Eine schwerwiegende Behauptung …

 

… ist es wohl, wenn eine Autodidaktin behauptet, dass Kant’s Philosophie nichts als eine Neuauflage alter Lehren sei. Ich verstecke mich dabei hinter Wahle, der schon vor 100 Jahren gesagt hat, was ich heute denke.

Dies ist ein alter Trick, aber unter Philosophen schon lange verbreitet. Von dem Englaender „Abaelard aus Bath“ einem eher nuechternen Denker aus dem 12. Jh. ist mir bekannt, dass er diesen Trick ebenfalls kannte. Er schrieb – sinngemaesz – wenn man heute (im 12. Jh.) etwas Neues sagen moechte, darf man dieses Neue nicht als das Eigene ausgeben. Stattdessen muesse man darauf hinweisen, dass bereits der oder jener schon das Gleiche gedacht habe.

 Nun Abelard hatte zu seiner Zeit seine guten Gruende, Abweichendes als Erfindungen bekannter, moeglichst aber anerkannter Denker auszugeben. In meinem Fall sind diese guten Gruende andere.

 Ueber einen derart anerkannten Philosophen wie Kant zu behaupten, seine Philosophie sei schon zu seinen Zeiten ueberholt gewesen, setzte eigentlich voraus, dass ich einen doppelten „Dr. habil.“ vor meinem Namen trage. Aber selbst dann noch garantierte dies nicht, dass man sich in Fachkreisen damit ernsthaft befasste, geschweige denn mir zustimmte.

Ich trete hier naemlich in Legionen von Fettnaepfchen. (Brauche aber nicht mehr die Inquisition zu fuerchten.) ‚Diese Dame versteht ja nichts von Philosophie.’, bekaeme ich eventuell zu hoeren. Dieser Hinweis ist berechtigt: Von dem, was viele unter Philosophie verstehen, verstehe ich naemlich gar nichts. Auf die meisten von ihnen duerften meine Sichten eher laecherlich wirken.

Das nun wiederum finde ich sehr bedauerlich. Da ich jedoch Lachen fuer eine sehr natuerliche, menschliche Reaktion halte, wenn gewohnte Sichtweisen in Frage gestellt werden, nehme ich es niemandem uebel.

 Ich schreibe hier selbstverständlich nicht, um ausgelacht zu werden, ich schreibe fuer Andere, die wie ich vom Virus der Nachdenklichkeit infiziert sind. Nachdenken tut jeder – das ist klar. Doch mein Virus ist unentwegt taetig und noetigt mich zu graben, graben, graben … Das habe ich mir nicht ausgesucht, ich denke wie von selbst … und kann mich einfach nicht zufrieden geben, mit dem was andere zufrieden macht.

 Ich schreibe daher nur fuer die, denen es aehnlich geht wie mir.    

Reproduktion alter Lehren bei Kant

 

Wahle schaetzte Philosophen, wenn sie ‚originelle Fragen und Loesungen erfinden’. Alle anderen brauche man eigentlich gar nicht zu erwaehnen, fuegte er hinzu. Kant fiel zuerst dadurch auf, dass er an einer Hochschule  – wenn auch vorsichtig – zunaechst verkuendete, dass weder Gott noch die Seele beweisbar sind. Damit schwamm er im Strom seiner Zeit, aus dem er sich aber wieder zurueckzog.

Wer sich in der Philosophiegeschichte auskennt, findet bei Kant nur laengst bekannte Ideen und scholastische Unterscheidungen, so Wahle in seiner „Tragikomoedie der Philosophie“. Der Zeitgeist wurde jedoch von neuen Gedanken und Ideen gepraegt. Im 18. Jahrhundert habe sich die philosophische Welt beim Grossteil der Gebildeten materialistisch und atheistisch veraendert. Deismus, Religionskritik , historische Forschungen und Philosophien wie die von Lamettrie, Helvetius , Holbach, D’Alemberts, Diderot, Cudworth, Voltaire, Rousseaus gehoerten zu diesen Veraenderungen und verbuendeten sich mit denen des allgemeinen Weltbildes.

