Reproduktion alter Lehren bei Kant

 

Wahle schaetzte Philosophen, wenn sie ‚originelle Fragen und Loesungen erfinden’. Alle anderen brauche man eigentlich gar nicht zu erwaehnen, fuegte er hinzu. Kant fiel zuerst dadurch auf, dass er an einer Hochschule  – wenn auch vorsichtig – zunaechst verkuendete, dass weder Gott noch die Seele beweisbar sind. Damit schwamm er im Strom seiner Zeit, aus dem er sich aber wieder zurueckzog.

Wer sich in der Philosophiegeschichte auskennt, findet bei Kant nur laengst bekannte Ideen und scholastische Unterscheidungen, so Wahle in seiner „Tragikomoedie der Philosophie“. Der Zeitgeist wurde jedoch von neuen Gedanken und Ideen gepraegt. Im 18. Jahrhundert habe sich die philosophische Welt beim Grossteil der Gebildeten materialistisch und atheistisch veraendert. Deismus, Religionskritik , historische Forschungen und Philosophien wie die von Lamettrie, Helvetius , Holbach, D’Alemberts, Diderot, Cudworth, Voltaire, Rousseaus gehoerten zu diesen Veraenderungen und verbuendeten sich mit denen des allgemeinen Weltbildes.

Vor Kant hatte bereits Locke die Vernunfttaetigkeit analysiert und festgestellt, dass einzig die sinnliche Wahrnehmung  menschliches Denken bestimmt und daher Grundlage wissenschaftlicher Forschung sein müsse.  Hume hatte sich Locke’s Analyse angeschlossen.  Hinsichtlich der Unerkennbarkeit des Dinges an sich, der Existenz Gottes und der Unsterblichkeit hatte er Locke’s Analyse konsequent zu Ende gefuehrt. Kant war daher nicht der erste, der die Vernunft analysierte. Seine „kopernikanische Wende“, die er als seine Idee ausgab, hatten bereits andere vollzogen.  

Kant habe sich seinen Vorgaengern einerseits angeschlossen, indem er forderte, dass man beim Denken und Forschen von den Sinnen ausgehen muesse; aber seine Unfreiheit gegenueber seinen von Kindheit an pietistisch gepraegten Beduerfnissen veranlasste ihn, gleichzeitig metaphysischen Neigungen nachzugehen. Er griff so zusaetzlich zu entgegengesetzten Auffassungen hauptsaechlich zu denen von „Wolff = Aristoteles“, Leibniz und Baumgarten, bei denen er auch die Instrumente  fand, um seine „Analyse der Vernunft“ umfassend durchfuehren zu koennen. So verwendete er „die alten angeborenen Ideen und Saetze“ und stattete damit im Sinne von Leibniz bzw. von Platon die Seele aus. Sie dienten ihm zur Begruendung der Transzendalität der reinen Vernunft und der reinen Begriffe. Bei Baumgarten fand er die zahlreichen differenzierenden Begriffe, logischen und psychologischen Einteilungen, die sein Unternehmen so umfassend erscheinen lassen.

An Kants Lehre sei nichts originell und an seinen scholastischen Formulierungen fast nichts, fasste Wahle seine Beschreibungen zusammen. Originell seien seine Termini. Kant nannte seine Art der „Ueberschreitung der Erfahrung“ „transzendental“, behauptete, dass der „Idealismus eine Grundbegabung des Menschen“ sei und nannte daher das, was er tat „transzendentaler Idealismus“. Das war ein neuer Terminus, aber die Sache gab es schon vorher. Historiker trugen dazu bei, „eine Neuheit des Standpunktes vorzutaeuschen“, indem sie neue Systematisierungen einrichteten und neue ‚ismen“ schufen. Doch Kants Lehre bleibe „immer nur eine Reproduktion alter Lehren.“

Trotz seiner Kritik wuerdigt Wahle ihn.

Kant ist als Person ehrwuerdig durch seinen Ernst, seinen  Wahrheitsdrang, als Friedensherold, durch die fleiszige, ausdauernde, wenn auch an Vorbilder sich anschlieszende, umsichtige Administration seines Systems, durch unterscheidungsfrohen Scharfsinn, durch sein erhabenes Pflichtgefuehl, durch seine gelegentlich hervorbrechende Redekraft – aber das muss unserer auf die originellen Progresse der Philosophie bedachten Darstellung so gleichgueltig sein, als es ihr gleichgueltig sein muesste, wenn er ein Spitzbube gewesen waere.

 

Vgl. Wahle: Tragikomoedie der Weisheit, S. 323-330.

Individuelles ueberschreiten II

Jan Kuhlbrodts Hinweis zu dem Artikel „individuelles ueberschreiten I“ auf Jean Piagets Theorie der kognitiven Entwicklung eines Menschen hat mich zu interessanten Ergebnissen der Kognitionswissenschaften gefuehrt. Hier habe ich ein ‚paper‘ der Universitaet Wuerzburg verlinkt, das einen Ueberblick ueber kognitionspsychologische Experimente, deren Ergebnisse und die Theorien dazu gibt. Ich habe einige Zeit gebraucht, bis ich fuer mich diesen Ueberblick auswerten konnte. Einerseits habe ich die verwendeten Bezeichnungen mit meinen Assoziationen verbinden muessen, bis sie fuer mich interpretierbar wurden. Andererseits sind die Experimente unvollstaendig beschrieben, so dass ich sie wohl nur teilweise kapiert habe. Ich habe die Luecken imaginativ geschlossen und mir so ein eigenes – vermutlich sehr irrtumsbehaftetes – Bild gemacht.
Dieses Bild – das wiederum ein ‚verdichten‘ von eigenen Assoziationen ist, die waehrend meines ‚verarbeiten‘ der Lektuere entstanden – nahm ich zum Anlass um meine eigenen Schlussfolgerungen zu ziehen.

