Ueber den Mythos des Geistigen



Meine Ablehnung von Erkenntnistheorien bezieht sich u.a. auf deren Setzungen wie z.B. ‚Geist‘, ‚Vernunft‘, ‚Verstand‘, ‚wahr‘, ‚falsch‘, Wissen, … etc., die aber in erkenntnistheoretischen Loesungen nicht als Setzungen ausgewiesen wurden, sondern im Gebrauch der Worte den Charakter des Faktischen annahmen und so gewohnheitsmaeßig die Selbstverstaendlichkeit des Geistigen und aller damit verbundenen geistigen Faehigkeiten kreiert haben dürften. Jeder der diese Ueberlegung nicht teilt, wird sie argumentativ mehr oder weniger geschickt und eventuell mit dem Hinweis auf wissenschaftliche Autoritaeten verwerfen.

Ohne auf denkbare Argumente einzugehen, ist weiter von Bedeutung, dass die im Diskurs zwischen verschiedenen Erkenntnistheorien zum Faktum erhobene Behauptung ‚der Geist ist etwas‘ verbunden wurde mit der abendlaendischen Behauptung, der menschliche Geist sei besser als der menschliche Koerper. Eine Behauptung die u.a. bei Augustin Thagaste zu finden ist, der seinem „Prinzip der Innerlichkeit“ folgend meinte: „Melius quod interius.“ (Bekenntnisse 10.6.9 )
Diese Idee, dass ‚innere‘, ‚geistige‘ Erkenntnis hoeherwertiger sei als Schlussfolgerungen aus ’sensorieren‘, zieht sich als unbemerkte Behauptung selbstverstaendlich durch jede Erkenntnistheorie. Sie foerdert die Auffassung, dass grundsaetzlich jede Theorie der Praxis überlegen sei. Es koennte sein, dass neuzeitliche Erkenntnistheoriker als Soehne und Toechter der ihnen auferlegten metaphysischen Schulung im Sinne eines vorauseilenden Gehorsams und gegen die aufklaererische Forderung ’sapere aude‘ die Pflicht erfuellen, die von den Altvorderen aufgestellten Behauptungen nachzuweisen, um sie weiterhin zu benutzen und um darueber hinauszugehen: Erkenntnistheoretiker naemlich behaupten, dass geistige d.h. apriorische Erkenntnisse jeweils Grundlage unseres ‚handeln‘ seien. Eine Behauptung, die noch heute m. E. unnoetige Graeben zwischen naturwissenschaftlichen und geisteswissenschaftlichen Sichtweisen aufreißt. Die als Loesung angesehene Behauptung duerfte in Zeiten autoritaetsorientierten Philosophierens vermutlich als funktional betrachtet werden koennen, aber in Zeiten des Beduerfnisses nach zunehmender Eigenstaendigkeit und nach Authentizitaet als verzichtbare Beschraenkung erlebt werden.

Hume hatte dazu bemerkt, dass der Verzicht auf die unreflektierte Uebernahme von Behauptungen frueherer Autoritaeten, alle deren Behauptungen fragwuerdig, wenn nicht hinfaellig macht. Es bleibt ohne Autoritaet nur noch die jeweils eigene Sicht auf die Dinge. Statt von Behauptungen anderer auszugehen, kann ein Mensch sich dann bloß auf das beziehen, was ein Mensch jeweils kennen kann. Die Philosophiegeschichte dokumentiert, dass es in der Philosophie bisher selten vorgekommen ist, dass eigenstaendig philosophiert wurde, wie es die antiken Philosophen gefordert hatten. Im Gegenteil: Es hat sich im Bemuehen um Gewissheit im philosophischen Denken der westlichen Welt etwas verfestigt, das als Denkverbot funktioniert: „Du sollst den Geist, die Vernunft, … etc. nicht in Frage stellen!“ Macht jemand sich daran zu schaffen, steht er in Gefahr philosophisch ignoriert zu werden. Dekonstruktion ruft Empoerung hervor. Das duerfte sich nachteilig fuer eine philosophische Weiterentwicklung auswirken koennen.

Die hier skizzierten, vermuteten Zusammenhaenge verdienen aus meiner Sicht nicht den Namen ‚Dekonstruktion‘: dazu muessten sehr viel weiter fuehrende Ueberlegungen angestellt werden. Sie taugen m. E. aber dazu, um begruendete Fragen zu stellen und ein Gefuehl des Unbehagens hervorzurufen.

Gewissheiten und ‚letzte Gruende‘



Unter den ersten Huetten, die Menschen sich bauten, waren solche, die auf Pfaehlen standen. Diese Konstruktion diente vermutlich dem Schutz vor Gefahren. Solange die Pfaehle hielten, konnten sie mehr oder weniger lange Garanten dieses Schutzes sein.

Gewissheiten werden erworben

Aehnlich duerfte es sich mit Gewissheiten verhalten, die Menschen fuer sich erfinden. Ich denke, Menschen brauchen Gewissheiten, nur scheinen sich Menschen in der Regel nicht darueber im klaren zu sein, wie es sich mit Gewissheiten verhaelt, bzw. wie es um die jeweilig eigenen bestellt ist. Gewissheiten scheinen ‚mit der sich wiederholenden Abfolge aehnlicher Ereignisse‘ (David Hume) zu entstehen. Sie beruhen also auf Vergangenem, sind ‚Setzungen aus Erfahrung‘ (Rolf Reinhold) und koennen daher nur eine probabilistische Sicherheit bieten. Ein anderer Schutz als dieser scheint uns Menschen nicht zur Verfuegung zu stehen.

Inzwischen erlaeutern Neurowissenschaftler: Sich aehnlich wiederholende afferente Ereignisse und ihnen folgende efferente Ereignisse ergeben mit der Zeit bestimmte neuronale Aktivitaetsmuster. Durch diese quasi regelgeleitete Arbeitsweise wird unsere organische Effizienz optimiert. Dies laesst sich u.a. an allen unseren motorischen Faehigkeiten (Bewegungen einschließlich Sprache=’handeln‘) ablesen, die jeweils erworbene Aktivitaetsmuster voraussetzen. Der Erwerb solcher Aktivitaetsmuster ist u.a. an Zeit und Wiederholung gebunden. Feststellbar ist aber auch, dass neuronale Aktivitaetsmuster durch optimierte ersetzt werden koennen. Unter Leistungssportbedingungen genuegt es z.B. nicht, die ueblicherweise erworbenen Bewegungsablaeufe einzusetzen. Bewegungsablaeufe muessen veraendert werden, wenn jemand im Wettbewerb mit anderen mithalten moechte. Die Veraenderung erfolgt ueber Reflektion der eigenen Bewegungsablaeufe unter Einbeziehung sportwissenschaftlicher Forschungsergebnisse und dem Trainieren veraenderter Bewegungsablaeufe.

Gewissheiten aendern sich

Menschen leben mit vielen Gewissheiten, meistens ohne damit zu rechnen, dass Gewissheiten, wie alles im menschlichen Leben Veraenderungen unterworfen ist. Auch unsere pfahlhuettenbauenden Vorfahren duerften erlebt haben, dass Holz im Wasser stehend seine Stabilitaet verliert. Die Gewissheit, dass die Waende eines Hauses stabil seien, wird kontrastiert durch die Tatsache, dass fast unmerklich, aber dennoch kontinuierlich der Putz von den Waenden rieselt. Wollmaeuse weisen darauf hin, dass Stoffe und Tapeten Fasern, Gegenstaende aller Art kleinste Teilchen verlieren. Die Dinge nutzen sich ab. Reparaturen oder gar Neuanschaffungen werden noetig.