Vor Kant hatte bereits Locke die Vernunfttaetigkeit analysiert und festgestellt, dass einzig die sinnliche Wahrnehmung  menschliches Denken bestimmt und daher Grundlage wissenschaftlicher Forschung sein müsse.  Hume hatte sich Locke’s Analyse angeschlossen.  Hinsichtlich der Unerkennbarkeit des Dinges an sich, der Existenz Gottes und der Unsterblichkeit hatte er Locke’s Analyse konsequent zu Ende gefuehrt. Kant war daher nicht der erste, der die Vernunft analysierte. Seine „kopernikanische Wende“, die er als seine Idee ausgab, hatten bereits andere vollzogen.  

Kant habe sich seinen Vorgaengern einerseits angeschlossen, indem er forderte, dass man beim Denken und Forschen von den Sinnen ausgehen muesse; aber seine Unfreiheit gegenueber seinen von Kindheit an pietistisch gepraegten Beduerfnissen veranlasste ihn, gleichzeitig metaphysischen Neigungen nachzugehen. Er griff so zusaetzlich zu entgegengesetzten Auffassungen hauptsaechlich zu denen von „Wolff = Aristoteles“, Leibniz und Baumgarten, bei denen er auch die Instrumente  fand, um seine „Analyse der Vernunft“ umfassend durchfuehren zu koennen. So verwendete er „die alten angeborenen Ideen und Saetze“ und stattete damit im Sinne von Leibniz bzw. von Platon die Seele aus. Sie dienten ihm zur Begruendung der Transzendalität der reinen Vernunft und der reinen Begriffe. Bei Baumgarten fand er die zahlreichen differenzierenden Begriffe, logischen und psychologischen Einteilungen, die sein Unternehmen so umfassend erscheinen lassen.

An Kants Lehre sei nichts originell und an seinen scholastischen Formulierungen fast nichts, fasste Wahle seine Beschreibungen zusammen. Originell seien seine Termini. Kant nannte seine Art der „Ueberschreitung der Erfahrung“ „transzendental“, behauptete, dass der „Idealismus eine Grundbegabung des Menschen“ sei und nannte daher das, was er tat „transzendentaler Idealismus“. Das war ein neuer Terminus, aber die Sache gab es schon vorher. Historiker trugen dazu bei, „eine Neuheit des Standpunktes vorzutaeuschen“, indem sie neue Systematisierungen einrichteten und neue ‚ismen“ schufen. Doch Kants Lehre bleibe „immer nur eine Reproduktion alter Lehren.“

Trotz seiner Kritik wuerdigt Wahle ihn.

Kant ist als Person ehrwuerdig durch seinen Ernst, seinen  Wahrheitsdrang, als Friedensherold, durch die fleiszige, ausdauernde, wenn auch an Vorbilder sich anschlieszende, umsichtige Administration seines Systems, durch unterscheidungsfrohen Scharfsinn, durch sein erhabenes Pflichtgefuehl, durch seine gelegentlich hervorbrechende Redekraft – aber das muss unserer auf die originellen Progresse der Philosophie bedachten Darstellung so gleichgueltig sein, als es ihr gleichgueltig sein muesste, wenn er ein Spitzbube gewesen waere.

 

Vgl. Wahle: Tragikomoedie der Weisheit, S. 323-330.

Bataille: Entstellungen des Schreckens

„Meine Kindheitserinnerungen werden nur noch ‚entstellt‘ lebendig und darstellbar. Sie erhalten auf diese Weise einen ‚obszoenen Sinn‘.“, schrieb Bataille in Das obszoene Werk (S. 52).

