Bataille schrieb mitten aus seinem Erleben.

In Peter Wiechens Buch über Bataille las ich, dass Sartre im Hinblick auf Bataille u. a. kritisierte, dass er Theorien mit seinen privaten Erfahrungen verknüpfe. Ich habe das noch nicht nachgeprüft. Doch soweit ich mich an Sartres Texte noch aus meiner Jahrzehnte zurückliegenden existentialistischen Zeit erinnere – damals mit schwarzem Rollkragenpullover, Kaffee und Zigaretten und langen Gespraechen in einem Stuttgarter Café –, koennte dies zu seinem Denken passen. Es scheint da ueberhaupt einen traditionellen Irrtum unter universitaer ausgebildeten Philosophen zu geben, dass das, was ein Philosoph an Erfahrungen in seinem Leben gesammelt hat, nichts mit seiner Art und Weise zu philosophieren zu tun habe. Kleine Reminiszenz am Rande: Ulrich – ein in Halle lehrender Philosophieprofessor und Zeitgenosse Kants – hat Kant wegen dessen apriorischer, vernunftgeleiteter Handlungstheorie – als eine Art ‚Neutrum‘ bezeichnet.

Bataille hat sich nach meiner bisherigen Lektuere sehr gruendlich Rechenschaft ueber die ganz und gar menschlichen Anfaenge seines ‚philosophieren‘ abgelegt. Es wird beklagt, dass er sich nie deutlich ueber seine Erfahrungen geaeuszert hat. Mir fehlt da nichts. In den schriftstellerischen und philosophierenden Verarbeitungen seines Erlebens – die er auch als Entstellungen charakterisiert – wird fuer mich die Heterogenitaet seiner Erfahrungen beim Lesen nachvollziehbar. Waere er noch konkreter geworden, haette man ihn … (Unvollendete Saetze gibt es bei Bataille immer wieder. Inzwischen gefaellt mir das. Frei nach Goethe: Wer immer sagt, was er denkt, ist ein Grobian.) Noch eine Reminiszenz: Der Psychiater Bruno Bettelheim wurde in den Vereinigten Staaten als Luegner bezeichnet und ihm wurden Rachegedanken gegen die Nazis unterstellt, als er seine einjaehrigen KZ-Erlebnisse veroeffentlichte (Verarbeitet hat er seine KZ-Erfahrungen in Erziehung zum Ueberleben. Zur Psychologie der Extremsituation.). Die Erzaehlungen Batailles ueber das, was er erlebt und beschrieben hatte, wurden immer wieder in Zweifel gezogen. Bataille hat sich nie darum bemueht, sie auszuraeumen. In einer Erzaehlung – W.C. – stellte er dar, wie einer erwachsenen Frau – anstelle des von ihr erhofften Mitgefuehls – Ablehnung und Verachtung der Menschen zu teil wurde, denen sie ihr Kindheitsschicksal anvertraut hatte, das sie selber ueber Jahre traumatisiert hatte. Es gibt Kindheitsschicksale, die in einem Masze als verfemt gelten, sodass den Betroffenen sogar ein spaeteres Mitgefuehl nicht nur versagt bleibt, sondern die Betroffenen selber als Verfemte angesehen werden. Diese Verurteilung hat auch Bataille erlebt.

Das Schreiben duerfte fuer ihn eine Art Gratwanderung gewesen sein, zwischen dem Beduerfnis das mitzuteilen, was er zu bedenken geben konnte und der Angst vor verfemenden Antworten, mit denen er zu rechnen hatte. André Breton hat Batailles ‚philosophieren‘ schon zu dessen Lebzeiten oeffentlich deutlich herabgesetzt. Der wissenschaftliche Charakter vieler Schriften und Studien war – neben den Entstellungen und Anonymisierungen seiner „ernsten, erotisch-tragischen“ Prosa – eine geeignete Moeglichkeit für Bataille diese Gratwanderung zu bestehen. Das Schreiben von Buechern – davon gehe ich aus – zu theoretischen Projekten fiel ihm schwer. An einem seiner Hauptwerke Der verfemte Teil hat er siebzehn Jahre gearbeitet. Es scheint im leichter vor der Hand gegangen zu sein, sich in Beitraegen von Zeitschriften zu aeuszern. Sein Projekt, die ‚Totalitaet alles Seins‘ vollstaendig darzustellen, blieb unvollstaendig. Er war damit nicht zufrieden: „Was dem Leser angeboten wird, darf kein isoliertes Einzelstueck sein, sondern es muss Zusammenhaenge zeigen, in die es eingebettet ist. Eigentlich muesste dies die umfassende Zusammenstellung des Menschlichen bzw. ein umfassendes Denkgebaeude sein. … „ (Kendall: Georges Bataille. London 2007, S. 95)

Bataille hatte Glueck, einen Psychiater (Adrien Borel, Gruendungsmitglied der Psychoanalytischen Gesellschaft Paris) zu finden, der offensichtlich ‚kompetent‘ und auch ‚unorthodox‘ genug war, um sich von den Folgen seines Kindheitsschicksals zu entlasten – Bataille beschrieb das Ergebnis der Analyse als Befreiung. Nun fühlte er sich belastbar genug, seine intellektuellen Faehigkeiten schriftstellerisch nutzen. Borel hatte die Entstehung von Die Geschichte des Auges in Gespraechen mit Bataille freundlich und unterstützend begleitet. Bataille veroeffentlichte sie unter einem Pseudonym – wohl vorausahnend, dass der Inhalt der Geschichte zu weiteren diesmal in der breiten Oeffentlichkeit zugefuegten Stigmata fuehren wuerde. Wenige Jahre vor seinem Tod schrieb er an seinen Bruder: „… bei mir sorgte das, was ich erlebt hatte, lebenslang fuer verwirrende Unruhe. Was vor 50 Jahren geschah, laesst mich noch heute zittern.“ (Michel Surya: Georges Bataille: An Intellectual Biography. London/New York 1992, S. 5.)