Unser Koerper ist vielfaeltigen Veraenderungen unterworfen. Belege dafuer koennen sein, Hautteile, Schuppen, die sich in Matrazen, im Badewasser und in Kleidungsstuecken wiederfinden. Wir altern. Hunger, Durst, Muedigkeit signalisieren Veraenderungen. Der Gewissheit: Ich bin jetzt satt, folgt die Gewissheit: Ich habe Hunger. Wir beschließen den Tag mit der Gewissheit fuer heute genug getan zu haben, um am naechsten Morgen mit der Gewissheit aufzustehen, dass es noch viel zu tun gibt. Die Gewissheit, dass eine bestimmte Dienstleistung von einem ganz bestimmten Betrieb angeboten wird, muessen wir aufgeben, wenn dieser Betrieb schließt.

Beton in den Städten, Tomaten auf den Augen und Bohnen in den Ohren?

Waehrend wir den Verlust alltaeglicher Gewissheiten in der Regel – gelegentlich unter Unmutsbezeugungen akzeptieren – gibt es eine Art von Gewissheiten, die wir nur schwer oder gar nicht aufgeben moechten oder koennen. M.E. handelt es sich dabei um die Gewissheiten, mit denen wir am laengsten vertraut sind. Menschen neigen dazu an lang vertrauten Gewissheiten auch gegen andersartige Ereignisse festzuhalten. Je geringer die Anzahl der Ereignisse ist, die einer bestimmten Gewissheit entgegenstehen, desto leichter scheint dies zu gelingen. Der bekannte Spruch: „Die Ausnahme bestaetigt die Regel!“ kann fuer derartige Konstruktionen stehen. Man bezeichnet dies als „Nicht-Wahrhaben-Wollen“. Max von der Gruen beschrieb in seinem Buch „Wie war das eigentlich?“ ueber seine Kindheit und Jugend im Dritten Reich das Phaenomen, dass die Menschen oft bemerkten, wenn sie von Graeueltaten hoerten: „Wenn das der Fuehrer wuesste!“ Er bewertete dies als Flucht aus der Verantwortung und Ergebnis einer geschickten Progaganda. Im augenblicklichen Zusammenhang dient mir dieses Phänomen außerdem zur Vervollstaendigung der Betrachtung menschlichen Verhaltens an teuren Gewissheiten festhalten zu wollen. Der Wert des einmal Gefassten wirkt kontraproduktiv auf unsere lebensnotwendige Faehigkeit adaequat zu denken und zu handeln. Der Asphalt unserer Staedte, der Beton unserer Gebaeude macht die zivilisierte Scheinwirklichkeit fundamental. Erst Naturkatastrophen – Verbrechen und Kriege in aehnlicher Weise – wecken das Grauen vor dem Verlust unserer Gewissheiten.

Verwandeln von Gewissheiten in Annahmen und Praesenz

Menschen duerften den Blick fuer die Realitaet verlieren, wenn sie an Gewissheiten unbeirrt festhalten moechten. Letzteres praegt aus meiner Sicht das Schicksal Einzelner und ganzer Kulturen genauso wie das Schicksal von Metaphysikern, die sich als Philosophen bezeichnen, aber laengst den menschlichen Boden unter ihren Fueßen verloren haben, waehrend sie aus alter Gewohnheit nach letzten Gruenden, also nach unwandelbaren Gewissheiten suchen. Dass wir ueber derartige Vorhaben nicht mehrheitlich in schallendes Gelaechter ausbrechen, duerfte ein Indiz dafuer sein, wie nah vielen von uns das Beduerfnis nach letzten Gewissheiten sein duerfte. Metaphysiker gehen beispielhaft voran: Sie stuerzen sich denkend in Abgruende, woraus sie sich in den quasi-religioesen Glauben ihrer Erkenntnisse retten. Menschliches Leben aber kann nicht mehr als voruebergehende Gewissheiten schaffen. Um unser ‚handeln‘ adaequat vollziehen zu koennen, scheinen mir kurzlebige Gewissheiten voellig ausreichend. „Jeder Schritt ist der erste!“ lautet ein Koan aus Rolf Reinholds Philosophie. Gewissheiten sind ihm unbekannt. Er geht konsequent von Annahmen aus. Mein lange verstorbener Metaphysiklehrer meinte: „Es kommt auf die Gegenwart an.“ Gegenwart war fuer ihn jeder einzelne, kleinste Jetztpunkt (Augenblick) einer langen Reihe von Jetztpunkten und einzig wirkliche Ort menschlichen Handelns und Nachdenkens, der sich beim Tun verfluechtigt.

sensorieren und sinnliche Wahrnehmungen



Sinnliche Wahrnehmungen hatte ich in meinen metaphysischen Zeiten: Sie waren das, dem ich wohl oder uebel nicht entkommen konnte. Sie stoerten aber mein zielstrebiges Tun und Denken. Sie zeigten sich widerspenstig und fuegten sich mit den Jahren immer seltener, in das, was ich dachte und erreichen wollte. Oft erschlugen sie mich einfach und ich wollte nur noch Ruhe vor ihnen haben.

Inzwischen habe ich festgestellt, dass es fuer mich einen Unterschied macht, ob ich von sinnlichen Wahrnehmungen spreche oder von ’sensorieren‘. Mit sinnlichen Wahrnehmungen verbinde ich ‚Erkenntnistheorie‘ – mit ’sensorieren‘ die Vorstellung von meiner ‚Einheit Koerper‘ . Erkenntnistheorie dient der Rechtfertigung von Wissen ueber Handeln – ’sensorieren‘ meinem ‚handeln‘. ‚physistisch philosophieren‘ dient so mir und meiner Autonomie , die mir – obwohl in Aussicht gestellt – Erkenntnistheoretie, bzw. Metaphysik nie ermoeglichten. Das duerfte daran liegen, dass der Metaphysik jede konkrete Soliditaet fehlt: sie metaphorisiert Konkretes ins scheinbar eigentliche „Sein“ des ‚Geistes‘, das seit Jahrhunderten hoehlenplatonisch als die eigentliche Wirklichkeit erreichbar in Aussicht gestellt wird. Im Moment bin ich versucht meinen Emotionen zu folgen. Ich war sehr lange damit beschaeftigt herauszufinden, was andere meinen, wenn sie die Metaphysik empfehlen. Doch ich lasse meine Emotionen lieber beiseite. Was ich hier schreibe, duerfte schon irritierend genug sein.

Von der Metaphysik bzw. der Erkenntnistheorie versprach ich mir Impulse fuer mein ‚handeln‘. Die Impulse blieben aus,  aber es stellten sich Impulse ein, die anderen Einsichten zu folgen schienen. Metaphysiker haben – um auch solche Phaenomene erklaeren zu koennen – vor zwei Jahrhunderten eine eigene Wissenschaft ins Leben gerufen, die sie Psychologie nannten. In schlimmsten Zeiten beschrieb ich mich als fremd gesteuert. Diese Redeweise war eine Folge entsprechender psychologischer Theorien. In meinen besten Zeiten hatte ich Hoffnung, dass ich effizient wuerde handeln koennen, wenn ich es nur richtig machte. Das ‚richtig-machen-muessen‘ passte zu meiner Berufstaetigkeit: Lehrerinnen sind qua Berufsrolle darauf verpflichtet, alles, aber auch wirklich alles richtig zu machen. Referendare duerften dies noch kennen. Spaeter verdraengt man das, sonst bringt es einen um. Aber es hinterlaesst an der Oberflaeche eine Empfindsamkeit, die von anderen als Kritikunfaehigkeit bezeichnet wird und sich durch Abwehr kundtut,  die ’sensorieren‘ veraendert und beeintraechtigt.

