Wahles Kritik der Erkenntnis

Seit Locke hat sich ‚Erkenntnistheorie‘ als Disziplin der traditionellen Philosophie etabliert. Dabei geht es um die Frage, was können wir ‚wissen‘ und wie kommen Menschen zu verlässlichen Erkenntnissen. Kant war einer der letzten, der mit einem ausgeklügelten System die Frage im Sinne von ‚Erkenntnis ist möglich‘ beantwortete. Er gab mit seiner ‚Kritik der reinen Vernunft‘, indem er bekannte Begriffe zerlegte und z. T. verändert anwendete, seinen Lesern viele Probleme auf. Zeitgenossen hielten seine Transzendentalphilosophie für eine gelungene Variante der Lösung des Erkenntnisproblems, die wissenschaftlichen Standard im Kreis anderer Wissenschaften beanspruchen konnte. Es gab aber auch eine Reihe von Widersprüchen, die im wesentlichen bemängelten, dass er das unausgesprochen voraussetzte, was er behauptete bewiesen zu haben. In dieser Hinsicht hatte Kant so etwas wie einen „blinden Fleck“. Und viele, die ihm folgten, schienen unter einer vergleichbaren Blindheit zu leiden. 

Als Wahle Ende des 19. Jahrhunderts zu philosophieren begann, war Kant im deutschsprachigen Raum ein anerkannter und viel interpretierter Philosoph. Wahle  behauptete nun, dass die Sehnsucht nach Wissen unerfüllbar sei. Vor allem neurobiologische Ergebnisse aus der Hirn- und Nervenforschung seiner Zeit sprachen aus seiner Sicht dagegen. 

Er distanzierte sich im Hinblick auf ‚Wissen‘ von vertrauten philosophischen Selbstverständlichkeiten. U. a. von Begriffen wie Materie, Subjekt, Geist, Ich, Bewusstsein, von der Behauptung es gäbe ein ‚Innen‘ und ‚Außen‘. Aus seiner Sicht führte dies zu Irrtümern, die die tatsächlichen Sachverhalte verbergen. Der grundlegende, tatsächliche Sachverhalt von dem er ausging, waren die ‚Vorkommnisse unter dem Bestand der Sinne‘. Aus den ‚Vorkommnissen‘ können wir schlussfolgern, dass wir etwas vor uns haben, was als Objekt bezeichnet, jedoch nicht bestimmt werden kann. Erinnerungen von und Phantasien aus ‚Vorkommnissen‘ ergeben keine Kenntnisse, die man als Wissen bezeichnen dürfe.

Statt über ‚Geist‘ sprach er von Psychischem. Psychisches sei wie etwas „Gewordenes, Ernährtes und Wurzelndes“. Eine Art Produkt, das erforschbar ist. ‚Geworden‘ heißt: Das Nervensystem ermöglicht uns von Geburt an zu empfinden, d. h. Vorkommnisse zu erleben. Die frühen Vorkommnisse sind Basis unserer Vorstellungen und bahnen unserer ‚geistigen Entwicklung‘. ‚Ernährtes‘ heißt, unser Nervensystem produziert lebenslang Vorkommnisse, mit denen wir unser Leben gestalten. ‚Wurzelndes‘ : Psychisches ist stets mit dem Nervensystem verbunden. D. h. der Mechanismus unseres Denkens bzw. geistigen Lebens ist physiologisch bedingt. Mechanismus meint die chemischen und physikalischen Prozesse unseres Nervensystems.

Dass ohne unser Nervensystem die Welt so ist, wie wir sie mit ihm wahrnehmen, ist eine unbegründete Annahme. Unsere Wünsche nach Wissen sind also vergeblich, weil wir niemals davon ausgehen können ohne unser Nervensystem zu leben. Dies gilt auch für die Verwendung von physikalischen und chemischen Hilfsmitteln: Wir haben stets ‚Vorkommnisse unter dem Bestand der Sinne‘. (Vgl. zum gesamten Abschnitt: Wahle: Über den Mechanismus des geistigen Lebens, S. 34-50)

 

 

Individuelles ueberschreiten I



Kann man die Dinge auch mit den Augen anderer sehen?

Menschen gehen davon aus. Menschen meinen z.B., sich in andere einfuehlen zu koennen: „Ich weisz, was in dir vorgeht.“ Muetter halten sich zu Gute, ihre Kinder zu kennen. Lehrer glauben zu wissen, wie jeder ihrer Schueler am effektivsten lernen. Liebende gehen davon aus, ein Herz und eine Seele zu sein. Auch Wissenschaftler gehen davon aus, den Beweis dafuer erbracht zu haben, dass ein Individuum wissen kann, was ein anderer empfindet: Sie haben die Spiegelneuronen entdeckt.