Bataille verwirbelt die Namen

Der Surrealismus ist eine „universelle Revolte … in der sich, George Bataille zufolge, zugleich der tumultuarische Geist einer ganzen Generation reflektiert. … diese hat auch die Themen und Formen vorgegeben, die selbst unseren Protest heute noch determinieren, bis hin zur Studentenrevolte, ja, sogar noch darueber hinaus. Am Ende des 20. Jahrhunderts scheinen wir immer noch an jenem Punkt zu stehen, der durch den Surrealismus an seinem Beginn bezeichnet wurde. Und darin liegt zugleich seine unverminderte Aktualitaet. Darin manifestiert sich … auch seine geschichtsphilosophische Besonderheit …“*

Derart ausgedehnte Charakterisierungen der surrealistischen Bewegung sind in der juengeren Literatur anzutreffen. Weltweit werden surrealistische Ideen in Literatur, Philosophie, Theater, Film. Poesie und bildnerischer Kunst diskutiert und dargestellt. Nach meinem bisherigen Eindruck war Bataille auf eine Weise surrealistisch, die etwas neben der Idee ueblicher surrealistischer Erfindungen lag. Er erfand surrealistische Vorstellungen, die nur aus seiner Lebenserfahrung hervorkamen und die neue Sichten auf einen unbekannten Bios bzw. „heteronome“ Lebenswerte in Aussicht stellten.

Folgt man Bezeichnungen wie ‚Revolte‘, ‚tumultuarischer Geist‘, dann koennte man schlussfolgern, George Bataille sei ‚ein Rebell‘ gewesen. Aber auch ‚Exkrementenphilosoph‘, ‚paradoxe Philosophie‘, ‚obszoene Texte‘, … etc. werden ueber ihn und sein philosophierendes Schriftstellern gesagt. Klassifizierende Interpretationen geben einen engen, ‚homogenen‘ Raum fuer Interpretationen vor, die Batailles offenem, ‚heterogenem‘ Schreiben Grenzen setzen. Zusaetzlich sind seine eigenen Namensgebungen fuer Zusammenhaenge und Sachverhalte fuer jeden Leser interpretationsbeduerftig. Das gilt zwar fuer jedes Lesen von Texten anderer, aber Bataille’s Texte signalisieren das mit anstoeszigen Merkmalen. Im Erfinden von Interpretationen schlussfolgern alle Interpretatoren immer wieder begrenzt zu sein. Eigene Aeuszerungen werden auszerdem als viel zu enges Haus empfunden. Mir geht es nicht anders. Dabei entsteht Lachen ueber eigene Reflexionen und über das, was durch Fremdes angeregt wird. Auf diese Weise bekomme ich eine vage Vorstellung von dem, was mich an Bataille fasziniert. Sie umfasst Spielerisches, moegliche Unmoeglichkeiten und Naives. Philosophische Probleme sind blosz laecherlich, meinte der skeptische Hume. Das stimmt!

Vertreter der surrealistischen Bewegung hatten und haben den Wunsch, neue Ausdrucksmittel zu erfinden. Neue Woerter und Metaphern gehoerten zu ihren Arbeitsgebieten, genauso wie neue bildnerische und musikalische Ausdrucksmittel. Bataille hat sich damit hervorgetan, neue Bedeutungen zu erfinden, indem er bekannte Termini in einen neuen Kontext rueckte. Das tut eigentlich jeder irgendwie, aber es werden – vor allem unter Philosophen – selten Konsequenzen daraus gezogen. Batailles Bedeutungsvarianten sind durch seine Reflexion innerviert, i. S. v. mit sensorischen Reizen versorgt und haben ihn zu weiteren Aeuszerungen angeregt. Sie wirkten und wirken auf den Leser in aehnlicher Weise. So verändern sie.