Tatsaechlich wirksam zeigte sich aber das Lucy-Syndrom: Eine Erfindung von Charles Schulz fuer den Kreis seiner „Peanuts“ . Sie sagt anderen stets ganz unverbluemt, was sie zu tun haben und weist sie auf ihre Charakterfehler hin. Sie hat immer recht und sie ist der Typus des ‚ungeselligen Menschen‘, den Kant bei seiner Kritik der reinen Vernunft im Auge hatte: Denn sie geht davon aus, dass sie andere eigentlich nicht braucht. Wozu auch? Vernunft hat sie selber und die ausschlieszlich braucht sie nach Auskunft vieler, vieler Philosophengenerationen, um richtig zu ‚handeln‘. Insofern ist Lucy eine aufgeklaerte Frau, die daran arbeitet, alles und jeden in den Griff zu kriegen.

Ich finde, Lucy macht deutlich, wohin Aufklaerung durch Vernunft fuehrt.

Hinsehen ist nicht gleich ‚hinsehen‘



Wenn physistisch gepraegte Philosophen darauf hinweisen, dass ‚hinsehen‘ das A und O ihres ‚philosophieren‘ sei, dann wird ihnen von Metaphysikern (= Philosophen, die Bewusstsein fuer eine Wirklichkeit halten) entgegengehalten: „Das ist nichts Neues, das tun wir alle!“

Mir faellt dazu der blinde Fleck im Auge jedes Menschen ein, den meines Wissens bisher noch nie jemand gesehen hat, auszer er sieht so hin, wie Fachleute dies tun. Mir faellt weiter die altbekannte Frage ein: Wie kommt es, dass Du das Staubkorn im Auge eines anderen siehst, nicht aber den Splitter in Deinem eigenen?
Oder auch die volkstuemliche Feststellung, dass jemand ein Brett vor dem Kopf habe, weil er etwas nicht begreift. Aus physistisch gepraegter Sicht duerfte ’sensorieren‘ – das neurobiologische Funktionsprinzip fuer ‚hinsehen‘ – mit all diesen Phaenomenen zu tun haben.

Welche Rolle spielt ’sensorieren‘?

Ihre Auspraegung duerfte vermutlich von der genetischen Ausstattung und von der Funktionalitaet der Sensoren abhaengen. Ueber die genetische Ausstattung moechte ich mich an dieser Stelle nicht weiter auslassen, weil Menschen darauf zur Zeit noch keinen Einfluss haben. Doch Einfluss haben Menschen auf die Funktionalitaet der Sensoren. Diese scheint von ‚entscheiden‘ abhaengig zu sein. ‚entscheiden‘ haengt aus physistisch gepraegter Sicht mit dem zusammen, was Benjamin Libet und nach ihm Gerhard Roth und andere als „Bereitschaftspotential“ (vgl. Benjamin Libet: Mind Time. Frankfurt am Main (Suhrkamp) 2007, S. 160. Zusammenfassung) gemessen haben, kurz bevor der bewusste Impuls fuer eine bestimmte Handlung erfolgte. Der Auffassung Gerhard Roths, dies sei das Ende der menschlichen Freiheit, moechte ich mich nicht anschlieszen (vgl. Koerpervernunft)

Ich schlussfolgere aus den Libet-Experimenten und anderen Forschungsergebnissen zur Funktionsweise von Sensoren (Neuronen einschlieszlich) – wie sie u.a. das Frankfurter Max-Planck-Institut und das Ulmer Transferzentrum fuer Neurowissenschaften und Lernen  (ZNL) veroeffentlichen -, dass  „Bereitschaftspotential“ etwas sein duerfte, was ein Sensor bzw. ein Netzwerk von Sensoren erzeugt, nachdem etwas sensoriert wurde. Ohne dieses „Bereitschaftspotential“ scheint keine Wirkung feststellbar. Es gibt das Phaenomen ‚eingeschlafener Gliedmaszen‘, mit dem ein bestimmtes, unangenehmes Empfinden beschrieben wird und Sensorierbares nur sehr diffus bemerkt wird. Auch lokale Betaeubungen koennen Vergleichbares erleben lassen. Gelaehmte Koerperteile koennen nicht bewegt werden. Wachkomapatienten sind fast vollstaendig bewegungsunfaehig. Diese Phaenomene haben u.a. mit dem Verlust der Sensitivitaet von Sensoren zu tun, die eine Voraussetzung fuer die Moeglichkeit sein duerfte, „Bereitschaftspotential“ aufzubauen und periphere bzw. vegetative Wirkungen zu produzieren.

Ich denke, man kann verallgemeinernd sagen, dass Menschen ’sensorieren‘ fuer ihre koerperliche Gesundheit und ‚handeln‘ brauchen.

Derartige humanbiologische Bezuege werden vom Mainstream der Philosophie weder hergestellt noch im Hinblick auf ‚handeln‘ diskutiert. Mir kommt es oft so vor, als glaubte man, mit der Philosophie des Geistes (eine andere Bezeichnung fuer Metaphysik), bzw. der Theoretischen Philosophie autark zu sein und sich unbekuemmert auf traditionellen Schauplaetzen tummeln zu koennen. Behauptungen wie die Humanbiologie und die Metaphysik seien auf ganz unterschiedlichen Ebenen taetig, bzw. die Metaphysik befasse sich mit Gegenstaenden, die der Humanbiologie eben nicht zugaenglich seien, duerften vor allem dem Selbsterhalt dienen. Dabei wird m.E. ausgeklammert, dass seit Jahrhunderten eine einvernehmliche und nachvollziehbare Antwort auf Fragen nach den metaphysischen Gegenstaenden aussteht.

Wie kommt es, dass Metaphysiker an ihren Sichtweisen festhalten?

Metaphysik, bzw. deren Wissen, auch Erkenntnis genannt wird, bezeichnet eine traditionelle philosophische Weltsicht, die durch das begruendet wird, was wiederum andere rueckwaerts gerichtete Philosophen andachten und umdachten. Dies duerfte – weil Universitaeten in der Regel Philosophie im Kontext der Rueckwaertsgewandtheit lehren, anstatt Studenten zum ‚philosophieren‘ lernen anzuregen – zu einem beruflichen Profil und Blick fuehren, das ‚hinsehen‘ auf Gegenwaertiges zumindest beeintraechtigen duerfte. Rorty’s Ruf, Implikationen philosophischer Probleme zu erforschen, scheint ungehoert geblieben zu sein. Selbst wenn andere Woerter verwendet und der natuerliche Kosmos durch die Welt der Sprache ersetzt werden, bleibt der Anspruch bestehen, mit Abstraktionen erhellende Beitraege zu einem Diskurs der Wissenschaften und Menschen liefern zu koennen. Das Prinzip, nicht zu sehen, was fuer viele andere offensichtbar ist, scheint die Metaphysik zu regieren. David Hume hat ein anderes wichtiges Prinzip menschlicher Natur entdeckt, dass sich mir an dieser Stelle nahe legt: Die Gewohnheit fuehrt Menschen durch ihr Leben. Die jahrhundertealte Gewohnheit Philosophie als Metaphysik aufzufassen, duerfte den Mainstream der Philosophie mehr beeinflussen, als ihren Vertretern lieb und vor allem bekannt sein duerfte. Möglicherweise könnte sie diese Gewohnheit veranlasst haben,  zum Philosophen der „Gewohnheit“ auf Distanz zu gehen.

Selbst im Rahmen der Neurophilosophie – wie Thomas Metzinger und andere sie auffassen – wird ganz selbstverstaendlich davon ausgegangen, dass hinter bestimmten Phaenomenen Geist stehe. Das Phaenomen „Bewusstsein“ ist ’nicht biologisch evolviert‘ und wird daher metaphyischen Denkgewohnheiten folgend mit Substanz belegt, die mit „Wirklichkeit und Innerlichkeit“ charakterisiert wird. In ’nachgehegelter‘ Weise wird ueber die „Wirklichkeit Bewusstsein“ folgendes metaphysiziert, bzw. mythologisiert: „Der Vorgang des Lebens ist sich seiner selbst bewusst geworden.“ Thomas Metzinger &Thorsten Schmidt: Der Ego-Tunnel. Berliner Taschenbuchverlag 2010, S.31.