Menschen, die davon nicht ausgehen, gelten zumindest als soziale Grobiane, werden als gefuehlskalt, … etc. bezeichnet. Manche gehen so weit zu behaupten, dass diesen Menschen eine wichtige menschliche Faehigkeit fehle. Derartige Selbstverstaendlichkeiten und derart Weitreichendes macht es aus meiner Sicht noetig, dem Empathischen, d.h. dem Einfuehlsamen auf den Mund zu schauen: Wovon ist hier die Rede?

Im Wesentlichen duerfte es um Kommunikation gehen.

Ich gehe davon aus, dass Kommunikation mit der Benutzung von Zeichen (Gesten, Mimik, Woerter, Stimmfaerbung, … etc.) zu tun hat, die in Menschen etwas ausloesen. Bereits im Uterus sind Menschen Zeichen der Umgebung ausgesetzt. Worauf diese Zeichen verweisen, lernt der Mensch ueberwiegend extrauterin.

Mit ungefaehr einem Jahr beginnen Menschen Woertern etwas Bestimmtes zuzuordnen. Sie fangen an zu sprechen. Mit durchschnittlich 5/6 Jahren ist das Bestimmte, auf das ein Wort hinweist, im Bereich des Konkreten so weit von Menschen erforscht, dass andere mit ihnen reden koennen. Andere Zeichen als Woerter werden nachrangig. Bis dahin gibt es viele Irrtuemer, die dem Herausfinden des Bezeichneten dienen. Auf diesem Weg begegnen Menschen auch Zeichen, bei denen es nicht gelingt herauszufinden, was damit bezeichnet wird. Es sind Abstraktionen, Metaphorisches. Deren Erforschen dauert länger.

Was steht wofür?

Grundlegende Erfahrung aus diesen ersten Lebensjahren ist also: Wenn ein Menschen mit anderen reden moechte, muss er fuer sich selber herausfinden, was es mit den Zeichen auf sich hat, die die anderen benutzen. Das Reden ueber Dinge orientiert sich dabei am Konkreten, das ein Mensch kennt: Katze, Tisch, gehen, lachen, blau, gruen … etc. In diesem Rahmen gibt es selten Unklarheiten zwischen Menschen; es sei denn es liegen sensorische Beeintraechtigungen vor (z.B. Seh- oder Hoerdefizite).

Reden ueber Dinge, die man nicht kennt, reden ueber Abstrakta, Metaphorisches oder ueber das, was in anderen Menschen vor sich geht, wird unklar, weil das damit Bezeichnete nicht gemeinsam betrachtet werden  kann. Um zu erlaeutern, was ich meine, wenn ich das Wort ‚Liebe‘ verwende, muss ich mehr Woerter benutzen. Die Kommunikation wird unuebersichtlich. Menschen haben eventuell deshalb den Gebrauch des Wortes „verstehen“ erfunden. „Aha, ich verstehe, was du meinst!“ oder „Verstehst du mich?“ „Ich verstehe!“ beendet die Kommunikation ueber ein bestimmtes Thema. Mir fiel schon oft auf: Je besser Menschen sich verstehen, desto weniger scheinen  sie sich zu sagen haben. Aber dies nur nebenbei.

Was folgt daraus fuer die Eingangsfrage? 

Erst einmal nicht viel.
1. Von Geburt an ist der Mensch damit beschaeftigt zu kommunizieren und dazu muss er fuer sich immer wieder herauszufinden, worauf Zeichen hinweisen.
2. Der Mensch orientiert sich dabei an konkreten Dingen.
3. In der Kommunikation ergibt sich fuer ihn, ob er Zeichen korrekt entschluesselt hat.

Die Untersuchung wird fortgesetzt.