Im Folgenden erlaeutere ich an dem Wort EXZESS, das was ich gerade behauptet habe.
Mit Exzess wird ueblicherweise Maszlosigkeit und Ausschweifung bezeichnet. Beide Bedeutungsvarianten sind negativ besetzt. Menschen, die maszlos und ausschweifend leben, werden moralisch abgewertet. Es sind Menschen, vor denen Eltern ihre Kinder warnen, weil man ihnen alles zutraut, blosz nichts Gutes. Doch  „Das Gute ist die Heuchelei.“**, meinte Bataille, weil niemand sagen kann, was ‚das Gute‘ ist. Menschen tun so, als ob sie ‚wissen‘, was gut ist. Menschen leben aber tatsaechlich ihren Beduerfnissen gemaesz. Theorien fungieren als Schutzschilde. Menschen finden es erfuellend, sich in der Erotik einem anderen auszuliefern, sich ihm hinzugeben, sich an ihn zu verschwenden: Das nennt Bataille Exzess bzw. exzessiv. Exzessiv laesst sich ferner so denken, wie Bataille denkt: „Ich denke wie ein Maedchen, das sein Kleid hochhebt.“ *** Excessiv bezeichnet auszerdem ein biologisches Prinzip. Der Mensch verausgabt sich bis zum Tode. Lebensaeuszerungen ueberschwemmen den Menschen, z. B. in der Sexualitaet, im Lachen, in der Angst, im Schrecken, in der Freude … etc. Dies entspricht wiederum einem kosmischen Prinzip: Die Sonne verausgabt sich gegenueber der Erde, ohne etwas dafuer zu erwarten: „Das authentische Boese kennt keine Selbstsucht.“**

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 *Rita Bischof: Teleskopagen, wahlweise: der literarische Surrealismus und das Bild. Frankfurt/Main 2001, S. 52.
** Bataille alias Louis Trente: Der Kleine. (Le Petit) 1943, postum 1963 erschienen, In: Das obszoene Werk. Hamburg 1977, S. 173.
** *Ders., Méthode de méditation, S. 200, hier zit. nach Boelderl, S.4. Zu dem Behaupteten vgl. den ganzen Abschnitt ebd. S.3f.

Jeder Mensch braucht sich und seine Beduerfnisse

Dies ist ein erster Bericht ueber mein gegenwaertiges Projekt Georges Bataille (1897-1962). Ich beziehe mich dabei im Moment auf das, was andere ueber Bataille geschrieben haben und auf wenige kurze Orginaltexte aus diesen Lektueren.

André Breton hat ihn verspottend einen Exkrementenphilosophen genannt. Breton war in der ersten Haelfte des 20. Jahrhunderts Fuehrer der surrealistischen Bewegung. Bataille war und fuehlte sich in den zwanziger Jahren dieser Bewegung zugehoerig. Breton betrachtete Bataille spaeter als Gegner der surrealistischen Bewegung. Ihm schwebte eine Bewegung vor, deren Charakter sich einerseits durch die Vielfalt neuartiger, kuenstlerischer Ausdrucksmittel entwickeln sollte, sich aber andererseits in grundsätzlichen Bereichen festzulegen hatte. Letzteres vor allem gab immer wieder Anlaesse fuer folgenreiche Auseinandersetzungen unter den Mitgliedern der surrealistischen Bewegung. Diese Anlaesse forderten auch den Widerspruch Batailles heraus und er vertrat seine eigenen Vorstellungen.

Batailles Schriften als Exkrementenphilosophie zu bezeichnen halte ich erst einmal fuer zutreffend, auch wenn ich die den Autor verspottende Namensgebung irgendwie anders auffasse. Bataille thematisierte in seinen Schriften das, was in der christlich-buergerlichen Kultur seiner Zeit ausgeschieden wurde. Letzteres nennt er auch das Heteronome. Dies laesst sich sowohl in seinen obszoenen Schriften, als auch in seiner Oekonomie nachlesen. Ich denke, es gibt keine Schrift von ihm, in denen er dieses Anliegen verlassen hat. Irgendwann hatte er entschieden, dass mit Worten niemand und nichts kommuniziert und veraendert werden kann. Er lehnte es auch deshalb ab, sich revolutionaer zu betaetigen, wie Breton es wollte. Es ging ihm dann darum, davon zu erzaehlen, was verfemt wird, d.h. verschwiegen und abgewertet wurde. Diese Pertubationen sorgten und sorgen heute noch fuer internationale, wissenschaftliche Aufmerksamkeit. In seiner Oekonomie schrieb er ueber seine Sicht auf Zusammenhaenge, wie Menschen in einer Gesellschaft oekonomisch handeln koennten, die Verfemtes, bzw. das ihr bislang Fremde (heteros) mit einbezieht. Statt den Menschen der Sache Produktion zu unterwerfen – so die fuer mich zentrale These seiner Allgemeinen Oekologie -, solle der Mensch im Interesse aller seinen Beduerfnissen gemaesz handeln. Dieser Maszlosigkeit kann der menschliche Bios im gemeinschaftlichen Handeln Orientierung geben und einen entsprechenden Gebrauch der Ressourcen ermoeglichen.

B. dramatisierte dieses Thema in der Schrift Der Begriff der Verausgabung (1933) – ich uebersetze den Titel lieber mit Die Idee des Verbrauchens. Er erlaeuterte diese Idee an einem bekannten Generationenkonflikt. Der Sohn geht seinem Vergnuegen nach. Der Vater greift korrigierend ein, obwohl er sich selber aehnliches unkritisch zubilligt. Er moechte, dass der Sohn sich nuetzlichen Dingen widmet. Damit solle – so Bataille – erreicht werden, dass die nachfolgende Generation sich in der homogenen Welt der Verantwortung bewegen lernt und ihre Individuen respektable, bzw. respektierte Mitglieder der Gesellschaft werden. Dieser Konflikt beruhe auf dem Sachverhalt, dass ausgeschieden wird, was nicht in die Idealitaet der Theorie passt und deshalb auch in der Praxis als verfemt gilt. Verbrauchen erhaelt daher die Bedeutung von Verschwendung.