Diese implizite Voraussetzung muendet dann im Anschluss an Diskussionen humanbiologischer Experimente in die Feststellung, dass es „verblueffend“ sei zu sehen, „… wie klassische philosophische Gedanken einen Beitrag zu einem tieferen Verstaendnis dessen leisten, … wie man sich die Beziehung zwischen Geist und Gehirn denken kann.“ (ebd. S. 168)

physistisch gepraegtes ‚hinsehen‘ verzichtet auf traditionelle philosophische Sichten

Im Unterschied zu diesem Bemaechtigen des Koerperlichen durch das als ‚geistig‘ markierte Phaenomen „Bewusstsein“ – was m.E. der seit Descartes praktizierten UEberlegenheit der res cogitans (Denken) ueber die res extensa (Koerper), d.h. einer die ganze neuzeitliche Philosophie durchziehende dichotomischen Sichtweise entspricht, beschraenke ich mich auf Sensorierbares. Bezueglich der Phaenomene, die Metzinger erwaehnt, nehme ich keine „Wirklichkeit“ an, weil ich sie nicht beschreiben kann. Beschreibbar ist lediglich Konkretes. Dieser agnostische Aspekt von physistisch-philosophieren scheint mir den Reichtum von ‚hinsehen‘ erst zu ermoeglichen, waehrend die Behauptung einer dahinter liegenden Wirklichkeit zur alt bekannten philosphischen Besserwisserei fuehrt, die wie Kant und seine Nachfolger verdeutlichen koennen, dazu die passenden Systeme liefert.

Konkretes ‚handeln‘ duerfte seine Impulse aus der menschlichen Natur erfahren. Diese koennte gemeinsam auf Offensichtbares hin erforscht werden, wenn Philosophen sich von den Produkten der Altvorderen verabschiedeten und so die rosarote Brille abnaehmen, die ‚hinsehen‘ in den Fokus einer „geistigen Innerlichkeit“ ruecken, die die abendlaendische Philosophie sei Augustin Thagaste praegt.

‚philosophieren‘ heiszt, eigene Schlussfolgerungen aus ‚hinsehen‘ mit denen anderer allgemein nutzbar zu machen

Ein Philosoph, der ‚hinsehen‘ praktiziert haben duerfte und dafuer aus dem philosophischen Mainstream ausgeschlossen wurde, schrieb mit 23 Jahren: „Ich habe herausgefunden, dass die Philosophie ueber menschliches Handeln seit der Antike mit derselben Unzulaenglichkeit arbeitet wie die Naturwissenschaft. Beide gehen m.E. ausschlieszlich von Hypothesen, d.h. ueberwiegend von Erfindungen aus, anstatt sich auf Sensorierbares und Erforschbares zu beziehen. Jeder Philosoph bemuehte seine Fantasie und errichtet Chimaeren inner- und zwischenmenschlicher Idealitaeten und beglueckender Lebenskonzepte, ohne die menschliche Natur mit einzubeziehen, von der – aus meiner Sicht – jede philosophische Schlussfolgerung ueber gesellschaftsweit praktizierte Mitmenschlichkeit ausgehen muesste. Deshalb moechte ich vor allem Sensorierbares und Erforschbares studieren und dieses als Quelle von Kenntnissen fuer humane Wissenschaften verwenden. Ich halte es inzwischen fuer eine Tatsache, dass die meisten verstorbenen Philosophen Opfer ihrer eigenen spekulativen Faehigkeiten geworden sind. Auszerdem bin ich sicher, dass man nicht viel mehr tun muss, um zu verwertbaren Ergebnissen zu kommen, als alle die alten Spekulationen zugunsten der eigenen Schlussfolgerungen oder der anderer wegzuwerfen. Davon duerfte es letztlich abhaengen, ob meine Ueberlegungen fuer zutreffend gehalten werden oder nicht.“ David Humes Brief an einen Arzt. Verfasst 1734, veroeffentlicht von John Hill Burton: Life and Correspondance of David Hume. Edinburgh 1846. Band I. S. 30 – 39.

‚handeln‘ – einige Anmerkungen


‚hinsehen‘ und ‚herausfinden‘ als Ausgangspunkt

Meine Sichtweise auf ‚handeln‘ ist inzwischen durch ‚hinsehen‘ gepraegt. D.h. ich gehe davon aus, was m.E. jeder andere auch sehen kann, wenn er moechte. Wenn ich von Beobachtungen spreche, handelt es sich um Auswertungen meines ‚hinsehen‘, die ich auch als Schlussfolgerungen bzw. Spekulationen bezeichnen kann, um zu verdeutlichen, dass diese sich erst einmal nur für mich als zutreffend erweisen koennen. Es gibt m.E. keinen neutralen Standpunkt bzw. kein apriorisches Wissen, das sich zur Ueberpruefung meiner Schlussfolgerungen bzw. Spekulationen eignete. ’nachdenken‘ anderer darueber und ‚herausfinden‘, was es damit auf sich haben koennte, schon eher. Fuer alle Einwaende bzw. Kommentare brauche ich von meinen Gespraechspartnern Konkretes, um zu kapieren, wovon sie sprechen – ja, ich bin geradezu versessen darauf und stoere so zum Nachteil des Diskurses die Kreise anderer, die sich dadurch in Frage gestellt fuehlen. Dieses Handicap meines ‚philosophieren‘ duerfte vielen den Zugang zu ‚physistisch philosophieren‘ verwehren.

‚handeln‘ vollzieht sich ‚je nach dem‘ anders auf der Grundlage eines momentanen physischen Zustand

‚handeln‘ geschieht unterschiedlich ausgepraegt und unterschiedlich haeufig und doch als von physischen Zuständen ausgehend. Menschen atmen, gehen, sprechen, verdauen … je nach den Gegebenheiten ihrer augenblicklichen Verfassung und der Situation, auch im Hinblick auf Ziele – sagen sie. Dieses laesst sich m.E. auch so zusammenfassen: Der Mensch handelt ‚je nach dem‘ anders und folgt doch momentanen physischen Zustaenden bzw. eigenen Plaenen. Dass letztere ‚handeln‘ wirksam steuern, scheint mir unwahrscheinlich. Nach meinen Beobachtungen versagen menschliche Plaene, wenn unbekannte Situationen eintreten. Mein ‚hinsehen‘ ergab bisher: keine Situation gleicht einer anderen. Die Vergleichbarkeit duerfte sich nur aus der ‚Sache‘ ergeben, um die es geht. M.E. genuegt dies fuers erste, die grundsaetzliche Wirksamkeit von ‚planen‘ ausreichend fraglich erscheinen zu lassen. ‚handeln‘ duerfte also – ohne die behauptete Wirksamkeit bewusster Plaene – das jeweilige momentane Ergebnis, die Entscheidung aller koerperlichen Funktionen einschliesslich aller neurophysiologischen Aktivitaeten sein. Hinweise auf geistige und seelische Funktionen halte ich fuer traditionelle, metaphysische Erklaerungsmodelle. Sie entbehren jeder konkreten Grundlage und scheinen so untauglich fuer ‚physistisch philosophieren‘. Physistik verwendet gleichfalls Erklaerungsmodelle, die sich von anderen dadurch unterscheiden, dass sie ueberpruefbar sind.