Nur selten – in kleinen Gedichten am Rande und Reminiszenzen zu seinen obszoenen Texten – gelang es Bataille Entstellendes zu kommentieren und darueber zu reflektieren, wie seine literarischen Aeuszerungen zu seinem (Er)Leben passen. Man kann den Menschen nicht raten, Vorurteile aufzugeben, ueberlegte er. Denn diese Vorurteile sind Ergebnisse einer kulturellen Leistung, die sensible und intelligente Menschen geschaffen haben. Und nun verlange man von ihnen einzugestehen, dies sei eine Dummheit gewesen? Das funktioniere nicht. Sensibilitaet und Intelligenz setzten Schrecken und Anziehung der Erotik erst in Gang. Er wolle den Leser in seinen obszoenen Schriften entdecken lassen, ‚wie die Erotik die bewusste Einstellung aufzureiszen vermag‘ (S. 58f). Er ertrug sein Denken ueber Tod und Exzess und Sexualitaet kaum. Immer wieder wurde mir das Lesen unertraeglich. Er vernichte sich beim Schreiben selber. Im Exzess, in der Zusammenschau aller Aspekte von Tod und Sexualitaet fand er nichts wieder, auch Gott nicht (60).

„Ich bin keineswegs geneigt, die Wollust fuer das Wesentlichste auf der Welt zu halten. Der Mensch ist nicht auf das Organ der Lust beschraenkt. Aber dieses Organ lehrt den Menschen (s)ein Geheimnis, das man nicht eingestehen kann. | Es gibt keinen Grund, der sexuellen Liebe eine Bedeutung zuzuschreiben, die nur das gesamte Leben besitzt …“ (S. 60f) Es war mir moeglich, ueber diese Totalitaet zu sprechen. Doch das, was ich sagen wollte, entglitt mir, wenn ich die Grenzen ueberschritt, innerhalb derer ich in geordneten Saetzen schrieb. Auf diese Weise erhielt ich mir meine Souveraenitaet (62).

„Gott ist das Grauen in mir ueber das, was war,
ueber das, was ist, und ueber das, was sein wird,
so GRAUENHAFT war, ist und sein wird,
dass ich es um jeden Preis leugnen
und mit aller Kraft schreien sollte,
ich leugne, dass es so war, dass es so ist
und dass es so sein wird,
aber ich werde luegen.“
(90)

Bataille wurde lebenslang von Erinnerungen an den erschreckenden, koerperlichen Zustand seines Vaters und dessen Leiden gequaelt. Sein Leben begann mit dem Tod, schrieb sein Biograph Michel Surya. Hinzu kamen Erinnerungen an Kindheitserlebnisse in Verbindung mit heterogenen, d. h. gesellschaftlich verachteten Auffassungen von Sexualitaet, die er in Das obszoene Werk thematisiert, ohne zu sagen, so war es. ‚Ich bin ein Kind des Schreckens.‘ (81) kommentierte er seine Erinnerungen und ‚ich hatte vor allem Sexuellen Angst‘.(7)

Georges Bataille und Marion Luckow: Das obszoene Werk. Reinbek b. Hamburg 2012, 22. Auflage. (Die Ziffern im Text beziehen sich auf Seiten dieser Ausgabe.)

Wer sich im Besitz der Wahrheit glaubt, …

moechte ‚recht haben‘, moechte ‚beweisen‘, dass nur seine Sichtweise die ‚richtige‘ ist. Gegen andere Sichtweisen muss er sich verwahren. Skeptische Philosophen koennen Irrtuemer einraeumen. Sie gingen und gehen davon aus, dass ‚richtig‘ und ‚wahr‘ Kriterien sind, ueber die niemand verfuegt – auch sie nicht. Fuer Skeptiker ist ‚recht haben wollen‘ und ‚beweisen wollen‘ eine Art Sackgasse. Fuer sie folgt aus ihrer skeptischen Praxis des Hinsehens, ’sich eines abschlieszenden Urteils zu enthalten‘. Jedes Hinsehen ergibt in aller Regel immer wieder einen neuen, bzw. etwas anderen Aspekt, auch wenn der neue sich nur minimal von dem Vorhergehenden unterscheidet. Diese durch Hinsehen entstehende Vermehrung von Unterschieden macht die Differenziertheit und die Qualitaet von Sichtweisen aus, die jeder autonom erheben kann. Dies zeigen z. B. Aeuszerungen von Menschen ueber die unterschiedlichsten Lebensbereiche, in denen sie professionell taetig sind bzw. waren.

