgueltig sein, als es ihr gleichgueltig sein muesste, wenn er ein Spitzbube gewesen waere.

 

Vgl. Wahle: Tragikomoedie der Weisheit, S. 323-330.

Wahles Kritik der Erkenntnis

Seit Locke hat sich ‚Erkenntnistheorie‘ als Disziplin der traditionellen Philosophie etabliert. Dabei geht es um die Frage, was können wir ‚wissen‘ und wie kommen Menschen zu verlässlichen Erkenntnissen. Kant war einer der letzten, der mit einem ausgeklügelten System die Frage im Sinne von ‚Erkenntnis ist möglich‘ beantwortete. Er gab mit seiner ‚Kritik der reinen Vernunft‘, indem er bekannte Begriffe zerlegte und z. T. verändert anwendete, seinen Lesern viele Probleme auf. Zeitgenossen hielten seine Transzendentalphilosophie für eine gelungene Variante der Lösung des Erkenntnisproblems, die wissenschaftlichen Standard im Kreis anderer Wissenschaften beanspruchen konnte. Es gab aber auch eine Reihe von Widersprüchen, die im wesentlichen bemängelten, dass er das unausgesprochen voraussetzte, was er behauptete bewiesen zu haben. In dieser Hinsicht hatte Kant so etwas wie einen „blinden Fleck“. Und viele, die ihm folgten, schienen unter einer vergleichbaren Blindheit zu leiden. 

Als Wahle Ende des 19. Jahrhunderts zu philosophieren begann, war Kant im deutschsprachigen Raum ein anerkannter und viel interpretierter Philosoph. Wahle  behauptete nun, dass die Sehnsucht nach Wissen unerfüllbar sei. Vor allem neurobiologische Ergebnisse aus der Hirn- und Nervenforschung seiner Zeit sprachen aus seiner Sicht dagegen. 

Er distanzierte sich im Hinblick auf ‚Wissen‘ von vertrauten philosophischen Selbstverständlichkeiten. U. a. von Begriffen wie Materie, Subjekt, Geist, Ich, Bewusstsein, von der Behauptung es gäbe ein ‚Innen‘ und ‚Außen‘. Aus seiner Sicht führte dies zu Irrtümern, die die tatsächlichen Sachverhalte verbergen. Der grundlegende, tatsächliche Sachverhalt von dem er ausging, waren die ‚Vorkommnisse unter dem Bestand der Sinne‘. Aus den ‚Vorkommnissen‘ können wir schlussfolgern, dass wir etwas vor uns haben, was als Objekt bezeichnet, jedoch nicht bestimmt werden kann. Erinnerungen von und Phantasien aus ‚Vorkommnissen‘ ergeben keine Kenntnisse, die man als Wissen bezeichnen dürfe.

Statt über ‚Geist‘ sprach er von Psychischem. Psychisches sei wie etwas „Gewordenes, Ernährtes und Wurzelndes“. Eine Art Produkt, das erforschbar ist. ‚Geworden‘ heißt: Das Nervensystem ermöglicht uns von Geburt an zu empfinden, d. h. Vorkommnisse zu erleben. Die frühen Vorkommnisse sind Basis unserer Vorstellungen und bahnen unserer ‚geistigen Entwicklung‘. ‚Ernährtes‘ heißt, unser Nervensystem produziert lebenslang Vorkommnisse, mit denen wir unser Leben gestalten. ‚Wurzelndes‘ : Psychisches ist stets mit dem Nervensystem verbunden. D. h. der Mechanismus unseres Denkens bzw. geistigen Lebens ist physiologisch bedingt. Mechanismus meint die chemischen und physikalischen Prozesse unseres Nervensystems.

Dass ohne unser Nervensystem die Welt so ist, wie wir sie mit ihm wahrnehmen, ist eine unbegründete Annahme. Unsere Wünsche nach Wissen sind also vergeblich, weil wir niemals davon ausgehen können ohne unser Nervensystem zu leben. Dies gilt auch für die Verwendung von physikalischen und chemischen Hilfsmitteln: Wir haben stets ‚Vorkommnisse unter dem Bestand der Sinne‘. (Vgl. zum gesamten Abschnitt: Wahle: Über den Mechanismus des geistigen Lebens, S. 34-50)

 

 