Individuelle Sichten



„Die Dinge sind für mich so, wie sie sich mir zeigen, und für dich so, wie sie dir sich zeigen.“ Und so ist „der Mensch das Maß aller Dinge“

Das Altgriechische ‚chremata‘ des Homo-Mensura-Satzes, den die Quellen Protagoras zuschrieben, hat eine aehnlich weitreichende Bedeutung, wie das deutsche Wort ‚Dinge‘, mit dem es wiedergegeben wird. ‚chrema‘ bezeichnet: „Alles, womit der Mensch hantiert, womit er etwas anfangen, was er zu seinen Zwecken gebrauchen kann, oder auch womit er zu schaffen, zu tun hat. in diesem Sinne Sache, Ding, Stueck, Ereignis, Erscheinung, Vorfall, Geschaeft. Im Besonderen heißt bald der Mensch selbst ‚chrema‘ : Ding, Geschoepf, ein Wunder (von Frau) . Im Plural erscheint ‚chremata‘ als Sammelbegriff für Habseligkeiten, Hab und Gut, Sklaven, Herden Jagdtiere… Vermoegen, Leben, Macht, Machtmittel … etc.“ steht in der digitalen Version von Papes griechisch-deutschem Woerterbuch. Dem verbalen Stammwort ‚chraomai‘ – im Altgriechischen sind Substantive fast immer Ableitungen des Verbs – entsprechen Terme wie  „… eine Sache, sich zu Eigen machen, auch leihen. In Bezug auf Goetter verehren, sie als Gottheit annehmen, mit ihnen verkehren, sie befragen. Mit eigenen Anlagen, Kraeften verfahren, ihnen gemaeß handeln. sie benutzen, zeigen. Gesetze befolgen, einhalten. Zustaende, Gefuehle empfinden, mit ihnen zu tun haben; sich in Umstaende zu schicken wissen, den Staat verwalten; mit gegebenen Verhaeltnissen umgehen; mit Kuensten, Wissenschaften, Gewerben hantieren; kaufen, verkaufen; …“

Aus allen diesen moeglichen Uebersetzungen laesst sich schließen, dass der Homo-Mensura-Satz sich auf alle Lebensbereiche bzw. auf unser gesamtes Verhalten bezieht – auch im Hinblick auf den Menschen selber. Er koennte auch heißen: „Was immer der Mensch tut, er tut es auf seine Weise.“ Oder: „Individuelles ist unhintergehbar“. Dieses Grundprinzip menschlichen Verhaltens duerfte im Alltag des antiken Griechenland und auch unter Wissenschaftlern (Sophoi, Sophisten und Philosophen) allgemein akzeptiert gewesen zu sein. Es zeigte sich m. E. in den offen endenden platonischen Dialogen oder in den miteinander konkurrierenden Philosophien oder im Wechsel unterschiedlicher Regierungsformen und politischen Entscheidungen oder in den unterschiedlichen Sichtweisen oeffentlicher Reden … etc. Individuelles wurde durch gemeinsam geteilte kulturelle und religioese Traditionen und Gesetze begrenzt. Die Verletzung des traditionellen Goetterglaubens war todeswürdig. Trotzdem war niemand „… an ein heiliges Recht gebunden waren, welches Religion und Staat zusammenkettete, … kein Klerus in Art der aegyptischen Priester, der Magier und Chaldaeer … war [vorhanden], welcher … im Namen einer vorhandenen, einzig berechtigten Lehre unterdruecken konnte.“ [Jacob Burckhardt: Griechische Kulturgeschichte: Achter Abschnitt. Zur Philosophie, Wissenschaft und Redekunst, S. 97. Digitale Bibliothek Band 55: Geschichte des Altertums, S. 10692] Diese Lehre, die unterdrückt, gab es für unseren Kulturkreis erst mit der Verbreitung des Christentums in Europa. Mit ihm ist m.E. das von den Griechen praktizierte Naturprinzip des Individuellen zugunsten behaupteter Wahrheit und richtiger Moralitaet nachhaltig verdraengt worden.