Bataille holte die Umsetzung von Theorien in die niedere Materie, die nach seiner Auffassung nicht von den ontologischen Maschinen (wie Wesen, Substanz, Wahrheit) erfasst werden kann. Letztere gehen von fertigen bzw. richtigen Antworten aus. Sie sind nicht in der Lage umfassende, handlungsrelevante Rahmen zu erzeugen, die Menschen helfen, neue philosophische Sichten zu erfinden. Wer kann denn schon sagen, was nuetzlich ist? Wer kann sagen, was moralisch ist? Wer kann sagen, was der Mensch ist? Die traditionellen, klassischen Antworten erzeugten geschlossene Systeme, deren Folgen – vor allem im Hinblick auf eigene Erfahrungen, aber auch auf die Natur, auf Ressourcen, und soziale Fragen – das in ihnen nicht Vorkommende hervorrufen, und so verstoerend und aufruehrerisch wirken. Homogenes ruehrt so Heterogenes auf, Gleichbleibendes ist mit Flieszendem verbunden, Ethisches bestimmt sich gegen das Boese, Moralisches grenzt an Obszoenes, Ordnung wird durch Aufruhr heimgesucht … etc.

Der von Bataille als sein philosophischer Lehrer geschaetzte Léon Chestov schrieb in Abgrenzung zum Idealismus: „Uns bleibt einzig noch die Willkuer. Es ist gut moeglich, dass dieses Wort in seiner Aufrichtigkeit die Gunst der anspruchsvollen Geister erlangt, die an den Rechten des kritischen Verstandes zweifeln …“*

*Leo Chestov: La Philosophie de la tragedie. Paris 1926, S. 5. Zit. B. Michel Surya: Die Willkuer, après tout. Von der ‚Philosophie‘ Leo Chestovs zur ‚Philosophie‘ Georges Batailles. In: Andreas Hetzel & Peter Wiechens (Hg): Georges Bataille: Vorreden zur Ueberschreitung. Wuerzburg 1999, S.15.

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Bei Hetzel und Wiechens habe ich Anregungen zu meinem Text gefunden. Aber auch bei:

Ueber den Mythos des Geistigen



Meine Ablehnung von Erkenntnistheorien bezieht sich u.a. auf deren Setzungen wie z.B. ‚Geist‘, ‚Vernunft‘, ‚Verstand‘, ‚wahr‘, ‚falsch‘, Wissen, … etc., die aber in erkenntnistheoretischen Loesungen nicht als Setzungen ausgewiesen wurden, sondern im Gebrauch der Worte den Charakter des Faktischen annahmen und so gewohnheitsmaeßig die Selbstverstaendlichkeit des Geistigen und aller damit verbundenen geistigen Faehigkeiten kreiert haben dürften. Jeder der diese Ueberlegung nicht teilt, wird sie argumentativ mehr oder weniger geschickt und eventuell mit dem Hinweis auf wissenschaftliche Autoritaeten verwerfen.

Ohne auf denkbare Argumente einzugehen, ist weiter von Bedeutung, dass die im Diskurs zwischen verschiedenen Erkenntnistheorien zum Faktum erhobene Behauptung ‚der Geist ist etwas‘ verbunden wurde mit der abendlaendischen Behauptung, der menschliche Geist sei besser als der menschliche Koerper. Eine Behauptung die u.a. bei Augustin Thagaste zu finden ist, der seinem „Prinzip der Innerlichkeit“ folgend meinte: „Melius quod interius.“ (Bekenntnisse 10.6.9 )
Diese Idee, dass ‚innere‘, ‚geistige‘ Erkenntnis hoeherwertiger sei als Schlussfolgerungen aus ’sensorieren‘, zieht sich als unbemerkte Behauptung selbstverstaendlich durch jede Erkenntnistheorie. Sie foerdert die Auffassung, dass grundsaetzlich jede Theorie der Praxis überlegen sei. Es koennte sein, dass neuzeitliche Erkenntnistheoriker als Soehne und Toechter der ihnen auferlegten metaphysischen Schulung im Sinne eines vorauseilenden Gehorsams und gegen die aufklaererische Forderung ’sapere aude‘ die Pflicht erfuellen, die von den Altvorderen aufgestellten Behauptungen nachzuweisen, um sie weiterhin zu benutzen und um darueber hinauszugehen: Erkenntnistheoretiker naemlich behaupten, dass geistige d.h. apriorische Erkenntnisse jeweils Grundlage unseres ‚handeln‘ seien. Eine Behauptung, die noch heute m. E. unnoetige Graeben zwischen naturwissenschaftlichen und geisteswissenschaftlichen Sichtweisen aufreißt. Die als Loesung angesehene Behauptung duerfte in Zeiten autoritaetsorientierten Philosophierens vermutlich als funktional betrachtet werden koennen, aber in Zeiten des Beduerfnisses nach zunehmender Eigenstaendigkeit und nach Authentizitaet als verzichtbare Beschraenkung erlebt werden.