Sehen heißt ‚wirklich unmittelbar zu sehen glauben‘,

so soll Friedlich Wilhelm Schlegel (1772-1829) sich in seinen ‚Vorlesungen zur Aesthetik‘ kritisch ueber den nicht nur zu seiner Zeit weit verbreiteten Irrtum zum ’sehen‘ geaeuszert haben. Schlegel hielt folgendes fuer zutreffend: „Das Auge sieht nicht Gegenstaende, es sieht Farben; und es sieht nicht raeumlich sondern flaechig. Nur der alltaegliche Umgang mit den Dingen und die Zusammenarbeit mit den anderen Sinnen machen es dem Menschen moeglich, die Welt als Welt zu erfassen. Einmal an diese begriffene Welt gewoehnt, vergisst er sein erstes Sehen: ‚Im gewoehnlichen Leben, wo wir Geschaefte an und mit den Gegenstaenden vorhaben, vergessen wir oft den Schein ganz und gar, und glauben die Gegenstaende so zu sehen, wie sie nach unsrer Bekanntschaft mit ihnen sind‘. „ (Roland Borgards: Die Wissenschaft vom Auge und die Kunst des Sehens. In: Thomas Lange u. Harald Neumeyer (Hrsg.): Kunst und Wissenschaft um 1800. Wuerzburg 2000, S. 52f.)

Ich bin immer wieder positiv ueberrascht, wenn ich bei metaphysisch denkenden Philosophen, skeptische Elemente entdecke. Vielen Lesern ist vermutlich die Zeichnung von Descartes (1596-1650) bekannt – falls nicht, hier klicken– in der er ’sehen‘ mit Hilfe einer geometrischen Darstellung schematisiert. Schlegel thematisiert ’sehen‘ hier aus skeptischer Sicht, die im Ergebnis an die Darstellung von  Ernst Mach (1838-1916) erinnert . Und es erinnert auch an David Hume (1711-1776), wenn Schlegel beschreibt, dass wir Menschen die Dinge so zu sehen glauben, wie wir sie kennen, also wie wir es gewohnt sind zu tun. Wir legen etwas in das, was wir sehen hinein, was wir nicht sehen. Diesen Vorgang hat David Hume mit dem Wort ‚understanding‘ bezeichnet, das im Deutschen gewohnheitsmaeszig  mit ‚Verstand‘ wiedergegeben wird.

Ist es also der ‚Verstand‘ der uns Irrtuemer unterschiebt, weil wir mit Hilfe seiner Begriffe Gewohntes hineininterpretieren, was gar nicht zu sehen ist? Kant haette dem heftig widersprechen muessen, wenn sein transzendentalphilosophischer Ansatz wenigstens ein bisschen von der Geltung beanspruchen soll, die er ihm zubilligte. Naemlich die Hoffnung auf ‚wissen‘. Wenn jemand blosz hofft zu wissen, dann weisz er aber nichts. Doch das waere fuer die Transzentalphilosophie wiederum zu wenig. Was also ist mit ihrer Hilfe zu gewinnen?

Ich denke eigentlich nichts. Sie ist eher der gelehrte Versuch, Nicht-Wissen zu thematisieren ähnlich wie es mittelalterliche Theologen wie Johannes Eruigena (ca. 810 – ca. 880) vor Jahrhunderten taten und damit der Behauptung widersprach, Menschen wüssten etwas über Gott,. Wenn selbst selbst professionelle Wahrheitsglaeubige wie Kant und Eriugena ‚wissen‘ verneinen, wieso machen Philosophen nicht mehrheitlich davon Gebrauch, ‚wissen‘ wollen als Tagtraeumerei aufzufassen und sich mit leichtem Herzen, dem Reichtum der Skepsis hinzugeben, fuer den sie schon von Augustin Thagaste (354-430) gewuerdigt worden war?

Ich fuerchte, es koennte eine (Ver)Teufelei von Seiten kirchlicher Autoritaeten dahinter stecken, die den Philosophen als ‚heiliger Schrecken‘ trotz Aufklaerung immer noch in den Knochen steckt.