Doch zuerst zum oben erwaehnten ‚paper‘. Mein Fazit daraus: Jean Piagets Theorie, dass die ersten ‚kognitiven Strukturen‘ – was immer das auch sein mag – mit 9 Monaten entstehen, wurde nach unten hin korrigiert. Die experimentell erhobenen Forschungsergebnisse veranlassen inzwischen die Forscher zu Theorien, dass bereits im Mutterleib „Repraesentationen“ entstehen, die dem Neugeborenen ‚unterscheiden‘ zwischen Bekanntem und Unbekanntem ermoeglichen. Die Bezeichnung „Repraesentation“ scheint in diesem ‚paper‘ von den forschenden Autoren fuer eine Art „kognitive Struktur“ zu stehen.

Gleichgueltig um welche Variation der Fragestellung, des experimentellen Aufbaus und des Ergebnisses es sich handelt, die forschenden Autoren greifen im Diskurs ihrer Wissenschaft und zur Abgrenzung von anderen Wissenschaften auf die Bezeichnung „Repraesentation“ oder aehnliche Bezeichnungen zu. So verhielt sich Piaget, als er die Bezeichnung ‚Objektpermanenz‘ zur Bezeichnung fuer seine Annahme „kognitive Struktur“ benutzt.

Dabei wird unausgesprochen sowohl fuer ‚Repraesentation‘ wie fuer ‚Objektpermanenz‘ unterstellt, dass sie etwas bezeichnen, mit dem sich ueber wissenschaftliche Standards verhandeln liesze. Aus meiner Sicht – ‚individuelles ist unhintergehbar‘ (Rolf Reinhold) – handelt es sich dabei um vergleichbare Sichten der betreffenden Autoren, die sich diese unabhaengig und auszerhalb ihrer Experimente angeeignet haben. Ihre jeweils individuellen Sichten schaffen den individuellen Rahmen fuer Theorien, wie sie Kognitionswissenschaftlern akzeptabel erscheinen. Dies entspricht der in der Regel zugestimmten Behauptung, dass auch wissenschaftliche ‚Erkenntnis‘ subjektiv bzw. relativ sei, fuehrt aber selten – ich behaupte sogar nie – zu konsequentem ’nach-denken‘. Vergleichbar dem „Neun-Punkte-Problem“ verbleibt man unausgesprochen innerhalb der Grenzen bereits vorhandener Standards und beschraenkt sich auf das, was innerhalb dieser moeglich ist. Dies fuehrt im vorliegenden Falle – wie in allen anderen aehnlich gelagerten Faellen – zu einer Festschreibung von Theorien und gewohnten Sichten. Das rahmensprengende Potential von Experimenten wird uebersehen.

Physistische Philosophinnen gehen davon aus, dass konsequentes ’nach-denken‘ und dabei ‚ausgehen‘ von dem, was sensorierbar ist, andere Schlussfolgerungen ermoeglicht, die rahmensprengend wirken koennen.
Die im ‚paper‘ angefuehrten Experimente legen nicht notwendigerweise nahe, dass geistige Strukturen der Motor fuer die Verhaltensenderungen eines neugeborenen Menschen sind. Dies ist – wie schon oben erwaehnt – die Interpretation von Wissenschaftlern, die davon ausgehen, dass ‚geistiges‘ etwas sei, das notwendigerweise zum Menschen gehoere. Im Falle „kognitive Struktur“ wird ferner – ebenfalls unausgesprochen – unterstellt, dass ‚geistiges‘ Grenzen transzendieren koenne und so in eine Art „geistige Schnittmenge“ zwischen Individuen münde. Diese Auffassung kennzeichnet u. a. den transzendentalphilosophischen wie den sprachphilosophischen Diskurs in der Philosophie. In Erziehungs- und Lerntheorien sowie in Unterrichtsdidaktiken wird damit die Überlegenheit des Lehrenden über den Lernenden behauptet. Ich halte dies fuer eine mythische Denkfigur, die aber von denen ueblicherweise mit verwendet wird, die diesem Mythos verbunden sind. Ich kann keinen konkreten Anhaltspunkt dafuer finden, dass ich denkend und handelnd meine individuelle Welt verlassen kann.

Ich schliesze aus denen im ‚paper‘ erwaehnten Experimenten, dass die jeweils individuelle neurophysiologische Ausstattung der Motor von ‚entwickeln‘ ist, die vielfaeltig angeregt adaequates ‚handeln‘ und ’nach-denken‘ ermoeglicht. Die Strukturen, die dabei entstehen, sind neurobiologischer Art. Sie werden durch ‚benutzen‘ funktionstuechtiger. Es sind meine Strukturen. Ich kenne keinen Fall – auszer ich haette einen siamesischen Zwilling – in dem ich, mit neurobiologischen Strukturen eines anderen verbunden sein koennte. Andere schließen von neurobiologischen Strukturen auf kognitve. Das ist mir zu weit gehend.

Eventuell funktioniert auch das, um den traditionellen Rahmen verlassen zu können: Sowohl ‚reden‘ wie ‚denken‘ ueber den Menschen sind vollgemuellt mit Jahrhunderte alten Bedeutungen. Es koennte ‚weiterentwickeln‘ befoerdern, wenn ‚reden‘ und ‚denken‘ – z. B. nach einer Art Simplify-Methode – ausgemistet wuerden.

Gewissheiten und ‚letzte Gruende‘



Unter den ersten Huetten, die Menschen sich bauten, waren solche, die auf Pfaehlen standen. Diese Konstruktion diente vermutlich dem Schutz vor Gefahren. Solange die Pfaehle hielten, konnten sie mehr oder weniger lange Garanten dieses Schutzes sein.

Gewissheiten werden erworben

Aehnlich duerfte es sich mit Gewissheiten verhalten, die Menschen fuer sich erfinden. Ich denke, Menschen brauchen Gewissheiten, nur scheinen sich Menschen in der Regel nicht darueber im klaren zu sein, wie es sich mit Gewissheiten verhaelt, bzw. wie es um die jeweilig eigenen bestellt ist. Gewissheiten scheinen ‚mit der sich wiederholenden Abfolge aehnlicher Ereignisse‘ (David Hume) zu entstehen. Sie beruhen also auf Vergangenem, sind ‚Setzungen aus Erfahrung‘ (Rolf Reinhold) und koennen daher nur eine probabilistische Sicherheit bieten. Ein anderer Schutz als dieser scheint uns Menschen nicht zur Verfuegung zu stehen.