Traditionelle Theorien und Systeme ignorieren Merkmale von ‚handeln‘

Das Sowohl-als-auch von ununterbrochenen Veraenderungen und momentanen physischen Zuständen des ‚handeln‘ ist mit systematisch-theoretischen Mitteln nicht zu fassen, denn Systematisches braucht feste Bezugspunkte, die pragmatisch m.E. nicht gegeben sein koennen. Welche Situation, welche augenblickliche Verfassung wiederholt sich? Trotzdem entwerfen Wissenschaftler Handlungstheorien und Philosophen Systeme fuer Ethiken und Moral und fordern andere auf, diese Erfindungen umzusetzen. Als Spezialisten fuer Systeme des Menschlichen koennen Philosophen und Psychologen gelten, die sich dazu heute zunehmend selbstverstaendlicher auf neurobiologische Ergebnisse stuetzen. Sie gehen dabei ferner von Annahmen wie ‚Geist‘, ‚Bewusstsein‘, ‚Ich‘, ‚Wollen‘, ‚Vernunft‘, … aus, die sich aus physistischer Sicht bisher als unueberpruefbare Denkfiguren erwiesen haben. Ich moechte deren Gebrauch daher niemandem streitig machen, moechte sie aber dem Bereich der Metaphysik zuordnen und aus ‚Eigentliche Philosophie‘ ausklammern. Sowohl der metaphysische Rahmen als auch die innerhalb der Metaphysik aufeinander bezogenen Denkfiguren und Bezeichnungen haben quasi religioesen Glaubenscharakter und stehen fuer deren Vertreter in der Regel nicht zur Disposition. Im Diskurs erweisen sich der Rahmen ‚Metaphysik‘ und ‚Metaphyzismen‘ als ‚ergebnisabschließend‘ (‚das ist so‘) und daher kontraproduktiv.

Skepsis wird als Instrument von ‚handeln‘ vom Mainstream der Philosophie ausgegrenzt

Innerhalb der Philosophie scheint ‚hinsehen‘ bzw. Skepsis als fragwuerdige bzw. unbrauchbare Qualitaet des Philosophierens zu gelten. Religioes-glaeubige Philosophen des ausgehenden 17. Jahrhunderts  sahen in der Skepsis neben dem Atheismus einen Hauptfeind der Religion und wahren Philosophie, also eine Gefahr für deren Wahrheit und Wahrheiten. Die Feindseligkeit glaeubiger Weltbilder gegenueber der Skepsis aeussert sich noch heute in der ueblichen, die Sache verkürzende  Gleichsetzung von Skepsis und Zweifel (u.a. bei Wikipedia). Das Herkunftswoerterbuch von Duden gibt die seit dem spaeten 17. Jahrhundert in Gelehrtenkreisen gebraeuchliche Bedeutung deshalb auch mit „Zweifel und Bedenken“ wieder. Die urspruengliche Bedeutung „Betrachtung, Untersuchung, Pruefung“ ist im Alltag und in den Menschenwissenschaften aus der Mode gekommen. Philosophen scheinen dies auch entgegen philosophiehistorischer Forschungen zu uebersehen. Meiners Enzyklopaedie der Philosophie aber nennt Skepsis als Bezeichnung fuer die ‚eigentliche Philosophie‘.

’sich in Frage stellen lassen‘

Geschichtlich gewachsenen Feindbildern ist diskursiv nicht beizukommen. Dazu braucht es Menschen, die bereit sind, sich im Diskurs in Frage stellen zu lassen. ‚physistisch philosophieren‘ ist ein Angebot an solche Menschen.

‚handeln‘ kann dieses Sich-in-Frage-stellen hervorrufen. Menschen handeln ‚je nach dem‘, d.h. situativ. Sie handeln auch nach Mustern: „Ich handle immer so …“ Wenn es zutrifft, dass ‚handeln‘ von der jeweiligen Verfassung und der Situation abhaengt, dann duerfte dies in unserer Kultur die tradierte Befuerchtung hervorrufen, es werde hier die menschliche Freiheit verneint und unverzichtbare Werte aufgegeben. Diese Befuerchtung ist menschlich. Menschen waehnen sich durch Gewohntes in Sicherheit und in greifbarer Naehe zu ewigen Dingen. Kants Entwurf einer transzendentalen Philosophie ist m.E. ein Beispiel dafuer. Seine Abstrakta entsprechen den Kriterien des Gewohnten.

Dichotomische Sichten vermischen ‚handeln‘ mit unbrauchbaren Spekulationen

Die Moeglichkeit menschlicher Entscheidungsfreiheit verneine ich nicht. Ich verneine aber, dass der unueberpruefbaren Denkfigur Ich dieses ‚handeln‘ zugeschrieben werden koenne. ‚Ich‘ und alle weiteren Metaphyzismen sind m.E. Produkte eines dichotomischen Philosophierens, das den Menschen geteilt in Koerper|Geist auffasst. Im Laufe der Entstehung unserer Kultur haben sich aus dieser Vorstellung heraus  Prinzipien zur Bewertung von Handeln eingebuergert, die uns heute unnoetigerweise einschränken und so den Blick auf moegliche andere Prinzipien verwehren. Das Produkt Koerper|Geist taugt heute m.E. nicht mehr, weil es so aussieht, dass immer mehr Menschen von ihrer individuellen Verfassung und ihren konkreten eigenen Gegebenheiten ausgehen moechten, um herauszufinden, wie sie wirksam handeln bzw. ihre Wirksamkeit verbessern koennen. Menschen moechten sich an Vorstellungen orientieren, die zu ihrem Leben und nicht zu Theorien anderer passen. Sich an diesen Orientierungen anregend und redlich zu beteiligen halte ich fuer ein menschlich lohnendes, philosophisches Betaetigungsfeld.

Theorien im wissenschaftlichen Diskurs


Ein Beitrag zur wissenschaftlichen Grundlagenforschung.

Ich gehe davon aus, dass der Mensch nur das denken kann, was seine physische Organisation – zu denen seine Sensoren gehoeren – ihm zur Verfuegung stellt. Diesen Gedanken stellte ich vor kurzem in einer interdisziplinaeren, universitaeren AG zum Diskurs. Dieser Gedanke sei trivial, niemand gehe davon aus, dass es anders sei, schallte mir entgegen. Die Antwort verblueffte mich. Ich stolpere naemlich seit Jahren darueber, dass Wissenschaftler von Theorien ausgehen, anstatt von dem, was wir sensorieren koennen.


Neurobiologie und Neuropsychologie

Ein Beispiel kann illustrieren, wie ich ins Stolpern komme.

„Das Interesse an den neurobiologischen bzw. neuropsychologischen Vorgaengen, die menschlichen Lern- und Entwicklungsprozessen zugrunde liegen, hat sich in den letzten Jahren zusehends gesteigert. … In zunehmendem Masse gerieten die Grundlagen der menschlichen Persoenlichkeitsentwicklung, der Handlungsplanung, der Ich-Funktionen oder der zwischenmenschlichen Kommunikation in den Blick, also das, was man als wesentliche Bereiche der menschlichen ‚Psyche‘ zu bezeichnen geneigt waere.“ [Guenter Schiepek (Hg.): Neurobiologie der Psychotherapie. (u.a. mit Beitraegen von Gerhard Roth, Manfred Spitzer, Manfred Lambertz, Volker Perlitz, Kai Vogeley, Christian Schubert …) Stuttgart (Schattauer) 2003,  S. 1.] Auszug bei Google-Buch

Die Psychologie verwendet philosophische Begriffe

Ich stolperte zuerst ueber den Terminus  „Interesse an den neurobiologischen bzw. neuropsychologischen Vorgaengen“. Mir ist bekannt, dass es mindestens seit dem 17. Jahrhundert ueblich ist, Gehirn und Psyche wissenschaftlich zu korrelieren. U.a. hat auch die Idee „Aether“ die wissenschaftlich-neurobiologische Szene dieser Zeit beherrscht. Man versprach sich eventuell von ihr, den „Begriff“ bzw. das Erklaerungsmodell „Psyche“ konkretisieren zu koennen. In diesem Sinne hat dann Christian Wolff’s Auffassung von Psychologie im 18. Jahrhundert zusammen mit den Forschungsergebnissen von Naturwissenschaftlern wie z.B.   Joseph Priestley , Charles Bonnet und Samuel Thomas Soemmering europaweit psychisches Geschehen im Gehirn verortet. Wissenschaftler des 18. Jahrhunderts gingen davon einvernehmlich aus, wie u.a. Soemmerring in einem Brief an Kant erwaehnte.