Batailles heterogenes ‚philosophieren‘

Im Laufe der Jahrhunderte hat sich die Philosophie zu einer ganz bestimmten Philosophie verfestigt. Ihre Vertreter sehen sich als Hueter eines Denkens, das sie als abendlaendisch charakterisieren. In der Gegenwart kann man lesen, dass es in der Philosophie vor allem um Begriffe (Wolfgang  Roed) geht oder um den Geist (Ansgar Beckermann) oder um die Sprache (Analytische Philosophie) geht. Alle diese Philosophen philosophieren rueckwaertsgewandt: Sie gehen davon aus, in einer Tradition zu stehen, die ihnen die Mittel fuer ein ‚richtiges‘ Philosophieren zur Verfuegung stellt und die es ihnen ermoeglicht, philosophische Texte angemessen zu interpretieren. Bei meinen philosophischen Forschungen vor allem ueber Hume, Berkeley und Bacon, aber auch Mach, Wahle und Mautner ist mir immer wieder aufgefallen, dass Philosophen so etwas wie eine im Studium erworbene Lesebrille aufhaben und nur noch das in Texten finden, was diese Brille ihnen sichtbar macht. So z. B. bei Hume, dem eine neue Kausalitaetstheorie zugeschrieben wird, waehrend er davon ausgeht, dass die angeblich beobachtbare Kausalitaet eine Folge menschlichen Verhaltens ist, die er als Gewohnheit bezeichnet. Es freut mich, wenn z. B. Poststrukturalisten mit Neuem experimentieren.

„Wie kann sich einer ausdruecken, der die Philosophen zum Schweigen bringt, wenn nicht auf eine Art, die sie nicht begreifen?“ (Bataille: Anmerkungen zum Vorwort zu Madame Edwarda (1941). In: Das obszoene Werk. Hamburg 1972. S. 62.) Dies ist das Dilemma eines Philosophen, der auszerhalb der universitaeren Philosophie philosophiert. Hume’s Rezeption hat sein praktizierter konformer Sprachgebrauch nichts genuetzt. Haeufig wurde und wird sogar beklagt, dass er viele Worte um ’nichts‘ mache, waehrend er erlaeuterte, was er sich bei seinen Worten dachte. Die Frage, ob viele Philosophen ueberhaupt begriffen haben, was Hume thematisiert, wird nicht gestellt. Dies frage ich mich bei Batailles Rezeption auch des öfteren.

Bataille stellte aehnliches fest und „… wirft der traditionellen Philosophie vor, dass sie … Grenzerfahrungen, wie sie etwa in der Erotik oder in Rausch- und Traumzustaenden gemacht werden, ausschlieszt. Er bezweifelt die Berechtigung solch eines Philosophierens, ‚das den intensivsten Gemuetsbewegungen fremd gegenuebersteht‘. Bataille sieht im herkoemmlichen philosophischen Diskurs den Ausdruck der ‚profanen, homogenen Welt‘, … .“  Nikolaus Halmer

Die homogene Philosophie, wie die homogene Kultur überhaupt, weigert sich, das mit einzubeziehen, was ihr fremd, d.h. heteronom zu sein scheint. Bataille entwarf eine Allgemeine Theorie der Oekonomie, das Zusammenspiel von Homogenem und Heteronomem wirksam im Interesse aller Menschen, die Gegenstand des philosophischen Gedankenaustausches sein könnte .  Die gegenseitige “ … Befriedigung von Beduerfnissen … spielt eine bedeutende Rolle im Leben. … [es] liegt etwas Unheimliches in der Verachtung, die die deutsche Ethik zugunsten eines ‚unbefleckten Idealismus‘ ueber dieses pragmatische Denken ausschuettet. Der kategorische Imperativ Kants rufe bei ihm – so Dewey bereits 1914 – das Bild eines Kasernenhof-Korporals wach. (Dewey: Deutsche Philosophie und deutsche Politik. Wien/Berlin 2000, S.112f.)

Bataille machte sich zum Fuersprecher menschlicher Beduerfnisse, ungeachtet der Tatsache, ob sie akzeptiert oder verfemt wurden. Er war in einer Welt aufgewachsen, in der das Verfemte und seine Folgen wie die Syphilis seines Vaters, sowie der Tod, sein Erschrecken und Gewalt zum Alltag gehoerten. Dies schloss die Batailles von der homogenen Kultur aus. Es nuetzte ihnen nichts, sich um Akzeptanz zu bemuehen. Erst die surrealistische Bewegung hat es dem juengsten Bataille ermoeglicht, mit Einschraenkungen „dazu zu gehoeren“.