Inzwischen erlaeutern Neurowissenschaftler: Sich aehnlich wiederholende afferente Ereignisse und ihnen folgende efferente Ereignisse ergeben mit der Zeit bestimmte neuronale Aktivitaetsmuster. Durch diese quasi regelgeleitete Arbeitsweise wird unsere organische Effizienz optimiert. Dies laesst sich u.a. an allen unseren motorischen Faehigkeiten (Bewegungen einschließlich Sprache=’handeln‘) ablesen, die jeweils erworbene Aktivitaetsmuster voraussetzen. Der Erwerb solcher Aktivitaetsmuster ist u.a. an Zeit und Wiederholung gebunden. Feststellbar ist aber auch, dass neuronale Aktivitaetsmuster durch optimierte ersetzt werden koennen. Unter Leistungssportbedingungen genuegt es z.B. nicht, die ueblicherweise erworbenen Bewegungsablaeufe einzusetzen. Bewegungsablaeufe muessen veraendert werden, wenn jemand im Wettbewerb mit anderen mithalten moechte. Die Veraenderung erfolgt ueber Reflektion der eigenen Bewegungsablaeufe unter Einbeziehung sportwissenschaftlicher Forschungsergebnisse und dem Trainieren veraenderter Bewegungsablaeufe.

Gewissheiten aendern sich

Menschen leben mit vielen Gewissheiten, meistens ohne damit zu rechnen, dass Gewissheiten, wie alles im menschlichen Leben Veraenderungen unterworfen ist. Auch unsere pfahlhuettenbauenden Vorfahren duerften erlebt haben, dass Holz im Wasser stehend seine Stabilitaet verliert. Die Gewissheit, dass die Waende eines Hauses stabil seien, wird kontrastiert durch die Tatsache, dass fast unmerklich, aber dennoch kontinuierlich der Putz von den Waenden rieselt. Wollmaeuse weisen darauf hin, dass Stoffe und Tapeten Fasern, Gegenstaende aller Art kleinste Teilchen verlieren. Die Dinge nutzen sich ab. Reparaturen oder gar Neuanschaffungen werden noetig.

Unser Koerper ist vielfaeltigen Veraenderungen unterworfen. Belege dafuer koennen sein, Hautteile, Schuppen, die sich in Matrazen, im Badewasser und in Kleidungsstuecken wiederfinden. Wir altern. Hunger, Durst, Muedigkeit signalisieren Veraenderungen. Der Gewissheit: Ich bin jetzt satt, folgt die Gewissheit: Ich habe Hunger. Wir beschließen den Tag mit der Gewissheit fuer heute genug getan zu haben, um am naechsten Morgen mit der Gewissheit aufzustehen, dass es noch viel zu tun gibt. Die Gewissheit, dass eine bestimmte Dienstleistung von einem ganz bestimmten Betrieb angeboten wird, muessen wir aufgeben, wenn dieser Betrieb schließt.

Beton in den Städten, Tomaten auf den Augen und Bohnen in den Ohren?

Waehrend wir den Verlust alltaeglicher Gewissheiten in der Regel – gelegentlich unter Unmutsbezeugungen akzeptieren – gibt es eine Art von Gewissheiten, die wir nur schwer oder gar nicht aufgeben moechten oder koennen. M.E. handelt es sich dabei um die Gewissheiten, mit denen wir am laengsten vertraut sind. Menschen neigen dazu an lang vertrauten Gewissheiten auch gegen andersartige Ereignisse festzuhalten. Je geringer die Anzahl der Ereignisse ist, die einer bestimmten Gewissheit entgegenstehen, desto leichter scheint dies zu gelingen. Der bekannte Spruch: „Die Ausnahme bestaetigt die Regel!“ kann fuer derartige Konstruktionen stehen. Man bezeichnet dies als „Nicht-Wahrhaben-Wollen“. Max von der Gruen beschrieb in seinem Buch „Wie war das eigentlich?“ ueber seine Kindheit und Jugend im Dritten Reich das Phaenomen, dass die Menschen oft bemerkten, wenn sie von Graeueltaten hoerten: „Wenn das der Fuehrer wuesste!“ Er bewertete dies als Flucht aus der Verantwortung und Ergebnis einer geschickten Progaganda. Im augenblicklichen Zusammenhang dient mir dieses Phänomen außerdem zur Vervollstaendigung der Betrachtung menschlichen Verhaltens an teuren Gewissheiten festhalten zu wollen. Der Wert des einmal Gefassten wirkt kontraproduktiv auf unsere lebensnotwendige Faehigkeit adaequat zu denken und zu handeln. Der Asphalt unserer Staedte, der Beton unserer Gebaeude macht die zivilisierte Scheinwirklichkeit fundamental. Erst Naturkatastrophen – Verbrechen und Kriege in aehnlicher Weise – wecken das Grauen vor dem Verlust unserer Gewissheiten.

Verwandeln von Gewissheiten in Annahmen und Praesenz

Menschen duerften den Blick fuer die Realitaet verlieren, wenn sie an Gewissheiten unbeirrt festhalten moechten. Letzteres praegt aus meiner Sicht das Schicksal Einzelner und ganzer Kulturen genauso wie das Schicksal von Metaphysikern, die sich als Philosophen bezeichnen, aber laengst den menschlichen Boden unter ihren Fueßen verloren haben, waehrend sie aus alter Gewohnheit nach letzten Gruenden, also nach unwandelbaren Gewissheiten suchen. Dass wir ueber derartige Vorhaben nicht mehrheitlich in schallendes Gelaechter ausbrechen, duerfte ein Indiz dafuer sein, wie nah vielen von uns das Beduerfnis nach letzten Gewissheiten sein duerfte. Metaphysiker gehen beispielhaft voran: Sie stuerzen sich denkend in Abgruende, woraus sie sich in den quasi-religioesen Glauben ihrer Erkenntnisse retten. Menschliches Leben aber kann nicht mehr als voruebergehende Gewissheiten schaffen. Um unser ‚handeln‘ adaequat vollziehen zu koennen, scheinen mir kurzlebige Gewissheiten voellig ausreichend. „Jeder Schritt ist der erste!“ lautet ein Koan aus Rolf Reinholds Philosophie. Gewissheiten sind ihm unbekannt. Er geht konsequent von Annahmen aus. Mein lange verstorbener Metaphysiklehrer meinte: „Es kommt auf die Gegenwart an.“ Gegenwart war fuer ihn jeder einzelne, kleinste Jetztpunkt (Augenblick) einer langen Reihe von Jetztpunkten und einzig wirkliche Ort menschlichen Handelns und Nachdenkens, der sich beim Tun verfluechtigt.