Zur Erkenntnistheorie


Erkenntnistheorien sind geschlossen

Einer meiner Tuebinger Philosophieprofessoren fragte mich vor Jahrzehnten: „Muss man nicht neurotisch sein, um auf die Idee mit dem Ding an sich zu kommen?“ Damals irritierte mich die Frage und ich erinnere mich, dass ich sie mit Erkenntnistheorie beantwortete und damit auch abwehrte. Die Frage liess mich aber unterschwellig nicht mehr los. Immer oefter stiess ich mich daran, dass erkenntnistheoretische Aussagen auf sich selber verweisen, bzw. auf den logischen („richtigen“) Zusammenhang ihrer Erkenntnisse. Ein geuebter Erkenntnistheoretiker duerfte sich daran nicht stoeren, sondern er wird diesen Sachverhalt wahrscheinlich als selbstverstaendlich betrachten. Diese rueckbezuegliche Geschlossenheit von Theorien wird je nach dem auch in anderen Wissenschaften praktiziert. Doch keine andere verfolgt das Projekt Erkenntnistheorie so wie die Philosophie es tut. Philosophen gehen weiter „….als jede andere Wissenschaft, indem sie auch ihr eigenes Rechtfertigungsverfahren selbst rechtfertigen … , bis auf die ‚letzten Gruende‘ zurueckzugehen …“ Albert Keller: Allgemeine Erkenntnistheorie. Stuttgart (Kohlhammer) 2006, 3. Aufl., S.58.)
Das komplexe Gebilde ‚Erkenntnistheorie‘ eine Bezeichnung die erst nach Kant im 19. Jahrhundert gebraeuchlich wurde – wurde mir bereits im ersten Semester meines Studiums neben der Ontologie als eine Grundlagenwissenschaft der Philosophie vorgestellt. Es wurde behauptet, dass bereits die ersten griechischen Philosophen Erkenntnistheorie betrieben haetten. Philosophen, die sich von dieser Grundlagenwissenschaft verabschiedet hatten, schieden aus dem Club der ‚richtigen‘ Philosophen aus.
Will also ein Philosophiestudent ein (amtlich anerkannter) Philosoph werden, wird er um erkenntnistheoretische Fragestellungen nicht herumkommen. Die noch heute eher Metapyhsik als Philosophie lehrende universitaere Dissiplin fungiert als eine Art ‚Lordsiegelbewahrer‘.

Erkenntnistheorie ist überflüssig

Aus meiner heutigen Sicht ist Erkenntnistheorie ueberfluessig, weil sie ausser ‚preisend mit viel schoenen Reden‘ nichts zur Weiterentwicklung des ‚philosophieren‘ beitragen kann.
Aus meiner Sicht ergibt sich dieses Urteil vor allem daher, dass sie

  1. ‚erkennen‘ mit ‚wissen‘ gleichsetzt.
  2. stillschweigend davon ausgeht, dass Koerper und Geist(-Seele) substantiell unterscheidbar seien.
  3. außerdem ungeprüft davon ausgeht, dass ‚denken‘ unser ‚handeln‘ steuert.
  4. die eigenen Annahmen und Behauptungen fraglos als ERKENNTNISSE verwendet und auf diese Weise WISSEN sugeriert.

Erkenntnistheorie verhindert Weiterentwicklung der Philosophie

Erkenntnistheorie ist mir nicht gruendlich genug. Sie verlaesst und bezieht sich allzusehr auf die Autoritaet altvorderer Aussagen. Ihr eigener Anspruch, dass ‚denken‘ im Unterschied zum ‚tun‘ den Mehrwert der Theorien vor der Praxis ausmache, wird so weder eingeloest noch wirksam. Erkenntnistheoretiker denken im Rahmen der Tradition. Sie ueberschreiten und hinterfragen ihn nicht. Sie koennen ihn vermutlich weder ueberschreiten noch hinterfragen, weil ihre akademische Sozialisation die uebernahme traditioneller Denkwege verlangt. Es tut weh, Vertrautes und Gewohntes zu befragen oder es gar zu verlassen.

Fuer mich ist ‚erkennen‘ der gehorsame Vollzug von ‚urteilen‘ und ‚bewerten‘ im Kontext allgemeiner kultureller Sichten und Werte. Der bis heute selbstverstaendliche Gebrauch von Kants Transzendentalphilosophie und Vernunftauffassung duerfte meine Behautpung bestaetigen koennen. Dies hatte bisher zur Folge, dass Andersdenkende fuer weitere Generationen marginalisiert wurden.
Fuer mich ist ‚Geist‘ bzw. das ‚Denken‘ ein Buch mit sieben Siegeln, obwohl ich Jahrzehnte damit zubrachte ‚Geist‘ und reflexionsphaenomenologische Ueberlegungen zu erforschen. Ich meinte lange Zeit, ich wuesste, was Geist sei.
Folgendes kapiere ich nicht im Hinblick auf das Wissenschaftsverstaendnis der Philosophie: Im Hinblick auf tradtionelle theoretische Auffassungen (Erkenntnisse!) werden Aussagen und Forschungsergebnisse anderer Humanwissenschaftler abgewertet oder gar nicht zur Kenntnis genommen. Seit mehr als 50 Jahren darf es unter Humanwissenschaftlern als ziemlich gesichert gelten, dass unser ‚handeln‘ vor allem von unserer neurophysiologischen Natur gesteuert wird. Auch darueber gibt es innerhalb der Philosophie kaum Diskussionen und keine Konsequenzen fürs ‚philosophieren‘.
Möglich wäre darüber folgendes zu sagen: „Es gibt eine Erinnerungskultur der Bearbeitung von Erinnerungskultur, eine … verbreitete leise Begeisterung für die Konstrukteure von Bibliotheken, welche es uns heute ermöglichen, mit Neugier immer wieder anders durch die Regale zu jagen und aus den verstummten Stimmen der Frühzeit gedruckten Wissens unsere eigene intellektuelle Existenz lebendig zu erhalten.“ Ulrich Johannes Schneider: Anmerkungen zur Geschichte der Gelehrsamkeit. In: Friedrich Vollhardt: Historia literaria. Berlin (Akademie) 2007, S. 265ff.