Die dichotomische Theorie dahinter

Auch folgendes steckt m.E. hinter dem einleitenden Text bei Schiepek. Man moechte  Neurobiologisches und Neuropsychologisches als einander Ebenbuertiges auffassen. Die Annahme, dass Seelisches und Koerperliches sich in praestabilisierter Harmonie befaenden, wie z.B. bei Leibniz nachzulesen, mag die Selbstverstaendlichkeit solch wissenschaftlichen Hantierens zusaetzlich erlaeutern. Die m.E. ausschlaggebende Theorie dahinter aber heisst: Der Mensch besteht aus Koerper und Geist. Oder wie Descartes unterschied: Es gibt „res cogitans“ und „res extensa“. Die „res cogitans“ sei der „res extensa“ ueberlegen, fuehrte er weiter aus und folgte so alten ontologischen Auffassungen. Daraus folgerte er: Denkend erfasse der Mensch seine und jede andere Wirklichkeit, wenn er nach bestimmten Methoden vorgehe. Diese Methoden haben quasi apriorischen Charakter . Derartiges stellte meine oben erwaehnte Annahme, der Mensch kann nur denken, was er sensoriert, auf den Kopf und ich überlegte, wie auf diese Art und Weise sensorieren und denken verbunden sein könnten.

Frag-würdige Überprüfung von Theorien

Das ergab fuer mich die Vermutung, man wende wissenschaftlich bereits seit langem erhobene psychologische Termini und Erklaerungen auf neu entdeckte naturwissenschaftliche Sachverhalte an. Diese Vorgehensweise zieht sich durch jede Wissenschaftsgeschichte. Die dabei möglicherweise intendierte Ueberpruefung von Theorien, indem man sie anwendet, duerfte aber kaum gelingen, solange man sich grundlegenden Fragenstellungen an die eigene Theoriebildung entzieht, wie z.B. der folgenden:  Es soll naemlich „… hier davon ausgegangen werden, dass eine … Bezugnahme von geistigen Phaenomenen auf Hirnprozesse prinzipiell moeglich ist, …“ (Schiepek, 424)  Solche selbstverstaendlich verwendeten Voraussetzungen veranlassen mich stets zu grosser Distanz gegenueber dem, was dann als „wissenschaftliche Erkenntnisse“ praesentiert wird. Es war in diesem Fall z.B. voellig unklar, was der Terminus ‚geistige Phaenomene‘ bezeichnen soll. D.h. es wurde eine weitere Denkgewohnheit unhinterfragt verwendet. Diese Denkgewohnheit implizierten u.a. Mitbedeutungen wie: Geist sei etwas und habe die Macht oder Kraft auf unseren Koerper zu wirken.

Der selbstverständliche Gebrauch von Denkgewohnheiten wirkt verhängnisvoll

Hume hatte dieses „Wissen“ im 18. Jahrhundert m.E. durch Hinsehen auf die Dinge gruendlich in Frage gestellt.  Die Mehrzahl der Wissenschaftler zeigte sich seit Jahrhunderten unbeeindruckt von seinen Anregungen. Mir faellt es leicht zu Humeschen Beschreibungen ja zu sagen. Ich habe aus eigenem Erleben die Wirksamkeit selbstverstaendlich gueltiger Denkgewohnheiten und Auffassungen kennen gelernt. Ich bin ueber ihre negativen Folgen fuer mein Handeln nachdenklich geworden. Deshalb unterstelle ich Wissenschaftlern versuchsweise, dass sie das gleiche Verhaengnis wie ich erleiden. Sie leiden moeglicherweise an der platonisch-aristotelischen Krankheit, Dichtungen fuer Konkretes zu halten und sind unermuedlich auf der Suche nach Anzeichen dafuer, dass ihre in diesem Kontext erfundenen Theorien „wahr“ sind.

Wie weitreichend die Auswirkungen solcher Vorgehensweisen sind, liess sich fuer mich am zweiten Teil des Eingangszitates erahnen: „In zunehmendem Masse gerieten die Grundlagen der menschlichen Persoenlichkeitsentwicklung, der Handlungsplanung, der Ich-Funktionen oder der zwischenmenschlichen Kommunikation in den Blick, also das, was man als wesentliche Bereiche der menschlichen ‚Psyche‘ zu bezeichnen geneigt waere.“ Hier sollen komplette psychologische Forschungsbereiche im Verein mit voellig unterschiedlichen Auffassungen ueber „Persoenlichkeit, Handeln, Ich und Kommunikation“ miteinbezogen und mit neurobiologischen Grundlagen ausgestattet werden. Ich fragte mich, ob der Herausgeber sich nicht doch etwas viel vorgenommen hat. Koennte es sein, dass unerforschte Voraussetzungen zur Omnipotenz verleiten? Konkrete Beispiele fuer derartige Vermutungen kenne ich.

Neurobiologisch gestützte Spekulationen statt ‚hinsehen‘ auf die Dinge

Ich interpretierte diesen Ansatz schliesslich als Hinweis darauf, dass man daran interessiert sei, das Gespraech ueber neurobiologische Forschungsergebnisse nicht zu versaeumen, ohne sich ueber die eigenen Voraussetzungen Gedanken zu machen. Anders gesagt, ich hatte den Eindruck, man moechte bisher geuebte Theorien beibehalten und sie auf neurobiologische Forschungen stuetzen koennen. Aehnliches schien ein Mitautor des Schiepek-Bandes,  Kai Vogeley anzunehmen, wenn er von „neurobiologisch gestuetzten Spekulationen“ spricht. (Vgl. Kai Vogeley: Selbstbewusstsein, soziale Kognition und Hirnruhezustand . Aus einer Online-Veroeffentlichung der Arbeitsgruppe „Signsofidenty“ der Philosophischen Fakultaet der Leibniz Universitaet Hannover.)

Die Fragwuerdigkeit eigener Grundlagen wird ignoriert

Daraus folgerte ich, in dem vorliegenden Band wurden Theorien vor das Hinsehen gesetzt und so neu Sensorierbares gewohnheitsmaessig interpretiert. Das entsprach nicht meiner Sicht auf den Zusammenhang zwischen ’sensorieren‘ und ‚denken‘. Ich lasse Sensoriertes von meiner physischen Organisation verarbeiten und warte ab, welche Worte mir dazu einfallen. Marginalisiert wird dabei ausserdem, dass man innerhalb der Psychologie laengst bemerkt hat, dass Selbstverstaendlichkeiten sich aufloesen: „In den Kulturwissenschaften, in der Soziologie und der Psychologie ist fraglich geworden, inwieweit … und in welcher Form Begriffe wie „Subjekt“, „Person“, „Ich“, „Selbst“, die zum Grundbestand alteuropaeischer Denktradition gehoeren (Luhmann), … der Dekonstruktion standhalten koennen.“ Ebd.

Der Konsens – so fiel mir dazu ein -, den Augustin von Thagaste mit Freunden und Verwandten Ende des 4. Jahrhunderts in der Naehe von Rom herstellen konnte, dass der Mensch aus Geist und Koerper bestehe, ist schon seit laengerem nicht mehr unser Konsens.