Zur Erkenntnistheorie


Erkenntnistheorien sind geschlossen

Einer meiner Tuebinger Philosophieprofessoren fragte mich vor Jahrzehnten: „Muss man nicht neurotisch sein, um auf die Idee mit dem Ding an sich zu kommen?“ Damals irritierte mich die Frage und ich erinnere mich, dass ich sie mit Erkenntnistheorie beantwortete und damit auch abwehrte. Die Frage liess mich aber unterschwellig nicht mehr los. Immer oefter stiess ich mich daran, dass erkenntnistheoretische Aussagen auf sich selber verweisen, bzw. auf den logischen („richtigen“) Zusammenhang ihrer Erkenntnisse. Ein geuebter Erkenntnistheoretiker duerfte sich daran nicht stoeren, sondern er wird diesen Sachverhalt wahrscheinlich als selbstverstaendlich betrachten. Diese rueckbezuegliche Geschlossenheit von Theorien wird je nach dem auch in anderen Wissenschaften praktiziert. Doch keine andere verfolgt das Projekt Erkenntnistheorie so wie die Philosophie es tut. Philosophen gehen weiter „….als jede andere Wissenschaft, indem sie auch ihr eigenes Rechtfertigungsverfahren selbst rechtfertigen … , bis auf die ‚letzten Gruende‘ zurueckzugehen …“ Albert Keller: Allgemeine Erkenntnistheorie. Stuttgart (Kohlhammer) 2006, 3. Aufl., S.58.)
Das komplexe Gebilde ‚Erkenntnistheorie‘ eine Bezeichnung die erst nach Kant im 19. Jahrhundert gebraeuchlich wurde – wurde mir bereits im ersten Semester meines Studiums neben der Ontologie als eine Grundlagenwissenschaft der Philosophie vorgestellt. Es wurde behauptet, dass bereits die ersten griechischen Philosophen Erkenntnistheorie betrieben haetten. Philosophen, die sich von dieser Grundlagenwissenschaft verabschiedet hatten, schieden aus dem Club der ‚richtigen‘ Philosophen aus.
Will also ein Philosophiestudent ein (amtlich anerkannter) Philosoph werden, wird er um erkenntnistheoretische Fragestellungen nicht herumkommen. Die noch heute eher Metapyhsik als Philosophie lehrende universitaere Dissiplin fungiert als eine Art ‚Lordsiegelbewahrer‘.

Erkenntnistheorie ist überflüssig

Aus meiner heutigen Sicht ist Erkenntnistheorie ueberfluessig, weil sie ausser ‚preisend mit viel schoenen Reden‘ nichts zur Weiterentwicklung des ‚philosophieren‘ beitragen kann.
Aus meiner Sicht ergibt sich dieses Urteil vor allem daher, dass sie

  1. ‚erkennen‘ mit ‚wissen‘ gleichsetzt.
  2. stillschweigend davon ausgeht, dass Koerper und Geist(-Seele) substantiell unterscheidbar seien.
  3. außerdem ungeprüft davon ausgeht, dass ‚denken‘ unser ‚handeln‘ steuert.
  4. die eigenen Annahmen und Behauptungen fraglos als ERKENNTNISSE verwendet und auf diese Weise WISSEN sugeriert.

Erkenntnistheorie verhindert Weiterentwicklung der Philosophie

Erkenntnistheorie ist mir nicht gruendlich genug. Sie verlaesst und bezieht sich allzusehr auf die Autoritaet altvorderer Aussagen. Ihr eigener Anspruch, dass ‚denken‘ im Unterschied zum ‚tun‘ den Mehrwert der Theorien vor der Praxis ausmache, wird so weder eingeloest noch wirksam. Erkenntnistheoretiker denken im Rahmen der Tradition. Sie ueberschreiten und hinterfragen ihn nicht. Sie koennen ihn vermutlich weder ueberschreiten noch hinterfragen, weil ihre akademische Sozialisation die uebernahme traditioneller Denkwege verlangt. Es tut weh, Vertrautes und Gewohntes zu befragen oder es gar zu verlassen.

Fuer mich ist ‚erkennen‘ der gehorsame Vollzug von ‚urteilen‘ und ‚bewerten‘ im Kontext allgemeiner kultureller Sichten und Werte. Der bis heute selbstverstaendliche Gebrauch von Kants Transzendentalphilosophie und Vernunftauffassung duerfte meine Behautpung bestaetigen koennen. Dies hatte bisher zur Folge, dass Andersdenkende fuer weitere Generationen marginalisiert wurden.
Fuer mich ist ‚Geist‘ bzw. das ‚Denken‘ ein Buch mit sieben Siegeln, obwohl ich Jahrzehnte damit zubrachte ‚Geist‘ und reflexionsphaenomenologische Ueberlegungen zu erforschen. Ich meinte lange Zeit, ich wuesste, was Geist sei.
Folgendes kapiere ich nicht im Hinblick auf das Wissenschaftsverstaendnis der Philosophie: Im Hinblick auf tradtionelle theoretische Auffassungen (Erkenntnisse!) werden Aussagen und Forschungsergebnisse anderer Humanwissenschaftler abgewertet oder gar nicht zur Kenntnis genommen. Seit mehr als 50 Jahren darf es unter Humanwissenschaftlern als ziemlich gesichert gelten, dass unser ‚handeln‘ vor allem von unserer neurophysiologischen Natur gesteuert wird. Auch darueber gibt es innerhalb der Philosophie kaum Diskussionen und keine Konsequenzen fürs ‚philosophieren‘.
Möglich wäre darüber folgendes zu sagen: „Es gibt eine Erinnerungskultur der Bearbeitung von Erinnerungskultur, eine … verbreitete leise Begeisterung für die Konstrukteure von Bibliotheken, welche es uns heute ermöglichen, mit Neugier immer wieder anders durch die Regale zu jagen und aus den verstummten Stimmen der Frühzeit gedruckten Wissens unsere eigene intellektuelle Existenz lebendig zu erhalten.“ Ulrich Johannes Schneider: Anmerkungen zur Geschichte der Gelehrsamkeit. In: Friedrich Vollhardt: Historia literaria. Berlin (Akademie) 2007, S. 265ff.