Wer sich im Besitz der Wahrheit glaubt, …

moechte ‚recht haben‘, moechte ‚beweisen‘, dass nur seine Sichtweise die ‚richtige‘ ist. Gegen andere Sichtweisen muss er sich verwahren. Skeptische Philosophen koennen Irrtuemer einraeumen. Sie gingen und gehen davon aus, dass ‚richtig‘ und ‚wahr‘ Kriterien sind, ueber die niemand verfuegt – auch sie nicht. Fuer Skeptiker ist ‚recht haben wollen‘ und ‚beweisen wollen‘ eine Art Sackgasse. Fuer sie folgt aus ihrer skeptischen Praxis des Hinsehens, ’sich eines abschlieszenden Urteils zu enthalten‘. Jedes Hinsehen ergibt in aller Regel immer wieder einen neuen, bzw. etwas anderen Aspekt, auch wenn der neue sich nur minimal von dem Vorhergehenden unterscheidet. Diese durch Hinsehen entstehende Vermehrung von Unterschieden macht die Differenziertheit und die Qualitaet von Sichtweisen aus, die jeder autonom erheben kann. Dies zeigen z. B. Aeuszerungen von Menschen ueber die unterschiedlichsten Lebensbereiche, in denen sie professionell taetig sind bzw. waren.

Der Rat ‚immer wieder hinzusehen‘ fuehrte bereits in der Antike zu Missverstaendnissen. Viele Zeitgenossen des Pyrrhon – allen voran die Stoiker – stieszen sich an der Idee der Enthaltung und unterstellten dem, der dieser Idee folgte, dass er lebensuntuechtig sein muesse. Sie gingen zurecht davon aus, dass jeder Mensch handeln muss. Sich eines Urteils zu enthalten, schien ihnen unmoeglich. Dies entspricht durchaus dem, was skeptische Philosophen sowie Neurowissenschaftler inzwischen annehmen: „Unsere physiologische Natur bestimmt nach Gesetzmaeszigkeiten, die wir nicht kontrollieren koennen, dass wir gar nicht anders koennen, als Urteile zu faellen, so wie wir automatisch atmen und wahrnehmen“ (Hume Treat. I,4,1,7.) Daraus zu folgern, dass die Notwendigkeit des momentanen ‚handeln‘ und ‚urteilen‘ dauerhafte Urteile notwendig mache, ist das seit Jahrhunderten gebraeuchliche explizite und implizite Missverstaendnis, das Skepsis abwehrte, sie ungeeignet fuers Philosophieren hielt und Skeptiker der Laecherlichkeit preisgab. Ueber den in vielen Feldzuegen erprobten Pyrrhon wurde u. a. die Laecherlichkeit erzaehlt, dass er nur in Begleitung einer Magd sein Haus verliesz, um wieder nach Hause zu finden. Menschenwissenschaftler unter den Philosophen – wie Hume – bemuehten sich ohne groszen Widerhall darum, dieses Missverstaendnis auszuraeumen: „Niemand duerfte je einen so laecherlichen Menschen getroffen oder mit einem verkehrt haben, der handelnd oder forschend keiner Vorstellung bzw. keiner Annahme ueber das gefolgt waere, was er zu erreichen hoffte.“ (Hume, Enquiry, XII, 2.)

Handlungsbeduerfnisse, die aus menschlichen Grundbeduerfnissen entstehen, sind in der metaphysisch orientierten Philosophie nicht gruendlich mitbedacht worden. Kant z. B. hat Kritik anderer an der praktischen Mangelhaftigkeit seiner Ethik stets abgewehrt und darin keinen Anlass gesehen, sein apriorisches Konzept zu ueberpruefen, bzw. es zu revidieren. (Vgl. die Meinungsverschiedenheiten zwischen Kant und Ulrich. Kant: Metaphysische Anfangsgruende der Naturwissenschaften. In: Akademieausgabe von Kants gesammelten Werken, Bd. IV, S. 474/6. Christian Jakob Kraus: Rezension zu Ulrichs ‚Eleutheriologie‘, In: Akademieausgabe von Kants gesammelten Werken, Bd. VIII, S. 451ff.) Diese strukturell vorhandene Abwehr in der Philosophie gegen die Beschaeftigung mit Konkretem hat ‚philosophieren‘ in Verruf gebracht. Die Philosophie, so wie sie sich noch heute mehrheitlich als ‚Analytische‘ praesentiert, stoeszt einen eigenstaendig philosophierenden Jedermannphilosophen vor den Kopf. Ich frage mich dabei nach dem Interesse dieser Philosophen und dem Nutzen dieses Philosophierens.