Folgen: unzutreffende Schlussfolgerungen

Theorien über Menschliches gehen implizit immer noch davon aus.  So kommt es im Fall der „Neurobiologie der Psychotherapie“ zu weitreichenden, aber aus meiner Sicht sehr irrtumsträchtigen Aussagen, weil der Sachverhalt nicht beobachtbar ist: „Zumindest kann die Neurobiologie heute in groben Zuegen angeben, ‚wie das Gehirn die Seele macht‘.“ (Ebd. S. 41.) Mir fiel dazu ein Gespraech mit meinem Schwager ein, der als Physiker auf neurobiologischen Terrain forscht. Er sah ausgehend von der Sache keinerlei Moeglichkeiten derartige Aussagen machen zu koennen. Die experimentellen Settings zu diesem Thema verbinden nichts weiter als Aussagen der Probanden mit ihren Messergebnissen. (Vgl. Benjamin Libet : Mind Time. Frankfurt am Main (Suhrkamp TB) 2007, S.34ff. ) Derartige Schlussfolgerungen verbunden mit folgender verschlagen mir die Sprache. „Die Ergebnisse der Hirnforschung sowie der entsprechenden medizinischen Disziplinen machen plausibel, dass es sich bei der Beziehung zwischen mentalen Zustaenden und Hirnprozessen um eine sehr enge Korrelation handelt.“ (Schiepek, 424) Das wunderte mich nicht, denn man war ja bereits davon ausgegangen, dass diese Beziehung moeglich sei. Es verstärkte meine Idee, dass die wissenschaftshistorische Erforschung des Bezuges von Theorien zu Konkretem sehr wichtig sein dürfte.

Ich moechte anfuegen, dass auch ich ohne Theorie nicht handeln und forschen kann. Ich nenne das, wovon ich denkend und handelnd im Hinblick auf mein ’sensorieren‘ ausgehe, dank eines gruendlich ueberlegten Vorschlages von Rolf Reinhold, Annahmen – kleine Wolken. Sie haben den Vorteil, dass ich sie stets auf Konkretes beziehen und daher auch leicht korrigieren kann.

Man sieht, was man sieht und sieht nicht, was man nicht sieht.

Komplexe Theorien wie im Eingangszitat erwaehnt, die weitere wie „Ich“, „Bewusstsein“, „Geist“, „Seele“, „Subjekt“, „Objekt“ implizieren, scheinen infolge ihrer jahrhundertelangen Tradition des selbstverstaendlichen Gebrauches den Anschein von Fachwissen zu erwecken. Die Gewohnheit, Voraussetzungen im Sinne von Wissen anzuwenden, fuehrt vermutlich dazu, zu behaupten: Wir gehen alle denkend nur von dem aus, was wir sensorieren.

„Man kann doch sehen, dass die eine Billiardkugel die Ursache dafuer ist, dass die andere sich in Bewegung setzt!“, wurde Hume – und wird jedem der dies demonstriert – gegen seine auf ’sensorieren‘ bezogene skeptische Auffassung zum Dogma der Kausalitaet entgegengehalten. Was wir sehen, so antwortete Hume, ist, dass ein Ereignis dem anderen folgt. Rolf Reinhold wuerde ergaenzen, insofern ist das erste Ereignis die Ur-Sache. Hume resuemierte weiter, wir finden nichts an  einem erstmaligen Ereignis, das uns veranlassen koennte, konkrete Wirkungen verlaesslich vorauszusagen. Erst wenn wir wiederholt erlebt haben, dass einem bestimmten Ereignis immer wieder ein weiteres aehnliches Ereignis folgt, sagen wir: Wir sehen, dass das erste das zweite bewirkt. Hume fiel nichts Plausibleres ein, als dies Gewohnheit zu nennen, wobei er einraeumte, nicht zu wissen, wie es dazu kaeme. Derartige erworbene Sehgewohnheiten beherrschen als Erwartungen unser menschliches Denken und Handeln ueberall. Menschen neigen dazu, ihre Erwartungen bestätigt zu sehen. Darin duerften auch Wissenschaftler keine Ausnahme machen.

Fragwürdige Sicherheiten aufgeben

Wir sollten Sehgewohnheiten verlassen koennen, wenn wir interdisziplinaer weiter kommen moechten. Ich moechte aber warnen: Dabei koennte sich folgendes ergeben: „Die wahrgenommene qualitative Verschiedenheit der sich in der psychischen und der neuronalen Dimension manifestierenden Phaenomene liegt … an der unterschiedlichen Repraesentation ein und desselben Geschehens im Bewusstsein des Betrachters.“ (Mike Luedmann: Schizophrenie im Angesicht des Leib-Seele-Problems. Journal fuer Philosophie & Psychiatrie, Jg. 2 , 2009, Ausgabe 1.) Fachwissenschaftler duerften diesen Vorgang als schmerzliche Dekonstruktion eigenen Wissens erleben. Wenn ferner entsprechende Forschungsprogramme durchaus relevante Ergebnisse fuer die psychologische Praxis ergeben, auch „… wenn eine reduktive Erklaerung mentaler Phaenomene scheitert. …“, duerfte dies weitreichende Folgen fuer die jeweilige Wissenschaft haben. (Vgl. Guenter Schiepek: Die neuronale Selbstorganisation des Selbst.Ein Beitrag zum Verhaeltnis von neuronalen und mentalen Prozessen aus Sicht der Synergetik* (*Wissenschaft der Selbstorganisation)PDF-Datei.

Physistik statt Metaphysik

Traditionelle Sehgewohnheiten zu merken, scheint mir daher ein nuetzlicher Beitrag für den interdisziplinaeren Diskurs. Rolf Reinhold’s Idee Dinge zu beschreiben, die wir gemeinsam aspektualisieren können, koennte dazu beitragen unsere Basisannahmen nicht nur denkend gegenwaertig und so revidierbar zu halten, sondern sie auch so ueberschaubar wie nur moeglich zu halten.

Bedeutung und Sprache



Ein Wort, 10 gaengige Bedeutungen und 189 Synonyme:
Anmerkungen und Behauptungen zu sprachphilosophischen Konzepten

Die einen glauben an die Theorie vom Nuernberger Trichter …
Es gibt eine schon jahrtausende lang waehrende Meinungsverschiedenheit in der abendlaendischen Philosophie. Die einen – wie z.B. Wittgenstein und Peter Bieri – scheinen Woerter für eine Art Gefaeße anzusehen, die etwas be-inhalten, z.B. Ideen, Wesen, Kontexte. Ihre Sprachspiele kommen deshalb auch mit dem Gestus des Wissenden daher. Manche erklaeren dazu noch, dass dieser Inhalt abstrahiert werden könne oder einer irgendwie gearteten Erleuchtung als Anregung diene. Heute scheint ‚Bedeutung‘ für Philosophen wie Ernst Tugendhat in aehnlicher Weise der Inhalt von Woertern sein zu sollen, die sich auf irgendeine Weise Menschen mitteile. Wittgenstein erklaerte letzteres nach Auskunft eines Blognachbars indem er an das Bild vom Nuernberger Trichter anknuepfte.

… die anderen behaupten aus ‚hinsehen‘ …
Andere – so wie ich – scheinen davon auszugehen, dass Woerter Klang bzw. Geraeusche darstellen, die jeder einzelne mit eigenen Vorstellungen assoziiert. Wie es kommt, dass Menschen eine gemeinsame Sprache benutzen, bringt sie in Erklaerungsnot, die sie aber als marginal betrachten. Sie halten Erklaerungen ohnehin für fluechtig. Sie raeumen lieber ein, nicht zu wissen, wie Menschen dieses Kunststueck fertig bringen. Doch sie sehen, wie Kinder sprechen lernen. Sie kennen Sprachgebrauch in unterschiedlichen Situationen und zu unterschiedlichen Gelegenheiten. Daraus koennen sie für sich Schlussfolgerungen ziehen und sie anderen mitteilen. Sie gehen davon aus, dass der Gebrauch bestimmter Wörter für etwas Bestimmtes handelnd entsteht, sich veraendert und wieder in Vergessenheit geraet. Menschen, die dieser Meinung sind, sehen Woerter als mehr oder weniger brauchbar für den eigenen Gebrauch bzw. für Kommunikation an. Es gibt jeweils nachvollziehbare Gruende letzterer oder der ersten Meinung zu sein. Für welche man sich entscheidet, wird m.E. nicht durch den scheinbar argumentativen Wert, d.h. die Sprache  einer Theorie bewirkt.