Annahmen und ’nachdenken‘

Ich moechte philosophierend ’nachdenken‘ praktizieren, das sich auf ‚handeln‘ und dessen Erfordernisse bezieht. Erkenntnistheorie betrachte ich deshalb als eine von vielen Spekulationen, die erklaeren moechten, wie die ‚Welt uns bewusst‘ wird. Ich habe darauf verzichtet, darueber nachzudenken, weil ich dies fuer eine seit Jahrhunderten unbeantwortbare Frage halte. Zur Zeit sehe ich keinen Anlass davon auszugehen, dass es darauf jemals eine nachvollziehbare Antwort wird geben können. Hier folge ich gern meinem alten Lehrer Augustin Thagaste, der dies auch so sah. Ich stelle lediglich fest, dass ich sensoriere (empfinden), handle und nachdenke. Ich stelle fest, dass es nützlich ist, anstatt von Erkenntnissen von Annahmen auszugehen, um so in unterschiedlichen Situationen moeglichst optimal handeln zu koennen. Annahmen finde ich durch ’nachdenken‘.
Die Entscheidung gegen die Erkenntnistheorie fiel bei mir auch im Kontext der alltaeglichen Schulpraxis mit ungeeigneten schulischen Lerntheorien, die Lehrer in der Scheinsicherheit wiegen, dass sie wuessten, wie Schueler ‚richtig‘ lernen. Mein Resuemee: Schulische Lerntheorien entstanden in der Nachfolge erkenntistheoretischer Spekulationen. Ich halte sie für unbrauchbar.

sensorieren und sinnliche Wahrnehmungen



Sinnliche Wahrnehmungen hatte ich in meinen metaphysischen Zeiten: Sie waren das, dem ich wohl oder uebel nicht entkommen konnte. Sie stoerten aber mein zielstrebiges Tun und Denken. Sie zeigten sich widerspenstig und fuegten sich mit den Jahren immer seltener, in das, was ich dachte und erreichen wollte. Oft erschlugen sie mich einfach und ich wollte nur noch Ruhe vor ihnen haben.

Inzwischen habe ich festgestellt, dass es fuer mich einen Unterschied macht, ob ich von sinnlichen Wahrnehmungen spreche oder von ’sensorieren‘. Mit sinnlichen Wahrnehmungen verbinde ich ‚Erkenntnistheorie‘ – mit ’sensorieren‘ die Vorstellung von meiner ‚Einheit Koerper‘ . Erkenntnistheorie dient der Rechtfertigung von Wissen ueber Handeln – ’sensorieren‘ meinem ‚handeln‘. ‚physistisch philosophieren‘ dient so mir und meiner Autonomie , die mir – obwohl in Aussicht gestellt – Erkenntnistheoretie, bzw. Metaphysik nie ermoeglichten. Das duerfte daran liegen, dass der Metaphysik jede konkrete Soliditaet fehlt: sie metaphorisiert Konkretes ins scheinbar eigentliche „Sein“ des ‚Geistes‘, das seit Jahrhunderten hoehlenplatonisch als die eigentliche Wirklichkeit erreichbar in Aussicht gestellt wird. Im Moment bin ich versucht meinen Emotionen zu folgen. Ich war sehr lange damit beschaeftigt herauszufinden, was andere meinen, wenn sie die Metaphysik empfehlen. Doch ich lasse meine Emotionen lieber beiseite. Was ich hier schreibe, duerfte schon irritierend genug sein.

Von der Metaphysik bzw. der Erkenntnistheorie versprach ich mir Impulse fuer mein ‚handeln‘. Die Impulse blieben aus,  aber es stellten sich Impulse ein, die anderen Einsichten zu folgen schienen. Metaphysiker haben – um auch solche Phaenomene erklaeren zu koennen – vor zwei Jahrhunderten eine eigene Wissenschaft ins Leben gerufen, die sie Psychologie nannten. In schlimmsten Zeiten beschrieb ich mich als fremd gesteuert. Diese Redeweise war eine Folge entsprechender psychologischer Theorien. In meinen besten Zeiten hatte ich Hoffnung, dass ich effizient wuerde handeln koennen, wenn ich es nur richtig machte. Das ‚richtig-machen-muessen‘ passte zu meiner Berufstaetigkeit: Lehrerinnen sind qua Berufsrolle darauf verpflichtet, alles, aber auch wirklich alles richtig zu machen. Referendare duerften dies noch kennen. Spaeter verdraengt man das, sonst bringt es einen um. Aber es hinterlaesst an der Oberflaeche eine Empfindsamkeit, die von anderen als Kritikunfaehigkeit bezeichnet wird und sich durch Abwehr kundtut,  die ’sensorieren‘ veraendert und beeintraechtigt.