Hume hatte dazu bemerkt, dass der Verzicht auf die unreflektierte Uebernahme von Behauptungen frueherer Autoritaeten, alle deren Behauptungen fragwuerdig, wenn nicht hinfaellig macht. Es bleibt ohne Autoritaet nur noch die jeweils eigene Sicht auf die Dinge. Statt von Behauptungen anderer auszugehen, kann ein Mensch sich dann bloß auf das beziehen, was ein Mensch jeweils kennen kann. Die Philosophiegeschichte dokumentiert, dass es in der Philosophie bisher selten vorgekommen ist, dass eigenstaendig philosophiert wurde, wie es die antiken Philosophen gefordert hatten. Im Gegenteil: Es hat sich im Bemuehen um Gewissheit im philosophischen Denken der westlichen Welt etwas verfestigt, das als Denkverbot funktioniert: „Du sollst den Geist, die Vernunft, … etc. nicht in Frage stellen!“ Macht jemand sich daran zu schaffen, steht er in Gefahr philosophisch ignoriert zu werden. Dekonstruktion ruft Empoerung hervor. Das duerfte sich nachteilig fuer eine philosophische Weiterentwicklung auswirken koennen.

Die hier skizzierten, vermuteten Zusammenhaenge verdienen aus meiner Sicht nicht den Namen ‚Dekonstruktion‘: dazu muessten sehr viel weiter fuehrende Ueberlegungen angestellt werden. Sie taugen m. E. aber dazu, um begruendete Fragen zu stellen und ein Gefuehl des Unbehagens hervorzurufen.

Gewissheiten und ‚letzte Gruende‘



Unter den ersten Huetten, die Menschen sich bauten, waren solche, die auf Pfaehlen standen. Diese Konstruktion diente vermutlich dem Schutz vor Gefahren. Solange die Pfaehle hielten, konnten sie mehr oder weniger lange Garanten dieses Schutzes sein.

Gewissheiten werden erworben

Aehnlich duerfte es sich mit Gewissheiten verhalten, die Menschen fuer sich erfinden. Ich denke, Menschen brauchen Gewissheiten, nur scheinen sich Menschen in der Regel nicht darueber im klaren zu sein, wie es sich mit Gewissheiten verhaelt, bzw. wie es um die jeweilig eigenen bestellt ist. Gewissheiten scheinen ‚mit der sich wiederholenden Abfolge aehnlicher Ereignisse‘ (David Hume) zu entstehen. Sie beruhen also auf Vergangenem, sind ‚Setzungen aus Erfahrung‘ (Rolf Reinhold) und koennen daher nur eine probabilistische Sicherheit bieten. Ein anderer Schutz als dieser scheint uns Menschen nicht zur Verfuegung zu stehen.

Inzwischen erlaeutern Neurowissenschaftler: Sich aehnlich wiederholende afferente Ereignisse und ihnen folgende efferente Ereignisse ergeben mit der Zeit bestimmte neuronale Aktivitaetsmuster. Durch diese quasi regelgeleitete Arbeitsweise wird unsere organische Effizienz optimiert. Dies laesst sich u.a. an allen unseren motorischen Faehigkeiten (Bewegungen einschließlich Sprache=’handeln‘) ablesen, die jeweils erworbene Aktivitaetsmuster voraussetzen. Der Erwerb solcher Aktivitaetsmuster ist u.a. an Zeit und Wiederholung gebunden. Feststellbar ist aber auch, dass neuronale Aktivitaetsmuster durch optimierte ersetzt werden koennen. Unter Leistungssportbedingungen genuegt es z.B. nicht, die ueblicherweise erworbenen Bewegungsablaeufe einzusetzen. Bewegungsablaeufe muessen veraendert werden, wenn jemand im Wettbewerb mit anderen mithalten moechte. Die Veraenderung erfolgt ueber Reflektion der eigenen Bewegungsablaeufe unter Einbeziehung sportwissenschaftlicher Forschungsergebnisse und dem Trainieren veraenderter Bewegungsablaeufe.

Gewissheiten aendern sich

Menschen leben mit vielen Gewissheiten, meistens ohne damit zu rechnen, dass Gewissheiten, wie alles im menschlichen Leben Veraenderungen unterworfen ist. Auch unsere pfahlhuettenbauenden Vorfahren duerften erlebt haben, dass Holz im Wasser stehend seine Stabilitaet verliert. Die Gewissheit, dass die Waende eines Hauses stabil seien, wird kontrastiert durch die Tatsache, dass fast unmerklich, aber dennoch kontinuierlich der Putz von den Waenden rieselt. Wollmaeuse weisen darauf hin, dass Stoffe und Tapeten Fasern, Gegenstaende aller Art kleinste Teilchen verlieren. Die Dinge nutzen sich ab. Reparaturen oder gar Neuanschaffungen werden noetig.

Unser Koerper ist vielfaeltigen Veraenderungen unterworfen. Belege dafuer koennen sein, Hautteile, Schuppen, die sich in Matrazen, im Badewasser und in Kleidungsstuecken wiederfinden. Wir altern. Hunger, Durst, Muedigkeit signalisieren Veraenderungen. Der Gewissheit: Ich bin jetzt satt, folgt die Gewissheit: Ich habe Hunger. Wir beschließen den Tag mit der Gewissheit fuer heute genug getan zu haben, um am naechsten Morgen mit der Gewissheit aufzustehen, dass es noch viel zu tun gibt. Die Gewissheit, dass eine bestimmte Dienstleistung von einem ganz bestimmten Betrieb angeboten wird, muessen wir aufgeben, wenn dieser Betrieb schließt.