Woerter bewirken keine Bedeutung …
Ich moechte keine Argumente sammeln, weil Argumente nur Woerter sind. Ich denke, dass ich die Fantasie haette Konstellationen zu erfinden, die meine Meinung ueberzeugender darstellte. Doch diese Wort-Kontext-Erfindungen haben m.E. noch nie Menschen mit jeweils anderer Auffassung in der Sache einander naeher gebracht. Ich beschraenke mich aufs Beschreiben dessen, was ich denke und wie ich dazu komme. ‚Naive Realistin‘ hat mich vor kurzem jemand genannt. Moeglicherweise wird sich das, was nun folgt, naiv realistisch oder unrealistisch oder philosophisch unprofessionell lesen lassen koennen.

Ich gehe von dem aus, was ich wahrnehmen kann. Gesprochenes betrachte ich als Schallereignisse. Das merke ich z.B. dann, wenn ich im tuerkischen Restaurant sitze und die einzige Deutsche weit und breit bin. Ich hoere lediglich Geraeusche, Laute … In deutscher Sprache erlebe ich Vergleichbares, falls ich eine Tagung promovierter Informatiker besuchte und einfach nicht herausfinden kann, wovon die reden. Lese ich ein Fachbuch über computergestütztes Graphikdesign, geht es mir nicht viel anders. … Auch mit vielen philosophischen Texten erlebe ich ähnliches: Ich weiß einfach nicht, wovon die Leute reden, obwohl sie Woerter verwenden, die auch ich verwende. Menschen anderer Sprachen scheint dies auch so zu gehen. „Ich weiß auch oft nicht, wovon meine Landsleute so reden.“, meinte vor einiger Zeit eine junge polnische Studentin.

Woerter bezeichnen sich gegenseitig
Wenn Menschen über Bedeutung von Woertern reden, hole ich meine Duden, die unterschiedlich gebraeuchliche Bedeutungen von Woertern in Gegenwart und Vergangenheit zusammen gestellt anbieten. Dieser Reichtum meiner Sprache freut mich. Das Internet kann diese Freude noch um einiges steigern. Für „empfinden“ z.B. gibt es 10 gaengige Bedeutungen und 189 Synonyme. Toll!

Wort und Sache hängen nicht automatisch zusammen
Die Hundegeschichte von Magnus beschreibt, dass zwei Menschen unterschiedliche Woerter für eine Fellfarbe verwenden. Dass sie das Tier mit dem Wort ‚Hund‘ bezeichnen, scheint außer Frage zu stehen. Doch das Wort ‚Hund‘ kann ins Gerede kommen. Als ich zum ersten Mal einen Rehpinscher sah, fragte ich den Besitzer: „Das soll ein Hund sein?“ Da er dies bejahte, bezeichnete ich von da an auch diese Art Lebewesen mit dem Wort ‚Hund‘. Aehnlich ging es mir mit der ersten ‚Nacktkatze‘. Ein Schreiner in den Schweizer Bergen erfindet und baut saeulenförmige Schraenke und andere Ungewoehnlichkeiten. Meine Großmutter haette sich amuesiert an den Kopf gefasst.

Im Fall von Farben ist es extrem schwierig, sich auf einen gemeinsamen Wortgebrauch zu verständigen. Im Unterschied bspw. zu Tönen, sind Farben aus verschiedenen Anteilen zusammengesetzt. Diese Vielfalt macht erinnern an die gleiche Farbe schwierig und gelingt meist nur mit taeglicher Übung. Ein anderer deutlicher Unterschied ist u.a., dass Farben kontextabhaengig wahrgenommen werden. Es gibt Experimente die zeigen, dass Menschen Farben assoziativ zuordnen und behaupten eine ganz bestimmte Farbe zu sehen, auch wenn die Lichtwellen andere Werte ergeben. Forscher wollen sogar Anhaltspunkte dafuer entdeckt haben, dass Frauen im Rot-Spektrum differenzierter wahrnehmen koennen als Maenner. Andere Experimente ließen die Schlussfolgerung zu, dass bei depressiven Menschen die Nervenzellen in der Netzhaut schwaecher auf Kontraste reagieren.

Informationen, um daraus Erklärungsmodelle zu stricken, lassen sich finden. Das Verbindende dieser Informationen scheint mir die Idee des Protagoras: „Für mich sind die Dinge so, wie sie mir erscheinen und für Dich so, wie sie Dir erscheinen.“

Ein „Durchschnittsmensch“ bringt es ungefaehr auf 20 unterschiedliche Bezeichnungen. Ein Kunstmaler, ein Dekorateur kann 100 – 200 unterschiedliche Farben bezeichnen. Die großen Farbhersteller und –vertreiber muessen sich mit zahlreichen, umfangreichen Farbtafeln behelfen, um zu „wissen“ welche Farben sie im Sortiment haben und wie sie hergestellt werden koennen. Jeder der renoviert oder sich einrichtet, kennt diese Farbfächer, mit deren Hilfe wir uns über bestimmte Farben verständigen und dabei Wörter, Bilder und Ziffern als Bezeichnungen verwenden.

Mir gelingt es daher nicht, Woerter zu Bedeutungstraegern zu machen.

Unsere Koerpersinne, d.h. unsere sensorische Organisation funktionieren gemaeß ihrer Natur
Jeder kann sich auf seine Sinne entsprechend deren Funktionsweise verlassen, daran braucht man m.E. nicht zu ruetteln, wenn man unterschiedliche Bezeichnungen für Dinge, Ereignisse, Verhalten … verwendet. Im Fall der Hundefellfarbe behauptet jeder, er habe Recht.  Aber auch der umgekehrte Fall scheint mir die Regel: Menschen assoziieren Unterschiedliches bei gleichen Woertern. Wenn jemand Schule sagt, habe ich meine erste Schule vor Augen. Wenn jemand Tisch sagt, erinnere ich mich an den Tisch meiner Eltern, der meine ganze Kindheit begleitet hat. Wenn jemand Hund sagt, denke ich an einen eigenwilligen, schwarzbraunen Chow-Chow-Rueden oder den Bernhardiner meines Nachbarn. Und manchmal koennen es ganz andere Bilder sein, die ich mit diesen Woertern verbinde.

„Das Lehren der Sprache ist hier kein Erklaeren, sondern ein Abrichten.“ (PU 5), …
meinte laut Magnus‘ Artikel Wittgenstein. Moeglicherweise hat er sein Sprechenlernen so erlebt. Die meisten Lehrer und moeglicherweise auch Eltern dürften davon überzeugt sein, dass Kinder lernen „muessen“, wie man Sprache „richtig“ gebraucht und verwirren damit die Kinder. Vor allem diejenigen unter ihnen, die feststellen, dass dieser „richtige“ Sprachgebrauch für sie nur unter Mühen lernbar ist. Einzelne geben auf und schweigen. Kinder experimentieren mit Woertern, das laesst sich erheben. Sie versuchen herauszufinden, wie sie Woerter so gebrauchen koennen, damit sie mit anderen Kindern und Erwachsenen reden koennen.

M.E. geht es in der philosophischen Sprachforschung um Sprachverhalten und damit um Menschliches. Letzteres halte ich für sehr relevant. In der Philosophie zeichnet sich bisher nicht ab, dass man Menschliches besonders wichtig nimmt. Das Wort ‚Bedeutung‘ ist für mich wie jedes andere Wort individuell besetzt und kommunikativ assimiliert. Die individuellen Vorstellung sind nicht sagbar, doch wieder mit Worten erlaeuterbar. Was im Duden steht, das worauf Menschen sich beziehen, wenn sie kommunizieren, koennte als jeweils gemeinschaftlich festgelegtes Ergebnis der Kommunikation betrachtet werden. Kurz gesagt: Etwas, auf das, man sich geeinigt hat.

Die Ethymologie beforscht diese Veränderungen.