Annahmen und ’nachdenken‘

Ich moechte philosophierend ’nachdenken‘ praktizieren, das sich auf ‚handeln‘ und dessen Erfordernisse bezieht. Erkenntnistheorie betrachte ich deshalb als eine von vielen Spekulationen, die erklaeren moechten, wie die ‚Welt uns bewusst‘ wird. Ich habe darauf verzichtet, darueber nachzudenken, weil ich dies fuer eine seit Jahrhunderten unbeantwortbare Frage halte. Zur Zeit sehe ich keinen Anlass davon auszugehen, dass es darauf jemals eine nachvollziehbare Antwort wird geben können. Hier folge ich gern meinem alten Lehrer Augustin Thagaste, der dies auch so sah. Ich stelle lediglich fest, dass ich sensoriere (empfinden), handle und nachdenke. Ich stelle fest, dass es nützlich ist, anstatt von Erkenntnissen von Annahmen auszugehen, um so in unterschiedlichen Situationen moeglichst optimal handeln zu koennen. Annahmen finde ich durch ’nachdenken‘.
Die Entscheidung gegen die Erkenntnistheorie fiel bei mir auch im Kontext der alltaeglichen Schulpraxis mit ungeeigneten schulischen Lerntheorien, die Lehrer in der Scheinsicherheit wiegen, dass sie wuessten, wie Schueler ‚richtig‘ lernen. Mein Resuemee: Schulische Lerntheorien entstanden in der Nachfolge erkenntistheoretischer Spekulationen. Ich halte sie für unbrauchbar.

Oeffentliche Sprache und Individuum



Dieser Artikel ist beim Antworten auf einen anderen Artikel entstanden
Robinsons Sprachen: Zwischen öffentlichen und privaten Worten

Oeffentliche Sprache

„die Verbindung der Oeffentlichkeit mit der Sprache ist einfacher zu erklaeren als gedacht. … die Teilnahme an einer Sprache ist nicht einfach so moeglich. „

Wie wir Menschen bereits als Saeuglinge – vermutlich schon intrauterin – Sprache lernen, bis wir dann nach einigen Jahren kommunizieren koennen, kann niemand sagen. Bisher hat keine Wissenschaft einen Zugriff auf diesen Erwerb, ausser vom Sprachverhalten ausgehend im Zusammenhang mit neurowissenschaftlicher Grundlagenforschung Annahmen zu formulieren. Danach sorgt unsere gesamte neuro-sensorische Organisation dafuer -so aehnlich wie fuer anderes – mit ihrem bewaehrten Prinzip: sensorieren – verarbeiten, d.h. neuronale Netzwerke bilden – reagieren.

Eine oeffentliche Sprache lernen‘ hiesse demnach eine individuelle Variante der oeffentlichen Sprache lernen, die mit derjenigen anderer Individuen kompatibel sein muss, um Kommunikation zu ermoeglichen. M.E. duerfte man daraus schlussfolgern koennen, dass ‚oeffentliche Sprache‘ weder homogen noch fix sein duerfte, was sich auch darin niederschlaegt, dass wir behaupten jemand spricht gutes, bzw. richtiges Deutsch oder schlechtes Deutsch. Fuer Robinsons Sprachentwicklung auf seiner menschenleeren Insel koennte dies heissen, dass seine Sprache im Lauf der Zeit mehr oder weniger grosse Abweichungen von der oeffentlichen Sprache in England aufweisen duerfte.

Die oeffentliche Sprache duerfte also staendigen Veraenderungen unterworfen sein. Fachsprache, Jugendsprache, literarische Sprache, Journalistendeutsch usw. bezeichnen weitere ‚insel’aehnliche Sprachraeume. Immigranten vermischen ihre Sprachen mit der oeffentlichen deutschen Sprache. Jeder Benutzer der oeffentlichen Sprache ist m.E. gleichzeitig Nutzer dessen, was er im Zuge der Kommunikation vorfindet und regt durch seinen Sprachgebrauch semantische und grammatikalische Veraenderungen an.