Der Rat ‚immer wieder hinzusehen‘ fuehrte bereits in der Antike zu Missverstaendnissen. Viele Zeitgenossen des Pyrrhon – allen voran die Stoiker – stieszen sich an der Idee der Enthaltung und unterstellten dem, der dieser Idee folgte, dass er lebensuntuechtig sein muesse. Sie gingen zurecht davon aus, dass jeder Mensch handeln muss. Sich eines Urteils zu enthalten, schien ihnen unmoeglich. Dies entspricht durchaus dem, was skeptische Philosophen sowie Neurowissenschaftler inzwischen annehmen: „Unsere physiologische Natur bestimmt nach Gesetzmaeszigkeiten, die wir nicht kontrollieren koennen, dass wir gar nicht anders koennen, als Urteile zu faellen, so wie wir automatisch atmen und wahrnehmen“ (Hume Treat. I,4,1,7.) Daraus zu folgern, dass die Notwendigkeit des momentanen ‚handeln‘ und ‚urteilen‘ dauerhafte Urteile notwendig mache, ist das seit Jahrhunderten gebraeuchliche explizite und implizite Missverstaendnis, das Skepsis abwehrte, sie ungeeignet fuers Philosophieren hielt und Skeptiker der Laecherlichkeit preisgab. Ueber den in vielen Feldzuegen erprobten Pyrrhon wurde u. a. die Laecherlichkeit erzaehlt, dass er nur in Begleitung einer Magd sein Haus verliesz, um wieder nach Hause zu finden. Menschenwissenschaftler unter den Philosophen – wie Hume – bemuehten sich ohne groszen Widerhall darum, dieses Missverstaendnis auszuraeumen: „Niemand duerfte je einen so laecherlichen Menschen getroffen oder mit einem verkehrt haben, der handelnd oder forschend keiner Vorstellung bzw. keiner Annahme ueber das gefolgt waere, was er zu erreichen hoffte.“ (Hume, Enquiry, XII, 2.)

Handlungsbeduerfnisse, die aus menschlichen Grundbeduerfnissen entstehen, sind in der metaphysisch orientierten Philosophie nicht gruendlich mitbedacht worden. Kant z. B. hat Kritik anderer an der praktischen Mangelhaftigkeit seiner Ethik stets abgewehrt und darin keinen Anlass gesehen, sein apriorisches Konzept zu ueberpruefen, bzw. es zu revidieren. (Vgl. die Meinungsverschiedenheiten zwischen Kant und Ulrich. Kant: Metaphysische Anfangsgruende der Naturwissenschaften. In: Akademieausgabe von Kants gesammelten Werken, Bd. IV, S. 474/6. Christian Jakob Kraus: Rezension zu Ulrichs ‚Eleutheriologie‘, In: Akademieausgabe von Kants gesammelten Werken, Bd. VIII, S. 451ff.) Diese strukturell vorhandene Abwehr in der Philosophie gegen die Beschaeftigung mit Konkretem hat ‚philosophieren‘ in Verruf gebracht. Die Philosophie, so wie sie sich noch heute mehrheitlich als ‚Analytische‘ praesentiert, stoeszt einen eigenstaendig philosophierenden Jedermannphilosophen vor den Kopf. Ich frage mich dabei nach dem Interesse dieser Philosophen und dem Nutzen dieses Philosophierens.