Tatsaechlich wirksam zeigte sich aber das Lucy-Syndrom: Eine Erfindung von Charles Schulz fuer den Kreis seiner „Peanuts“ . Sie sagt anderen stets ganz unverbluemt, was sie zu tun haben und weist sie auf ihre Charakterfehler hin. Sie hat immer recht und sie ist der Typus des ‚ungeselligen Menschen‘, den Kant bei seiner Kritik der reinen Vernunft im Auge hatte: Denn sie geht davon aus, dass sie andere eigentlich nicht braucht. Wozu auch? Vernunft hat sie selber und die ausschlieszlich braucht sie nach Auskunft vieler, vieler Philosophengenerationen, um richtig zu ‚handeln‘. Insofern ist Lucy eine aufgeklaerte Frau, die daran arbeitet, alles und jeden in den Griff zu kriegen.

Ich finde, Lucy macht deutlich, wohin Aufklaerung durch Vernunft fuehrt.

Hinsehen ist nicht gleich ‚hinsehen‘



Wenn physistisch gepraegte Philosophen darauf hinweisen, dass ‚hinsehen‘ das A und O ihres ‚philosophieren‘ sei, dann wird ihnen von Metaphysikern (= Philosophen, die Bewusstsein fuer eine Wirklichkeit halten) entgegengehalten: „Das ist nichts Neues, das tun wir alle!“

Mir faellt dazu der blinde Fleck im Auge jedes Menschen ein, den meines Wissens bisher noch nie jemand gesehen hat, auszer er sieht so hin, wie Fachleute dies tun. Mir faellt weiter die altbekannte Frage ein: Wie kommt es, dass Du das Staubkorn im Auge eines anderen siehst, nicht aber den Splitter in Deinem eigenen?
Oder auch die volkstuemliche Feststellung, dass jemand ein Brett vor dem Kopf habe, weil er etwas nicht begreift. Aus physistisch gepraegter Sicht duerfte ’sensorieren‘ – das neurobiologische Funktionsprinzip fuer ‚hinsehen‘ – mit all diesen Phaenomenen zu tun haben.

Welche Rolle spielt ’sensorieren‘?

Ihre Auspraegung duerfte vermutlich von der genetischen Ausstattung und von der Funktionalitaet der Sensoren abhaengen. Ueber die genetische Ausstattung moechte ich mich an dieser Stelle nicht weiter auslassen, weil Menschen darauf zur Zeit noch keinen Einfluss haben. Doch Einfluss haben Menschen auf die Funktionalitaet der Sensoren. Diese scheint von ‚entscheiden‘ abhaengig zu sein. ‚entscheiden‘ haengt aus physistisch gepraegter Sicht mit dem zusammen, was Benjamin Libet und nach ihm Gerhard Roth und andere als „Bereitschaftspotential“ (vgl. Benjamin Libet: Mind Time. Frankfurt am Main (Suhrkamp) 2007, S. 160. Zusammenfassung) gemessen haben, kurz bevor der bewusste Impuls fuer eine bestimmte Handlung erfolgte. Der Auffassung Gerhard Roths, dies sei das Ende der menschlichen Freiheit, moechte ich mich nicht anschlieszen (vgl. Koerpervernunft)

Ich schlussfolgere aus den Libet-Experimenten und anderen Forschungsergebnissen zur Funktionsweise von Sensoren (Neuronen einschlieszlich) – wie sie u.a. das Frankfurter Max-Planck-Institut und das Ulmer Transferzentrum fuer Neurowissenschaften und Lernen  (ZNL) veroeffentlichen -, dass  „Bereitschaftspotential“ etwas sein duerfte, was ein Sensor bzw. ein Netzwerk von Sensoren erzeugt, nachdem etwas sensoriert wurde. Ohne dieses „Bereitschaftspotential“ scheint keine Wirkung feststellbar. Es gibt das Phaenomen ‚eingeschlafener Gliedmaszen‘, mit dem ein bestimmtes, unangenehmes Empfinden beschrieben wird und Sensorierbares nur sehr diffus bemerkt wird. Auch lokale Betaeubungen koennen Vergleichbares erleben lassen. Gelaehmte Koerperteile koennen nicht bewegt werden. Wachkomapatienten sind fast vollstaendig bewegungsunfaehig. Diese Phaenomene haben u.a. mit dem Verlust der Sensitivitaet von Sensoren zu tun, die eine Voraussetzung fuer die Moeglichkeit sein duerfte, „Bereitschaftspotential“ aufzubauen und periphere bzw. vegetative Wirkungen zu produzieren.

Ich denke, man kann verallgemeinernd sagen, dass Menschen ’sensorieren‘ fuer ihre koerperliche Gesundheit und ‚handeln‘ brauchen.

Derartige humanbiologische Bezuege werden vom Mainstream der Philosophie weder hergestellt noch im Hinblick auf ‚handeln‘ diskutiert. Mir kommt es oft so vor, als glaubte man, mit der Philosophie des Geistes (eine andere Bezeichnung fuer Metaphysik), bzw. der Theoretischen Philosophie autark zu sein und sich unbekuemmert auf traditionellen Schauplaetzen tummeln zu koennen. Behauptungen wie die Humanbiologie und die Metaphysik seien auf ganz unterschiedlichen Ebenen taetig, bzw. die Metaphysik befasse sich mit Gegenstaenden, die der Humanbiologie eben nicht zugaenglich seien, duerften vor allem dem Selbsterhalt dienen. Dabei wird m.E. ausgeklammert, dass seit Jahrhunderten eine einvernehmliche und nachvollziehbare Antwort auf Fragen nach den metaphysischen Gegenstaenden aussteht.

Wie kommt es, dass Metaphysiker an ihren Sichtweisen festhalten?