Beton in den Städten, Tomaten auf den Augen und Bohnen in den Ohren?

Waehrend wir den Verlust alltaeglicher Gewissheiten in der Regel – gelegentlich unter Unmutsbezeugungen akzeptieren – gibt es eine Art von Gewissheiten, die wir nur schwer oder gar nicht aufgeben moechten oder koennen. M.E. handelt es sich dabei um die Gewissheiten, mit denen wir am laengsten vertraut sind. Menschen neigen dazu an lang vertrauten Gewissheiten auch gegen andersartige Ereignisse festzuhalten. Je geringer die Anzahl der Ereignisse ist, die einer bestimmten Gewissheit entgegenstehen, desto leichter scheint dies zu gelingen. Der bekannte Spruch: „Die Ausnahme bestaetigt die Regel!“ kann fuer derartige Konstruktionen stehen. Man bezeichnet dies als „Nicht-Wahrhaben-Wollen“. Max von der Gruen beschrieb in seinem Buch „Wie war das eigentlich?“ ueber seine Kindheit und Jugend im Dritten Reich das Phaenomen, dass die Menschen oft bemerkten, wenn sie von Graeueltaten hoerten: „Wenn das der Fuehrer wuesste!“ Er bewertete dies als Flucht aus der Verantwortung und Ergebnis einer geschickten Progaganda. Im augenblicklichen Zusammenhang dient mir dieses Phänomen außerdem zur Vervollstaendigung der Betrachtung menschlichen Verhaltens an teuren Gewissheiten festhalten zu wollen. Der Wert des einmal Gefassten wirkt kontraproduktiv auf unsere lebensnotwendige Faehigkeit adaequat zu denken und zu handeln. Der Asphalt unserer Staedte, der Beton unserer Gebaeude macht die zivilisierte Scheinwirklichkeit fundamental. Erst Naturkatastrophen – Verbrechen und Kriege in aehnlicher Weise – wecken das Grauen vor dem Verlust unserer Gewissheiten.

Verwandeln von Gewissheiten in Annahmen und Praesenz

Menschen duerften den Blick fuer die Realitaet verlieren, wenn sie an Gewissheiten unbeirrt festhalten moechten. Letzteres praegt aus meiner Sicht das Schicksal Einzelner und ganzer Kulturen genauso wie das Schicksal von Metaphysikern, die sich als Philosophen bezeichnen, aber laengst den menschlichen Boden unter ihren Fueßen verloren haben, waehrend sie aus alter Gewohnheit nach letzten Gruenden, also nach unwandelbaren Gewissheiten suchen. Dass wir ueber derartige Vorhaben nicht mehrheitlich in schallendes Gelaechter ausbrechen, duerfte ein Indiz dafuer sein, wie nah vielen von uns das Beduerfnis nach letzten Gewissheiten sein duerfte. Metaphysiker gehen beispielhaft voran: Sie stuerzen sich denkend in Abgruende, woraus sie sich in den quasi-religioesen Glauben ihrer Erkenntnisse retten. Menschliches Leben aber kann nicht mehr als voruebergehende Gewissheiten schaffen. Um unser ‚handeln‘ adaequat vollziehen zu koennen, scheinen mir kurzlebige Gewissheiten voellig ausreichend. „Jeder Schritt ist der erste!“ lautet ein Koan aus Rolf Reinholds Philosophie. Gewissheiten sind ihm unbekannt. Er geht konsequent von Annahmen aus. Mein lange verstorbener Metaphysiklehrer meinte: „Es kommt auf die Gegenwart an.“ Gegenwart war fuer ihn jeder einzelne, kleinste Jetztpunkt (Augenblick) einer langen Reihe von Jetztpunkten und einzig wirkliche Ort menschlichen Handelns und Nachdenkens, der sich beim Tun verfluechtigt.

Zur Erkenntnistheorie


Erkenntnistheorien sind geschlossen

Einer meiner Tuebinger Philosophieprofessoren fragte mich vor Jahrzehnten: „Muss man nicht neurotisch sein, um auf die Idee mit dem Ding an sich zu kommen?“ Damals irritierte mich die Frage und ich erinnere mich, dass ich sie mit Erkenntnistheorie beantwortete und damit auch abwehrte. Die Frage liess mich aber unterschwellig nicht mehr los. Immer oefter stiess ich mich daran, dass erkenntnistheoretische Aussagen auf sich selber verweisen, bzw. auf den logischen („richtigen“) Zusammenhang ihrer Erkenntnisse. Ein geuebter Erkenntnistheoretiker duerfte sich daran nicht stoeren, sondern er wird diesen Sachverhalt wahrscheinlich als selbstverstaendlich betrachten. Diese rueckbezuegliche Geschlossenheit von Theorien wird je nach dem auch in anderen Wissenschaften praktiziert. Doch keine andere verfolgt das Projekt Erkenntnistheorie so wie die Philosophie es tut. Philosophen gehen weiter „….als jede andere Wissenschaft, indem sie auch ihr eigenes Rechtfertigungsverfahren selbst rechtfertigen … , bis auf die ‚letzten Gruende‘ zurueckzugehen …“ Albert Keller: Allgemeine Erkenntnistheorie. Stuttgart (Kohlhammer) 2006, 3. Aufl., S.58.)
Das komplexe Gebilde ‚Erkenntnistheorie‘ eine Bezeichnung die erst nach Kant im 19. Jahrhundert gebraeuchlich wurde – wurde mir bereits im ersten Semester meines Studiums neben der Ontologie als eine Grundlagenwissenschaft der Philosophie vorgestellt. Es wurde behauptet, dass bereits die ersten griechischen Philosophen Erkenntnistheorie betrieben haetten. Philosophen, die sich von dieser Grundlagenwissenschaft verabschiedet hatten, schieden aus dem Club der ‚richtigen‘ Philosophen aus.
Will also ein Philosophiestudent ein (amtlich anerkannter) Philosoph werden, wird er um erkenntnistheoretische Fragestellungen nicht herumkommen. Die noch heute eher Metapyhsik als Philosophie lehrende universitaere Dissiplin fungiert als eine Art ‚Lordsiegelbewahrer‘.