Privatsprache

„Ueber die Moeglichkeit einer privaten Sprache, die ein Individuum nur mit sich selbst und niemand anderen ausmacht, diskutieren Philosophen seit Dekaden.“

Ich wuerde sagen, derartiges gibt es. Vielleicht nicht so ‚absolut‘ wie Metaphysiker sich das denken, eher partiell und situativ. Immer da wo jemand mit sich selber alleine ist, koennte es diese private Sprache geben. Aus diesen einsamen Raeumen duerften auch Anregungen fuer die ‚oeffentliche Sprache‘ entstehen, wie Literaten, Dichter und Philosophen immer wieder demonstrieren. Diese private Sprache duerfte vermutlich nie ohne Rueckbezug zur oeffentlichen gestaltet sein – was sich aus dem Spracherwerb ergibt, aber sie koennte vor allem individuelle semantische Auspraegungen verstaerken und diente der Klaerung dessen, was in einem Menschen geschieht. Auch Gruppen erzeugen so etwas wie eine ‚private Sprache‘.

„Worte um ueber sein Innenleben Auskunft zu geben“

Die semantische Vielfalt von einzelnen Woertern, Satzkonstruktionen, Texten, Gedichten scheint mir die Attraktivitaet der philosophischen Sprachforschung zu begruenden. Im Hinblick auf das oben beschriebene ‚Sprache lernen‘, das immer im Kontext von eigenen Erlebnissen entsteht, duerfte man davon ausgehen koennen, dass kein Wort fuer zwei Menschen die gleiche Bedeutung hat. Diesen Unterschied halte ich fuer unhintergehbar. Er duerfte im Zusammenhang mit Auskuenften ueber das eigene Innenleben noch deutlicher zu Tage treten.

Kommunikationsstoerungen entstehen m.E. vor allem deshalb, weil Menschen spontan dazu neigen, eigene Bedeutungen den Worten des Gespraechspartners zu unterstellen, bzw. sie absolut zu setzen. Auf diese Weise wird Sprache alltaeglich missbraucht.

allgemeingueltige Sprache

Ich gehe davon aus, dass die Bezeichnung ‚oeffentliche Sprache‘ genauso unzureichend wie andere sprachliche Bezeichnungen etwas fassen koennen, was im Sinne von ‚allgemeingueltig‘ sein koennte. Mir scheint ‚allgemeingueltiges‘ ein ausgetraeumter Traum der Philosophie, eine schmerzliche Einsicht. In frueheren Zeiten konnte man sich innerhalb hierarchischer Verfassungen die Marginalisierung der individuellen Abweichungen von der gerade dominanten Theorie leisten. Dies geht heute nicht mehr. Menschen moechten ueber sich selber bestimmen und gesellschaftlich so mitwirken, wie es ihnen entspricht und nicht irgendeiner Theorie.

Ich meine, dass Philosophen Moeglichkeiten finden koennten, diese autonomen Bestrebungen zu unterstuetzen und Kriterien fuer deren Umsetzung gemeinsam mit anderen zu entwickeln. Wir koennten moeglicherweise gemeinsam mit Hilfe der Kommunikation Einigen untereinander ermoeglichen, wenn wir miteinander gemeinsam handeln moechten. Aber im Moment habe ich den Eindruck wird unser gesellschafts-politisches Leben nicht vom dem Beduerfnis nach einem gemeinsamen Handeln bestimmt. Dies gaelte es anzuregen. Politiker denken und handeln von oben nach unten und die demokratisch Beherrschten von unten nach oben. Diese hierarchischen bzw. autoritativen Verhaltensmuster, die institutionalisiert sind, d.h. nur sehr, sehr schwierig zu veraendern sein duerften, koennten m.E. durch eine Optimierung philosophischen Denkens und Handelns, das von Sach- und Personenverhalten ausgeht, veraendert werden.