Jahrhundertlange Uebungen in Wahrheitsdiskussionen, die man um der Wahrheit willen fuehrte, haben ferner dazu gefuehrt, dass skeptisches Philosophieren in Skeptizismus umgemuenzt wurde. Die Bedeutung „zweifeln“ beherrscht bis heute die entstellende neuzeitliche Auffassung der Skepsis. ‚Zweifeln‘ war keine Mitbedeutung antiker Skepsis gewesen. Zweifel an Dogmen sind und waren stets Merkmale religiöser Auffassungen. Sie ergaben sich ausgepraegt als Folge von ‚forschen‘ im Mittelalter und in der Neuzeit. Die Art von Enthaltung wie sie antiken Menschen nahe war, kann sich heute noch in der Redewendung „Da bin ich skeptisch!“ aeuszern. Menschen – so Hume’s Sicht – brauchen nicht zu fuerchten, aus ihrer Skepsis Nachteile zu ziehen. Sie haben physiologisch wirksame Hemmungen gegen den Skeptizismus, denn sie orientieren sich an ihren Lebensbeduerfnissen. „Wir sollten in allen Wechselfaellen des Lebens stets skeptisch bleiben. Glauben wir z. B. dass Feuer waermt und Wasser kuehlt, so liegt das lediglich daran, dass jede andere Sichtweise viel zu schmerzhafte Nachteile hat.“ (Hume, Treatise, 1,4,7,11)

Hinsehen ist nicht gleich ‚hinsehen‘



Wenn physistisch gepraegte Philosophen darauf hinweisen, dass ‚hinsehen‘ das A und O ihres ‚philosophieren‘ sei, dann wird ihnen von Metaphysikern (= Philosophen, die Bewusstsein fuer eine Wirklichkeit halten) entgegengehalten: „Das ist nichts Neues, das tun wir alle!“

Mir faellt dazu der blinde Fleck im Auge jedes Menschen ein, den meines Wissens bisher noch nie jemand gesehen hat, auszer er sieht so hin, wie Fachleute dies tun. Mir faellt weiter die altbekannte Frage ein: Wie kommt es, dass Du das Staubkorn im Auge eines anderen siehst, nicht aber den Splitter in Deinem eigenen?
Oder auch die volkstuemliche Feststellung, dass jemand ein Brett vor dem Kopf habe, weil er etwas nicht begreift. Aus physistisch gepraegter Sicht duerfte ’sensorieren‘ – das neurobiologische Funktionsprinzip fuer ‚hinsehen‘ – mit all diesen Phaenomenen zu tun haben.

Welche Rolle spielt ’sensorieren‘?

Ihre Auspraegung duerfte vermutlich von der genetischen Ausstattung und von der Funktionalitaet der Sensoren abhaengen. Ueber die genetische Ausstattung moechte ich mich an dieser Stelle nicht weiter auslassen, weil Menschen darauf zur Zeit noch keinen Einfluss haben. Doch Einfluss haben Menschen auf die Funktionalitaet der Sensoren. Diese scheint von ‚entscheiden‘ abhaengig zu sein. ‚entscheiden‘ haengt aus physistisch gepraegter Sicht mit dem zusammen, was Benjamin Libet und nach ihm Gerhard Roth und andere als „Bereitschaftspotential“ (vgl. Benjamin Libet: Mind Time. Frankfurt am Main (Suhrkamp) 2007, S. 160. Zusammenfassung) gemessen haben, kurz bevor der bewusste Impuls fuer eine bestimmte Handlung erfolgte. Der Auffassung Gerhard Roths, dies sei das Ende der menschlichen Freiheit, moechte ich mich nicht anschlieszen (vgl. Koerpervernunft)