Jahrhundertlange Uebungen in Wahrheitsdiskussionen, die man um der Wahrheit willen fuehrte, haben ferner dazu gefuehrt, dass skeptisches Philosophieren in Skeptizismus umgemuenzt wurde. Die Bedeutung „zweifeln“ beherrscht bis heute die entstellende neuzeitliche Auffassung der Skepsis. ‚Zweifeln‘ war keine Mitbedeutung antiker Skepsis gewesen. Zweifel an Dogmen sind und waren stets Merkmale religiöser Auffassungen. Sie ergaben sich ausgepraegt als Folge von ‚forschen‘ im Mittelalter und in der Neuzeit. Die Art von Enthaltung wie sie antiken Menschen nahe war, kann sich heute noch in der Redewendung „Da bin ich skeptisch!“ aeuszern. Menschen – so Hume’s Sicht – brauchen nicht zu fuerchten, aus ihrer Skepsis Nachteile zu ziehen. Sie haben physiologisch wirksame Hemmungen gegen den Skeptizismus, denn sie orientieren sich an ihren Lebensbeduerfnissen. „Wir sollten in allen Wechselfaellen des Lebens stets skeptisch bleiben. Glauben wir z. B. dass Feuer waermt und Wasser kuehlt, so liegt das lediglich daran, dass jede andere Sichtweise viel zu schmerzhafte Nachteile hat.“ (Hume, Treatise, 1,4,7,11)

Individuelles ueberschreiten II

Jan Kuhlbrodts Hinweis zu dem Artikel „individuelles ueberschreiten I“ auf Jean Piagets Theorie der kognitiven Entwicklung eines Menschen hat mich zu interessanten Ergebnissen der Kognitionswissenschaften gefuehrt. Hier habe ich ein ‚paper‘ der Universitaet Wuerzburg verlinkt, das einen Ueberblick ueber kognitionspsychologische Experimente, deren Ergebnisse und die Theorien dazu gibt. Ich habe einige Zeit gebraucht, bis ich fuer mich diesen Ueberblick auswerten konnte. Einerseits habe ich die verwendeten Bezeichnungen mit meinen Assoziationen verbinden muessen, bis sie fuer mich interpretierbar wurden. Andererseits sind die Experimente unvollstaendig beschrieben, so dass ich sie wohl nur teilweise kapiert habe. Ich habe die Luecken imaginativ geschlossen und mir so ein eigenes – vermutlich sehr irrtumsbehaftetes – Bild gemacht.
Dieses Bild – das wiederum ein ‚verdichten‘ von eigenen Assoziationen ist, die waehrend meines ‚verarbeiten‘ der Lektuere entstanden – nahm ich zum Anlass um meine eigenen Schlussfolgerungen zu ziehen.

Doch zuerst zum oben erwaehnten ‚paper‘. Mein Fazit daraus: Jean Piagets Theorie, dass die ersten ‚kognitiven Strukturen‘ – was immer das auch sein mag – mit 9 Monaten entstehen, wurde nach unten hin korrigiert. Die experimentell erhobenen Forschungsergebnisse veranlassen inzwischen die Forscher zu Theorien, dass bereits im Mutterleib „Repraesentationen“ entstehen, die dem Neugeborenen ‚unterscheiden‘ zwischen Bekanntem und Unbekanntem ermoeglichen. Die Bezeichnung „Repraesentation“ scheint in diesem ‚paper‘ von den forschenden Autoren fuer eine Art „kognitive Struktur“ zu stehen.

Gleichgueltig um welche Variation der Fragestellung, des experimentellen Aufbaus und des Ergebnisses es sich handelt, die forschenden Autoren greifen im Diskurs ihrer Wissenschaft und zur Abgrenzung von anderen Wissenschaften auf die Bezeichnung „Repraesentation“ oder aehnliche Bezeichnungen zu. So verhielt sich Piaget, als er die Bezeichnung ‚Objektpermanenz‘ zur Bezeichnung fuer seine Annahme „kognitive Struktur“ benutzt.