Metaphysik, bzw. deren Wissen, auch Erkenntnis genannt wird, bezeichnet eine traditionelle philosophische Weltsicht, die durch das begruendet wird, was wiederum andere rueckwaerts gerichtete Philosophen andachten und umdachten. Dies duerfte – weil Universitaeten in der Regel Philosophie im Kontext der Rueckwaertsgewandtheit lehren, anstatt Studenten zum ‚philosophieren‘ lernen anzuregen – zu einem beruflichen Profil und Blick fuehren, das ‚hinsehen‘ auf Gegenwaertiges zumindest beeintraechtigen duerfte. Rorty’s Ruf, Implikationen philosophischer Probleme zu erforschen, scheint ungehoert geblieben zu sein. Selbst wenn andere Woerter verwendet und der natuerliche Kosmos durch die Welt der Sprache ersetzt werden, bleibt der Anspruch bestehen, mit Abstraktionen erhellende Beitraege zu einem Diskurs der Wissenschaften und Menschen liefern zu koennen. Das Prinzip, nicht zu sehen, was fuer viele andere offensichtbar ist, scheint die Metaphysik zu regieren. David Hume hat ein anderes wichtiges Prinzip menschlicher Natur entdeckt, dass sich mir an dieser Stelle nahe legt: Die Gewohnheit fuehrt Menschen durch ihr Leben. Die jahrhundertealte Gewohnheit Philosophie als Metaphysik aufzufassen, duerfte den Mainstream der Philosophie mehr beeinflussen, als ihren Vertretern lieb und vor allem bekannt sein duerfte. Möglicherweise könnte sie diese Gewohnheit veranlasst haben,  zum Philosophen der „Gewohnheit“ auf Distanz zu gehen.

Selbst im Rahmen der Neurophilosophie – wie Thomas Metzinger und andere sie auffassen – wird ganz selbstverstaendlich davon ausgegangen, dass hinter bestimmten Phaenomenen Geist stehe. Das Phaenomen „Bewusstsein“ ist ’nicht biologisch evolviert‘ und wird daher metaphyischen Denkgewohnheiten folgend mit Substanz belegt, die mit „Wirklichkeit und Innerlichkeit“ charakterisiert wird. In ’nachgehegelter‘ Weise wird ueber die „Wirklichkeit Bewusstsein“ folgendes metaphysiziert, bzw. mythologisiert: „Der Vorgang des Lebens ist sich seiner selbst bewusst geworden.“ Thomas Metzinger &Thorsten Schmidt: Der Ego-Tunnel. Berliner Taschenbuchverlag 2010, S.31.

Diese implizite Voraussetzung muendet dann im Anschluss an Diskussionen humanbiologischer Experimente in die Feststellung, dass es „verblueffend“ sei zu sehen, „… wie klassische philosophische Gedanken einen Beitrag zu einem tieferen Verstaendnis dessen leisten, … wie man sich die Beziehung zwischen Geist und Gehirn denken kann.“ (ebd. S. 168)

physistisch gepraegtes ‚hinsehen‘ verzichtet auf traditionelle philosophische Sichten

Im Unterschied zu diesem Bemaechtigen des Koerperlichen durch das als ‚geistig‘ markierte Phaenomen „Bewusstsein“ – was m.E. der seit Descartes praktizierten UEberlegenheit der res cogitans (Denken) ueber die res extensa (Koerper), d.h. einer die ganze neuzeitliche Philosophie durchziehende dichotomischen Sichtweise entspricht, beschraenke ich mich auf Sensorierbares. Bezueglich der Phaenomene, die Metzinger erwaehnt, nehme ich keine „Wirklichkeit“ an, weil ich sie nicht beschreiben kann. Beschreibbar ist lediglich Konkretes. Dieser agnostische Aspekt von physistisch-philosophieren scheint mir den Reichtum von ‚hinsehen‘ erst zu ermoeglichen, waehrend die Behauptung einer dahinter liegenden Wirklichkeit zur alt bekannten philosphischen Besserwisserei fuehrt, die wie Kant und seine Nachfolger verdeutlichen koennen, dazu die passenden Systeme liefert.

Konkretes ‚handeln‘ duerfte seine Impulse aus der menschlichen Natur erfahren. Diese koennte gemeinsam auf Offensichtbares hin erforscht werden, wenn Philosophen sich von den Produkten der Altvorderen verabschiedeten und so die rosarote Brille abnaehmen, die ‚hinsehen‘ in den Fokus einer „geistigen Innerlichkeit“ ruecken, die die abendlaendische Philosophie sei Augustin Thagaste praegt.

‚philosophieren‘ heiszt, eigene Schlussfolgerungen aus ‚hinsehen‘ mit denen anderer allgemein nutzbar zu machen

Ein Philosoph, der ‚hinsehen‘ praktiziert haben duerfte und dafuer aus dem philosophischen Mainstream ausgeschlossen wurde, schrieb mit 23 Jahren: „Ich habe herausgefunden, dass die Philosophie ueber menschliches Handeln seit der Antike mit derselben Unzulaenglichkeit arbeitet wie die Naturwissenschaft. Beide gehen m.E. ausschlieszlich von Hypothesen, d.h. ueberwiegend von Erfindungen aus, anstatt sich auf Sensorierbares und Erforschbares zu beziehen. Jeder Philosoph bemuehte seine Fantasie und errichtet Chimaeren inner- und zwischenmenschlicher Idealitaeten und beglueckender Lebenskonzepte, ohne die menschliche Natur mit einzubeziehen, von der – aus meiner Sicht – jede philosophische Schlussfolgerung ueber gesellschaftsweit praktizierte Mitmenschlichkeit ausgehen muesste. Deshalb moechte ich vor allem Sensorierbares und Erforschbares studieren und dieses als Quelle von Kenntnissen fuer humane Wissenschaften verwenden. Ich halte es inzwischen fuer eine Tatsache, dass die meisten verstorbenen Philosophen Opfer ihrer eigenen spekulativen Faehigkeiten geworden sind. Auszerdem bin ich sicher, dass man nicht viel mehr tun muss, um zu verwertbaren Ergebnissen zu kommen, als alle die alten Spekulationen zugunsten der eigenen Schlussfolgerungen oder der anderer wegzuwerfen. Davon duerfte es letztlich abhaengen, ob meine Ueberlegungen fuer zutreffend gehalten werden oder nicht.“ David Humes Brief an einen Arzt. Verfasst 1734, veroeffentlicht von John Hill Burton: Life and Correspondance of David Hume. Edinburgh 1846. Band I. S. 30 – 39.