Ich schlussfolgere aus den Libet-Experimenten und anderen Forschungsergebnissen zur Funktionsweise von Sensoren (Neuronen einschlieszlich) – wie sie u.a. das Frankfurter Max-Planck-Institut und das Ulmer Transferzentrum fuer Neurowissenschaften und Lernen  (ZNL) veroeffentlichen -, dass  „Bereitschaftspotential“ etwas sein duerfte, was ein Sensor bzw. ein Netzwerk von Sensoren erzeugt, nachdem etwas sensoriert wurde. Ohne dieses „Bereitschaftspotential“ scheint keine Wirkung feststellbar. Es gibt das Phaenomen ‚eingeschlafener Gliedmaszen‘, mit dem ein bestimmtes, unangenehmes Empfinden beschrieben wird und Sensorierbares nur sehr diffus bemerkt wird. Auch lokale Betaeubungen koennen Vergleichbares erleben lassen. Gelaehmte Koerperteile koennen nicht bewegt werden. Wachkomapatienten sind fast vollstaendig bewegungsunfaehig. Diese Phaenomene haben u.a. mit dem Verlust der Sensitivitaet von Sensoren zu tun, die eine Voraussetzung fuer die Moeglichkeit sein duerfte, „Bereitschaftspotential“ aufzubauen und periphere bzw. vegetative Wirkungen zu produzieren.

Ich denke, man kann verallgemeinernd sagen, dass Menschen ’sensorieren‘ fuer ihre koerperliche Gesundheit und ‚handeln‘ brauchen.

Derartige humanbiologische Bezuege werden vom Mainstream der Philosophie weder hergestellt noch im Hinblick auf ‚handeln‘ diskutiert. Mir kommt es oft so vor, als glaubte man, mit der Philosophie des Geistes (eine andere Bezeichnung fuer Metaphysik), bzw. der Theoretischen Philosophie autark zu sein und sich unbekuemmert auf traditionellen Schauplaetzen tummeln zu koennen. Behauptungen wie die Humanbiologie und die Metaphysik seien auf ganz unterschiedlichen Ebenen taetig, bzw. die Metaphysik befasse sich mit Gegenstaenden, die der Humanbiologie eben nicht zugaenglich seien, duerften vor allem dem Selbsterhalt dienen. Dabei wird m.E. ausgeklammert, dass seit Jahrhunderten eine einvernehmliche und nachvollziehbare Antwort auf Fragen nach den metaphysischen Gegenstaenden aussteht.

Wie kommt es, dass Metaphysiker an ihren Sichtweisen festhalten?

Metaphysik, bzw. deren Wissen, auch Erkenntnis genannt wird, bezeichnet eine traditionelle philosophische Weltsicht, die durch das begruendet wird, was wiederum andere rueckwaerts gerichtete Philosophen andachten und umdachten. Dies duerfte – weil Universitaeten in der Regel Philosophie im Kontext der Rueckwaertsgewandtheit lehren, anstatt Studenten zum ‚philosophieren‘ lernen anzuregen – zu einem beruflichen Profil und Blick fuehren, das ‚hinsehen‘ auf Gegenwaertiges zumindest beeintraechtigen duerfte. Rorty’s Ruf, Implikationen philosophischer Probleme zu erforschen, scheint ungehoert geblieben zu sein. Selbst wenn andere Woerter verwendet und der natuerliche Kosmos durch die Welt der Sprache ersetzt werden, bleibt der Anspruch bestehen, mit Abstraktionen erhellende Beitraege zu einem Diskurs der Wissenschaften und Menschen liefern zu koennen. Das Prinzip, nicht zu sehen, was fuer viele andere offensichtbar ist, scheint die Metaphysik zu regieren. David Hume hat ein anderes wichtiges Prinzip menschlicher Natur entdeckt, dass sich mir an dieser Stelle nahe legt: Die Gewohnheit fuehrt Menschen durch ihr Leben. Die jahrhundertealte Gewohnheit Philosophie als Metaphysik aufzufassen, duerfte den Mainstream der Philosophie mehr beeinflussen, als ihren Vertretern lieb und vor allem bekannt sein duerfte. Möglicherweise könnte sie diese Gewohnheit veranlasst haben,  zum Philosophen der „Gewohnheit“ auf Distanz zu gehen.

Selbst im Rahmen der Neurophilosophie – wie Thomas Metzinger und andere sie auffassen – wird ganz selbstverstaendlich davon ausgegangen, dass hinter bestimmten Phaenomenen Geist stehe. Das Phaenomen „Bewusstsein“ ist ’nicht biologisch evolviert‘ und wird daher metaphyischen Denkgewohnheiten folgend mit Substanz belegt, die mit „Wirklichkeit und Innerlichkeit“ charakterisiert wird. In ’nachgehegelter‘ Weise wird ueber die „Wirklichkeit Bewusstsein“ folgendes metaphysiziert, bzw. mythologisiert: „Der Vorgang des Lebens ist sich seiner selbst bewusst geworden.“ Thomas Metzinger &Thorsten Schmidt: Der Ego-Tunnel. Berliner Taschenbuchverlag 2010, S.31.