Dabei wird unausgesprochen sowohl fuer ‚Repraesentation‘ wie fuer ‚Objektpermanenz‘ unterstellt, dass sie etwas bezeichnen, mit dem sich ueber wissenschaftliche Standards verhandeln liesze. Aus meiner Sicht – ‚individuelles ist unhintergehbar‘ (Rolf Reinhold) – handelt es sich dabei um vergleichbare Sichten der betreffenden Autoren, die sich diese unabhaengig und auszerhalb ihrer Experimente angeeignet haben. Ihre jeweils individuellen Sichten schaffen den individuellen Rahmen fuer Theorien, wie sie Kognitionswissenschaftlern akzeptabel erscheinen. Dies entspricht der in der Regel zugestimmten Behauptung, dass auch wissenschaftliche ‚Erkenntnis‘ subjektiv bzw. relativ sei, fuehrt aber selten – ich behaupte sogar nie – zu konsequentem ’nach-denken‘. Vergleichbar dem „Neun-Punkte-Problem“ verbleibt man unausgesprochen innerhalb der Grenzen bereits vorhandener Standards und beschraenkt sich auf das, was innerhalb dieser moeglich ist. Dies fuehrt im vorliegenden Falle – wie in allen anderen aehnlich gelagerten Faellen – zu einer Festschreibung von Theorien und gewohnten Sichten. Das rahmensprengende Potential von Experimenten wird uebersehen.

Physistische Philosophinnen gehen davon aus, dass konsequentes ’nach-denken‘ und dabei ‚ausgehen‘ von dem, was sensorierbar ist, andere Schlussfolgerungen ermoeglicht, die rahmensprengend wirken koennen.
Die im ‚paper‘ angefuehrten Experimente legen nicht notwendigerweise nahe, dass geistige Strukturen der Motor fuer die Verhaltensenderungen eines neugeborenen Menschen sind. Dies ist – wie schon oben erwaehnt – die Interpretation von Wissenschaftlern, die davon ausgehen, dass ‚geistiges‘ etwas sei, das notwendigerweise zum Menschen gehoere. Im Falle „kognitive Struktur“ wird ferner – ebenfalls unausgesprochen – unterstellt, dass ‚geistiges‘ Grenzen transzendieren koenne und so in eine Art „geistige Schnittmenge“ zwischen Individuen münde. Diese Auffassung kennzeichnet u. a. den transzendentalphilosophischen wie den sprachphilosophischen Diskurs in der Philosophie. In Erziehungs- und Lerntheorien sowie in Unterrichtsdidaktiken wird damit die Überlegenheit des Lehrenden über den Lernenden behauptet. Ich halte dies fuer eine mythische Denkfigur, die aber von denen ueblicherweise mit verwendet wird, die diesem Mythos verbunden sind. Ich kann keinen konkreten Anhaltspunkt dafuer finden, dass ich denkend und handelnd meine individuelle Welt verlassen kann.

Ich schliesze aus denen im ‚paper‘ erwaehnten Experimenten, dass die jeweils individuelle neurophysiologische Ausstattung der Motor von ‚entwickeln‘ ist, die vielfaeltig angeregt adaequates ‚handeln‘ und ’nach-denken‘ ermoeglicht. Die Strukturen, die dabei entstehen, sind neurobiologischer Art. Sie werden durch ‚benutzen‘ funktionstuechtiger. Es sind meine Strukturen. Ich kenne keinen Fall – auszer ich haette einen siamesischen Zwilling – in dem ich, mit neurobiologischen Strukturen eines anderen verbunden sein koennte. Andere schließen von neurobiologischen Strukturen auf kognitve. Das ist mir zu weit gehend.

Eventuell funktioniert auch das, um den traditionellen Rahmen verlassen zu können: Sowohl ‚reden‘ wie ‚denken‘ ueber den Menschen sind vollgemuellt mit Jahrhunderte alten Bedeutungen. Es koennte ‚weiterentwickeln‘ befoerdern, wenn ‚reden‘ und ‚denken‘ – z. B. nach einer Art Simplify-Methode – ausgemistet wuerden.

Individuelles ueberschreiten I



Kann man die Dinge auch mit den Augen anderer sehen?

Menschen gehen davon aus. Menschen meinen z.B., sich in andere einfuehlen zu koennen: „Ich weisz, was in dir vorgeht.“ Muetter halten sich zu Gute, ihre Kinder zu kennen. Lehrer glauben zu wissen, wie jeder ihrer Schueler am effektivsten lernen. Liebende gehen davon aus, ein Herz und eine Seele zu sein. Auch Wissenschaftler gehen davon aus, den Beweis dafuer erbracht zu haben, dass ein Individuum wissen kann, was ein anderer empfindet: Sie haben die Spiegelneuronen entdeckt.