Erkenntnistheorie ist überflüssig

Aus meiner heutigen Sicht ist Erkenntnistheorie ueberfluessig, weil sie ausser ‚preisend mit viel schoenen Reden‘ nichts zur Weiterentwicklung des ‚philosophieren‘ beitragen kann.
Aus meiner Sicht ergibt sich dieses Urteil vor allem daher, dass sie

  1. ‚erkennen‘ mit ‚wissen‘ gleichsetzt.
  2. stillschweigend davon ausgeht, dass Koerper und Geist(-Seele) substantiell unterscheidbar seien.
  3. außerdem ungeprüft davon ausgeht, dass ‚denken‘ unser ‚handeln‘ steuert.
  4. die eigenen Annahmen und Behauptungen fraglos als ERKENNTNISSE verwendet und auf diese Weise WISSEN sugeriert.

Erkenntnistheorie verhindert Weiterentwicklung der Philosophie

Erkenntnistheorie ist mir nicht gruendlich genug. Sie verlaesst und bezieht sich allzusehr auf die Autoritaet altvorderer Aussagen. Ihr eigener Anspruch, dass ‚denken‘ im Unterschied zum ‚tun‘ den Mehrwert der Theorien vor der Praxis ausmache, wird so weder eingeloest noch wirksam. Erkenntnistheoretiker denken im Rahmen der Tradition. Sie ueberschreiten und hinterfragen ihn nicht. Sie koennen ihn vermutlich weder ueberschreiten noch hinterfragen, weil ihre akademische Sozialisation die uebernahme traditioneller Denkwege verlangt. Es tut weh, Vertrautes und Gewohntes zu befragen oder es gar zu verlassen.

Fuer mich ist ‚erkennen‘ der gehorsame Vollzug von ‚urteilen‘ und ‚bewerten‘ im Kontext allgemeiner kultureller Sichten und Werte. Der bis heute selbstverstaendliche Gebrauch von Kants Transzendentalphilosophie und Vernunftauffassung duerfte meine Behautpung bestaetigen koennen. Dies hatte bisher zur Folge, dass Andersdenkende fuer weitere Generationen marginalisiert wurden.
Fuer mich ist ‚Geist‘ bzw. das ‚Denken‘ ein Buch mit sieben Siegeln, obwohl ich Jahrzehnte damit zubrachte ‚Geist‘ und reflexionsphaenomenologische Ueberlegungen zu erforschen. Ich meinte lange Zeit, ich wuesste, was Geist sei.
Folgendes kapiere ich nicht im Hinblick auf das Wissenschaftsverstaendnis der Philosophie: Im Hinblick auf tradtionelle theoretische Auffassungen (Erkenntnisse!) werden Aussagen und Forschungsergebnisse anderer Humanwissenschaftler abgewertet oder gar nicht zur Kenntnis genommen. Seit mehr als 50 Jahren darf es unter Humanwissenschaftlern als ziemlich gesichert gelten, dass unser ‚handeln‘ vor allem von unserer neurophysiologischen Natur gesteuert wird. Auch darueber gibt es innerhalb der Philosophie kaum Diskussionen und keine Konsequenzen fürs ‚philosophieren‘.
Möglich wäre darüber folgendes zu sagen: „Es gibt eine Erinnerungskultur der Bearbeitung von Erinnerungskultur, eine … verbreitete leise Begeisterung für die Konstrukteure von Bibliotheken, welche es uns heute ermöglichen, mit Neugier immer wieder anders durch die Regale zu jagen und aus den verstummten Stimmen der Frühzeit gedruckten Wissens unsere eigene intellektuelle Existenz lebendig zu erhalten.“ Ulrich Johannes Schneider: Anmerkungen zur Geschichte der Gelehrsamkeit. In: Friedrich Vollhardt: Historia literaria. Berlin (Akademie) 2007, S. 265ff.