Die Schmerzen – die immer entstehen, wenn Neues geboren wird -, duerften durch die Aussicht auf ein menschlicheres Miteinander ertraeglich werden koennen. Ermutigend koennte auch noch folgender Blick sein: Wenn es tatsaechlich moeglich waere, menschliches Handeln und Denken in jeder Hinsicht zufrieden stellend und damit ja fuer alle Zeiten feststehend theoretisch zu begruenden, haetten ausgerechnet diejenigen die diesem Ziel philosophierend lebenslang hinterher jagen, am wenigstens Freude daran. Denn aus meiner Sicht sind Philosophen alle Freidenker. Harald Lesch hat vor einiger Zeit dazu gesagt: „Und was machen wir, wenn wir DIE WAHRHEIT gefunden haben?“


Ergaenzend dazu fuer Philosophieversessene
Davidsons Kritik am „3. Dogma des Empirismus“

Rational auf ‚physistisch‘

So rechnete Descartes sich Gott aus:

Ich bin ein denkend Ding – also ist Gott ein denkend Ding.
Ich kann mir Gott nur vollkommen denken – also ist Gott vollkommen und zwar so vollkommen, vollkommener geht es gar nicht, ergo gibt es nach Gott nichts mehr! Alles, was ich mir denke, ist auch in Gott enthalten.

Eine Milchmaedchenrechnung ist das in meinen Augen. Sie verraet allzu leicht die Absicht ihres Urhebers und bei mir verstimmt sich da was, so als haette ein kalter Luftzug meinen Nacken beruehrt, sodass ich mich spontan umdrehe, um zu sehen was da sein koennte.

Pluralog

Doch der Schrecken kommt aus meinen Eingeweiden, die erschrecken darueber, dass nur noch der Kopf und sie nichts mehr mit meinem Leben zu tun haben koennten. Das geht doch gar nicht!, schreien einige 1000 Neuronen laut. Ohne Input kein Output, das weiss doch jeder spaetestens seit dieser inputversessene Roboter einen amerikanischen Pass bekommen hat.

  • Wie kommt es, dass Menschen nicht merken, was sie sich antun, wenn sie selbst glauben, sie seien ein „denkend Ding“ , fragt sich mein Kopf und runzelt die Stirn.
  • Da ist nur Kant dran schuld, der hat doch die Vernunft zum Primaten gemachte, ruepelt meine Leber und laeuft gruen an.
  • Aber das kann doch fuer Descartes nicht zutreffen, der hat doch 300 Jahre frueher philosophiert, gibt mein vorderer Stirnlappen zu bedenken.
  • Dann eben die Kirche, meint mein rechtes Ohr.
  • Auch in der Kirche sind doch Menschen, faellt meinem linken Knie ein.
  • Mein Bauch sagt: Denkt doch an die RRRR-Erklaerung.
  • Das hast Dir doch gerade ausgedacht, piepst meine Zirbeldruese.
  • RRRR – rollt meine Nase vor sich hin. Ich glaube, ich kann’s schon riechen. Die RolfReinholdRichardRorty Erklaerung.
  • Die beiden Typen kenn ich, schmatzt die Zunge.

Keinen Hut auf, aber davon reden

  • Nun komme ich und sage: Seid mal alle still, so kann ich doch nicht denken.
  • Protestgeschrei wird laut: Wir denken doch alle mit.
  • Ja, das mag schon sein, aber ihr seid zu laut. Wie soll ich da alles unter einen Hut kriegen.
  • Die Haare wispern: Die hat gar keinen Hut auf.
  • Alles Metaphorik, raunen meine Stimmbaender, die wir inszenieren.

RRRR

  • Also, was ist das nun mit der RRRR-Erklaerung? fragen die Fuesse, wir muessen das alles wieder ausbaden.
  • Die RRRR-Erklaerung ist ganz einfach: Alles, was Menschen tun, ist kontingent.
    Oder wie Rolf Reinhold sagt: Niemand macht freiwillig Fehler.
  • Das kann man wenigstens kapieren, schnurrt meine Bauchspeicheldruese.
    Ich mache auch immer nur das, was geht. Und manchmal bin ich  dysfunktional.

Man koennte auch sagen, melde ich mich wieder, Menschen sehen ihre Grenzen nicht, weil sie Grenzen haben. Das sind aber zwei Arten von Grenzen. Die letzteren sind die von anderen uebernommenen, die dadurch entstehen, dass jeder alles so machen moechte, wie die anderen es machen. Weil Menschen es moegen, wenn andere sie akzeptieren. Und die anderen sind Grenzen, die man entdeckt, wenn man die Dinge so macht, wie man sie selber machen moechte.