Menschen, die davon nicht ausgehen, gelten zumindest als soziale Grobiane, werden als gefuehlskalt, … etc. bezeichnet. Manche gehen so weit zu behaupten, dass diesen Menschen eine wichtige menschliche Faehigkeit fehle. Derartige Selbstverstaendlichkeiten und derart Weitreichendes macht es aus meiner Sicht noetig, dem Empathischen, d.h. dem Einfuehlsamen auf den Mund zu schauen: Wovon ist hier die Rede?

Im Wesentlichen duerfte es um Kommunikation gehen.

Ich gehe davon aus, dass Kommunikation mit der Benutzung von Zeichen (Gesten, Mimik, Woerter, Stimmfaerbung, … etc.) zu tun hat, die in Menschen etwas ausloesen. Bereits im Uterus sind Menschen Zeichen der Umgebung ausgesetzt. Worauf diese Zeichen verweisen, lernt der Mensch ueberwiegend extrauterin.

Mit ungefaehr einem Jahr beginnen Menschen Woertern etwas Bestimmtes zuzuordnen. Sie fangen an zu sprechen. Mit durchschnittlich 5/6 Jahren ist das Bestimmte, auf das ein Wort hinweist, im Bereich des Konkreten so weit von Menschen erforscht, dass andere mit ihnen reden koennen. Andere Zeichen als Woerter werden nachrangig. Bis dahin gibt es viele Irrtuemer, die dem Herausfinden des Bezeichneten dienen. Auf diesem Weg begegnen Menschen auch Zeichen, bei denen es nicht gelingt herauszufinden, was damit bezeichnet wird. Es sind Abstraktionen, Metaphorisches. Deren Erforschen dauert länger.

Was steht wofür?

Grundlegende Erfahrung aus diesen ersten Lebensjahren ist also: Wenn ein Menschen mit anderen reden moechte, muss er fuer sich selber herausfinden, was es mit den Zeichen auf sich hat, die die anderen benutzen. Das Reden ueber Dinge orientiert sich dabei am Konkreten, das ein Mensch kennt: Katze, Tisch, gehen, lachen, blau, gruen … etc. In diesem Rahmen gibt es selten Unklarheiten zwischen Menschen; es sei denn es liegen sensorische Beeintraechtigungen vor (z.B. Seh- oder Hoerdefizite).

Reden ueber Dinge, die man nicht kennt, reden ueber Abstrakta, Metaphorisches oder ueber das, was in anderen Menschen vor sich geht, wird unklar, weil das damit Bezeichnete nicht gemeinsam betrachtet werden  kann. Um zu erlaeutern, was ich meine, wenn ich das Wort ‚Liebe‘ verwende, muss ich mehr Woerter benutzen. Die Kommunikation wird unuebersichtlich. Menschen haben eventuell deshalb den Gebrauch des Wortes „verstehen“ erfunden. „Aha, ich verstehe, was du meinst!“ oder „Verstehst du mich?“ „Ich verstehe!“ beendet die Kommunikation ueber ein bestimmtes Thema. Mir fiel schon oft auf: Je besser Menschen sich verstehen, desto weniger scheinen  sie sich zu sagen haben. Aber dies nur nebenbei.

Was folgt daraus fuer die Eingangsfrage? 

Erst einmal nicht viel.
1. Von Geburt an ist der Mensch damit beschaeftigt zu kommunizieren und dazu muss er fuer sich immer wieder herauszufinden, worauf Zeichen hinweisen.
2. Der Mensch orientiert sich dabei an konkreten Dingen.
3. In der Kommunikation ergibt sich fuer ihn, ob er Zeichen korrekt entschluesselt hat.

Die Untersuchung wird fortgesetzt.