Annahmen und ’nachdenken‘

Ich moechte philosophierend ’nachdenken‘ praktizieren, das sich auf ‚handeln‘ und dessen Erfordernisse bezieht. Erkenntnistheorie betrachte ich deshalb als eine von vielen Spekulationen, die erklaeren moechten, wie die ‚Welt uns bewusst‘ wird. Ich habe darauf verzichtet, darueber nachzudenken, weil ich dies fuer eine seit Jahrhunderten unbeantwortbare Frage halte. Zur Zeit sehe ich keinen Anlass davon auszugehen, dass es darauf jemals eine nachvollziehbare Antwort wird geben können. Hier folge ich gern meinem alten Lehrer Augustin Thagaste, der dies auch so sah. Ich stelle lediglich fest, dass ich sensoriere (empfinden), handle und nachdenke. Ich stelle fest, dass es nützlich ist, anstatt von Erkenntnissen von Annahmen auszugehen, um so in unterschiedlichen Situationen moeglichst optimal handeln zu koennen. Annahmen finde ich durch ’nachdenken‘.
Die Entscheidung gegen die Erkenntnistheorie fiel bei mir auch im Kontext der alltaeglichen Schulpraxis mit ungeeigneten schulischen Lerntheorien, die Lehrer in der Scheinsicherheit wiegen, dass sie wuessten, wie Schueler ‚richtig‘ lernen. Mein Resuemee: Schulische Lerntheorien entstanden in der Nachfolge erkenntistheoretischer Spekulationen. Ich halte sie für unbrauchbar.

sensorieren und sinnliche Wahrnehmungen



Sinnliche Wahrnehmungen hatte ich in meinen metaphysischen Zeiten: Sie waren das, dem ich wohl oder uebel nicht entkommen konnte. Sie stoerten aber mein zielstrebiges Tun und Denken. Sie zeigten sich widerspenstig und fuegten sich mit den Jahren immer seltener, in das, was ich dachte und erreichen wollte. Oft erschlugen sie mich einfach und ich wollte nur noch Ruhe vor ihnen haben.

Inzwischen habe ich festgestellt, dass es fuer mich einen Unterschied macht, ob ich von sinnlichen Wahrnehmungen spreche oder von ’sensorieren‘. Mit sinnlichen Wahrnehmungen verbinde ich ‚Erkenntnistheorie‘ – mit ’sensorieren‘ die Vorstellung von meiner ‚Einheit Koerper‘ . Erkenntnistheorie dient der Rechtfertigung von Wissen ueber Handeln – ’sensorieren‘ meinem ‚handeln‘. ‚physistisch philosophieren‘ dient so mir und meiner Autonomie , die mir – obwohl in Aussicht gestellt – Erkenntnistheoretie, bzw. Metaphysik nie ermoeglichten. Das duerfte daran liegen, dass der Metaphysik jede konkrete Soliditaet fehlt: sie metaphorisiert Konkretes ins scheinbar eigentliche „Sein“ des ‚Geistes‘, das seit Jahrhunderten hoehlenplatonisch als die eigentliche Wirklichkeit erreichbar in Aussicht gestellt wird. Im Moment bin ich versucht meinen Emotionen zu folgen. Ich war sehr lange damit beschaeftigt herauszufinden, was andere meinen, wenn sie die Metaphysik empfehlen. Doch ich lasse meine Emotionen lieber beiseite. Was ich hier schreibe, duerfte schon irritierend genug sein.

Von der Metaphysik bzw. der Erkenntnistheorie versprach ich mir Impulse fuer mein ‚handeln‘. Die Impulse blieben aus,  aber es stellten sich Impulse ein, die anderen Einsichten zu folgen schienen. Metaphysiker haben – um auch solche Phaenomene erklaeren zu koennen – vor zwei Jahrhunderten eine eigene Wissenschaft ins Leben gerufen, die sie Psychologie nannten. In schlimmsten Zeiten beschrieb ich mich als fremd gesteuert. Diese Redeweise war eine Folge entsprechender psychologischer Theorien. In meinen besten Zeiten hatte ich Hoffnung, dass ich effizient wuerde handeln koennen, wenn ich es nur richtig machte. Das ‚richtig-machen-muessen‘ passte zu meiner Berufstaetigkeit: Lehrerinnen sind qua Berufsrolle darauf verpflichtet, alles, aber auch wirklich alles richtig zu machen. Referendare duerften dies noch kennen. Spaeter verdraengt man das, sonst bringt es einen um. Aber es hinterlaesst an der Oberflaeche eine Empfindsamkeit, die von anderen als Kritikunfaehigkeit bezeichnet wird und sich durch Abwehr kundtut,  die ’sensorieren‘ veraendert und beeintraechtigt.

Tatsaechlich wirksam zeigte sich aber das Lucy-Syndrom: Eine Erfindung von Charles Schulz fuer den Kreis seiner „Peanuts“ . Sie sagt anderen stets ganz unverbluemt, was sie zu tun haben und weist sie auf ihre Charakterfehler hin. Sie hat immer recht und sie ist der Typus des ‚ungeselligen Menschen‘, den Kant bei seiner Kritik der reinen Vernunft im Auge hatte: Denn sie geht davon aus, dass sie andere eigentlich nicht braucht. Wozu auch? Vernunft hat sie selber und die ausschlieszlich braucht sie nach Auskunft vieler, vieler Philosophengenerationen, um richtig zu ‚handeln‘. Insofern ist Lucy eine aufgeklaerte Frau, die daran arbeitet, alles und jeden in den Griff zu kriegen.

Ich finde, Lucy macht deutlich, wohin Aufklaerung durch Vernunft fuehrt.