  • Dass Du Grenzen hast, siehst Du?  fragen die Amygdalaes.
  • Ich glaub schon.

wahrnehmen 2

„Ein Kind nimmt alles wahr, Erwachsene das, wofuer ihr Verstand Begriffe hat.“

So schrieb ich als Resuemee der winzigen Wortgeschichte unter ‚wahrnehmen 1‘. Rolf Reinhold meinte: „Das kapiert niemand.“

’sensorieren‘ ermoeglicht ‚kapieren‘

Da ich ein ‚philosophieren‘ verbreiten moechte, das kapierbar ist, fuelle ich die Luecken zwischen den einzelnen Teilen unter ‚wahrnehmen 1‘ mit weiteren Worten.

Synaptische Verbindungen entstehen aus gegebenem Anlass. Vorstellungen entstehen dann, wenn sie einen Anlass, d.h. wenn sie an etwas Erlebtes, bzw. Sensoriertes anknuepfen koennen. Worte, die Dinge beschreiben, die man nicht kennt, sind nichts als Lippengeraeusche, bzw. Lautzeichenfolgen. Worte koennen daher nur kapierbar sein, wenn sie beim Zuhoerer bzw. Leser Vorstellungen hervorrufen koennen.

tradierte Mitbedeutungen von ‚wahrnehmen‘

„Ein Kind nimmt alles wahr, Erwachsene das, wofuer ihr Verstand Begriffe hat.“, koennte eventuell die Vorstellung wecken: Kindliches ‚wahrnehmen‘ ist fehlerhaft, denn nur Begriffe machen Dinge begreiflich.

Ich meine, dass sowohl Aristoteles, E.v.Hartmann, Kant und G.E.Schulze ‚wahrnehmen‘ als eine mental gesteuerte Taetigkeit auffassten, waehrend die alltagsuebliche Benutzung des Wortes ‚ sich umschauen, betrachten, sehen, bemerken u. s. w.‘ , also umfassende koerperliche Taetigkeiten mit ‚wahrnehmen‘ verband.

Philosophische Aussagen koennen – wie alles, was gesagt wird – Menschen anregen, Dinge anders zu sehen, darueber anders nachzudenken und anders zu handeln als bisher. Sprachgeschichtlich spricht vieles dafuer, dass die von Philosophen gemachten Unterschiede einen nachhaltigen Einfluss auf die alltaeglichen Mitbedeutungen von ‚wahrnehmen‘ ausuebten.

Den philosophisch hinzugefuegten Mehrbedeutungen fuer ‚wahrnehmen‘ liegt die Vorstellung zu Grunde, dass die menschliche Natur in Koerper und Geist geteilt sei. In dieser dichotomischen Natur des Menschen wurde außerdem dem Geist oder dem Bewusstsein die hauptsaechlich steuernde Rolle zuerkannt. Augustin Thagastes Prinzip: Melios quod interior – in diesem Kontext mit ‚Besser als der Koerper ist der Geist.‘ wiedergegeben – entsprach seit Jahrhunderten einer allgemein ueblichen Sichtweise. Christlich-theologische Auffassungen unterstuetzten diese. Dies duerfte Mitbedeutungen erzeugt und ausgepraegt haben.

‚wahrnehmen‘ und ‚hinsehen‘

Meine unter ‚wahrnehmen 1‘ gestellte Frage „Und was ist mit einem Kind?“ koennte anders formuliert auch heißen: „Trifft es zu, dass wir den Verstand (den Geist) brauchen, um wahrzunehmen?“ Bejahen wir die Frage im Sinne der zitierten Philosophen, so duerfte beim ‚wahrnehmen‘ der Verstand dominant mitwirken, d.h. den Ausschlag geben.

Im Zusammenhang mit der kleinen Schulgeschichte koennte deutlich werden, dass sich aus dieser Sichtweise ergibt, nicht was ein Mensch sieht und hoert ist Bezugsrahmen seines Handelns, sondern das was ihm das liefert, was hierzulande ‚Verstand‘ heisst.

Das produziert zusammen mit vielen weiteren Einflussfaktoren Lehreraeusserungen wie: „Alle Schueler leiden, weil sie 10 Minuten lang nicht lernen konnten.“ Die Schuelerin sieht, dass der Lehrer leidet, was jeder nachvollziehen kann, der einmal selber Schueler war bzw. es ist. Ihr wird durch die Aeußerung des Lehrers ihre Wahrnehmung abgesprochen. Sie wird belehrt darueber, wie sie es zu sehen hat.

Rolf Reinhold: “ Das ’sagen was ich sehe‘, ’sagen, was ich empfinde‘, das fuer kleinere Kinder charakteristisch ist, wird nach und nach ersetzt durch ’sagen, was andere sagen‘.“

http://axiotentao.de/ato.htm#GrundSatz:_Hinsehen_und_Beschreibend