Individuelle Sichten



„Die Dinge sind für mich so, wie sie sich mir zeigen, und für dich so, wie sie dir sich zeigen.“ Und so ist „der Mensch das Maß aller Dinge“

Das Altgriechische ‚chremata‘ des Homo-Mensura-Satzes, den die Quellen Protagoras zuschrieben, hat eine aehnlich weitreichende Bedeutung, wie das deutsche Wort ‚Dinge‘, mit dem es wiedergegeben wird. ‚chrema‘ bezeichnet: „Alles, womit der Mensch hantiert, womit er etwas anfangen, was er zu seinen Zwecken gebrauchen kann, oder auch womit er zu schaffen, zu tun hat. in diesem Sinne Sache, Ding, Stueck, Ereignis, Erscheinung, Vorfall, Geschaeft. Im Besonderen heißt bald der Mensch selbst ‚chrema‘ : Ding, Geschoepf, ein Wunder (von Frau) . Im Plural erscheint ‚chremata‘ als Sammelbegriff für Habseligkeiten, Hab und Gut, Sklaven, Herden Jagdtiere… Vermoegen, Leben, Macht, Machtmittel … etc.“ steht in der digitalen Version von Papes griechisch-deutschem Woerterbuch. Dem verbalen Stammwort ‚chraomai‘ – im Altgriechischen sind Substantive fast immer Ableitungen des Verbs – entsprechen Terme wie  „… eine Sache, sich zu Eigen machen, auch leihen. In Bezug auf Goetter verehren, sie als Gottheit annehmen, mit ihnen verkehren, sie befragen. Mit eigenen Anlagen, Kraeften verfahren, ihnen gemaeß handeln. sie benutzen, zeigen. Gesetze befolgen, einhalten. Zustaende, Gefuehle empfinden, mit ihnen zu tun haben; sich in Umstaende zu schicken wissen, den Staat verwalten; mit gegebenen Verhaeltnissen umgehen; mit Kuensten, Wissenschaften, Gewerben hantieren; kaufen, verkaufen; …“

Aus allen diesen moeglichen Uebersetzungen laesst sich schließen, dass der Homo-Mensura-Satz sich auf alle Lebensbereiche bzw. auf unser gesamtes Verhalten bezieht – auch im Hinblick auf den Menschen selber. Er koennte auch heißen: „Was immer der Mensch tut, er tut es auf seine Weise.“ Oder: „Individuelles ist unhintergehbar“. Dieses Grundprinzip menschlichen Verhaltens duerfte im Alltag des antiken Griechenland und auch unter Wissenschaftlern (Sophoi, Sophisten und Philosophen) allgemein akzeptiert gewesen zu sein. Es zeigte sich m. E. in den offen endenden platonischen Dialogen oder in den miteinander konkurrierenden Philosophien oder im Wechsel unterschiedlicher Regierungsformen und politischen Entscheidungen oder in den unterschiedlichen Sichtweisen oeffentlicher Reden … etc. Individuelles wurde durch gemeinsam geteilte kulturelle und religioese Traditionen und Gesetze begrenzt. Die Verletzung des traditionellen Goetterglaubens war todeswürdig. Trotzdem war niemand „… an ein heiliges Recht gebunden waren, welches Religion und Staat zusammenkettete, … kein Klerus in Art der aegyptischen Priester, der Magier und Chaldaeer … war [vorhanden], welcher … im Namen einer vorhandenen, einzig berechtigten Lehre unterdruecken konnte.“ [Jacob Burckhardt: Griechische Kulturgeschichte: Achter Abschnitt. Zur Philosophie, Wissenschaft und Redekunst, S. 97. Digitale Bibliothek Band 55: Geschichte des Altertums, S. 10692] Diese Lehre, die unterdrückt, gab es für unseren Kulturkreis erst mit der Verbreitung des Christentums in Europa. Mit ihm ist m.E. das von den Griechen praktizierte Naturprinzip des Individuellen zugunsten behaupteter Wahrheit und richtiger Moralitaet nachhaltig verdraengt worden.