Diese implizite Voraussetzung muendet dann im Anschluss an Diskussionen humanbiologischer Experimente in die Feststellung, dass es „verblueffend“ sei zu sehen, „… wie klassische philosophische Gedanken einen Beitrag zu einem tieferen Verstaendnis dessen leisten, … wie man sich die Beziehung zwischen Geist und Gehirn denken kann.“ (ebd. S. 168)

physistisch gepraegtes ‚hinsehen‘ verzichtet auf traditionelle philosophische Sichten

Im Unterschied zu diesem Bemaechtigen des Koerperlichen durch das als ‚geistig‘ markierte Phaenomen „Bewusstsein“ – was m.E. der seit Descartes praktizierten UEberlegenheit der res cogitans (Denken) ueber die res extensa (Koerper), d.h. einer die ganze neuzeitliche Philosophie durchziehende dichotomischen Sichtweise entspricht, beschraenke ich mich auf Sensorierbares. Bezueglich der Phaenomene, die Metzinger erwaehnt, nehme ich keine „Wirklichkeit“ an, weil ich sie nicht beschreiben kann. Beschreibbar ist lediglich Konkretes. Dieser agnostische Aspekt von physistisch-philosophieren scheint mir den Reichtum von ‚hinsehen‘ erst zu ermoeglichen, waehrend die Behauptung einer dahinter liegenden Wirklichkeit zur alt bekannten philosphischen Besserwisserei fuehrt, die wie Kant und seine Nachfolger verdeutlichen koennen, dazu die passenden Systeme liefert.

Konkretes ‚handeln‘ duerfte seine Impulse aus der menschlichen Natur erfahren. Diese koennte gemeinsam auf Offensichtbares hin erforscht werden, wenn Philosophen sich von den Produkten der Altvorderen verabschiedeten und so die rosarote Brille abnaehmen, die ‚hinsehen‘ in den Fokus einer „geistigen Innerlichkeit“ ruecken, die die abendlaendische Philosophie sei Augustin Thagaste praegt.

‚philosophieren‘ heiszt, eigene Schlussfolgerungen aus ‚hinsehen‘ mit denen anderer allgemein nutzbar zu machen

Ein Philosoph, der ‚hinsehen‘ praktiziert haben duerfte und dafuer aus dem philosophischen Mainstream ausgeschlossen wurde, schrieb mit 23 Jahren: „Ich habe herausgefunden, dass die Philosophie ueber menschliches Handeln seit der Antike mit derselben Unzulaenglichkeit arbeitet wie die Naturwissenschaft. Beide gehen m.E. ausschlieszlich von Hypothesen, d.h. ueberwiegend von Erfindungen aus, anstatt sich auf Sensorierbares und Erforschbares zu beziehen. Jeder Philosoph bemuehte seine Fantasie und errichtet Chimaeren inner- und zwischenmenschlicher Idealitaeten und beglueckender Lebenskonzepte, ohne die menschliche Natur mit einzubeziehen, von der – aus meiner Sicht – jede philosophische Schlussfolgerung ueber gesellschaftsweit praktizierte Mitmenschlichkeit ausgehen muesste. Deshalb moechte ich vor allem Sensorierbares und Erforschbares studieren und dieses als Quelle von Kenntnissen fuer humane Wissenschaften verwenden. Ich halte es inzwischen fuer eine Tatsache, dass die meisten verstorbenen Philosophen Opfer ihrer eigenen spekulativen Faehigkeiten geworden sind. Auszerdem bin ich sicher, dass man nicht viel mehr tun muss, um zu verwertbaren Ergebnissen zu kommen, als alle die alten Spekulationen zugunsten der eigenen Schlussfolgerungen oder der anderer wegzuwerfen. Davon duerfte es letztlich abhaengen, ob meine Ueberlegungen fuer zutreffend gehalten werden oder nicht.“ David Humes Brief an einen Arzt. Verfasst 1734, veroeffentlicht von John Hill Burton: Life and Correspondance of David Hume. Edinburgh 1846. Band I. S. 30 – 39.