‚handeln‘ – einige Anmerkungen


‚hinsehen‘ und ‚herausfinden‘ als Ausgangspunkt

Meine Sichtweise auf ‚handeln‘ ist inzwischen durch ‚hinsehen‘ gepraegt. D.h. ich gehe davon aus, was m.E. jeder andere auch sehen kann, wenn er moechte. Wenn ich von Beobachtungen spreche, handelt es sich um Auswertungen meines ‚hinsehen‘, die ich auch als Schlussfolgerungen bzw. Spekulationen bezeichnen kann, um zu verdeutlichen, dass diese sich erst einmal nur für mich als zutreffend erweisen koennen. Es gibt m.E. keinen neutralen Standpunkt bzw. kein apriorisches Wissen, das sich zur Ueberpruefung meiner Schlussfolgerungen bzw. Spekulationen eignete. ’nachdenken‘ anderer darueber und ‚herausfinden‘, was es damit auf sich haben koennte, schon eher. Fuer alle Einwaende bzw. Kommentare brauche ich von meinen Gespraechspartnern Konkretes, um zu kapieren, wovon sie sprechen – ja, ich bin geradezu versessen darauf und stoere so zum Nachteil des Diskurses die Kreise anderer, die sich dadurch in Frage gestellt fuehlen. Dieses Handicap meines ‚philosophieren‘ duerfte vielen den Zugang zu ‚physistisch philosophieren‘ verwehren.

‚handeln‘ vollzieht sich ‚je nach dem‘ anders auf der Grundlage eines momentanen physischen Zustand

‚handeln‘ geschieht unterschiedlich ausgepraegt und unterschiedlich haeufig und doch als von physischen Zuständen ausgehend. Menschen atmen, gehen, sprechen, verdauen … je nach den Gegebenheiten ihrer augenblicklichen Verfassung und der Situation, auch im Hinblick auf Ziele – sagen sie. Dieses laesst sich m.E. auch so zusammenfassen: Der Mensch handelt ‚je nach dem‘ anders und folgt doch momentanen physischen Zustaenden bzw. eigenen Plaenen. Dass letztere ‚handeln‘ wirksam steuern, scheint mir unwahrscheinlich. Nach meinen Beobachtungen versagen menschliche Plaene, wenn unbekannte Situationen eintreten. Mein ‚hinsehen‘ ergab bisher: keine Situation gleicht einer anderen. Die Vergleichbarkeit duerfte sich nur aus der ‚Sache‘ ergeben, um die es geht. M.E. genuegt dies fuers erste, die grundsaetzliche Wirksamkeit von ‚planen‘ ausreichend fraglich erscheinen zu lassen. ‚handeln‘ duerfte also – ohne die behauptete Wirksamkeit bewusster Plaene – das jeweilige momentane Ergebnis, die Entscheidung aller koerperlichen Funktionen einschliesslich aller neurophysiologischen Aktivitaeten sein. Hinweise auf geistige und seelische Funktionen halte ich fuer traditionelle, metaphysische Erklaerungsmodelle. Sie entbehren jeder konkreten Grundlage und scheinen so untauglich fuer ‚physistisch philosophieren‘. Physistik verwendet gleichfalls Erklaerungsmodelle, die sich von anderen dadurch unterscheiden, dass sie ueberpruefbar sind.

Traditionelle Theorien und Systeme ignorieren Merkmale von ‚handeln‘

Das Sowohl-als-auch von ununterbrochenen Veraenderungen und momentanen physischen Zuständen des ‚handeln‘ ist mit systematisch-theoretischen Mitteln nicht zu fassen, denn Systematisches braucht feste Bezugspunkte, die pragmatisch m.E. nicht gegeben sein koennen. Welche Situation, welche augenblickliche Verfassung wiederholt sich? Trotzdem entwerfen Wissenschaftler Handlungstheorien und Philosophen Systeme fuer Ethiken und Moral und fordern andere auf, diese Erfindungen umzusetzen. Als Spezialisten fuer Systeme des Menschlichen koennen Philosophen und Psychologen gelten, die sich dazu heute zunehmend selbstverstaendlicher auf neurobiologische Ergebnisse stuetzen. Sie gehen dabei ferner von Annahmen wie ‚Geist‘, ‚Bewusstsein‘, ‚Ich‘, ‚Wollen‘, ‚Vernunft‘, … aus, die sich aus physistischer Sicht bisher als unueberpruefbare Denkfiguren erwiesen haben. Ich moechte deren Gebrauch daher niemandem streitig machen, moechte sie aber dem Bereich der Metaphysik zuordnen und aus ‚Eigentliche Philosophie‘ ausklammern. Sowohl der metaphysische Rahmen als auch die innerhalb der Metaphysik aufeinander bezogenen Denkfiguren und Bezeichnungen haben quasi religioesen Glaubenscharakter und stehen fuer deren Vertreter in der Regel nicht zur Disposition. Im Diskurs erweisen sich der Rahmen ‚Metaphysik‘ und ‚Metaphyzismen‘ als ‚ergebnisabschließend‘ (‚das ist so‘) und daher kontraproduktiv.

Skepsis wird als Instrument von ‚handeln‘ vom Mainstream der Philosophie ausgegrenzt

Innerhalb der Philosophie scheint ‚hinsehen‘ bzw. Skepsis als fragwuerdige bzw. unbrauchbare Qualitaet des Philosophierens zu gelten. Religioes-glaeubige Philosophen des ausgehenden 17. Jahrhunderts  sahen in der Skepsis neben dem Atheismus einen Hauptfeind der Religion und wahren Philosophie, also eine Gefahr für deren Wahrheit und Wahrheiten. Die Feindseligkeit glaeubiger Weltbilder gegenueber der Skepsis aeussert sich noch heute in der ueblichen, die Sache verkürzende  Gleichsetzung von Skepsis und Zweifel (u.a. bei Wikipedia). Das Herkunftswoerterbuch von Duden gibt die seit dem spaeten 17. Jahrhundert in Gelehrtenkreisen gebraeuchliche Bedeutung deshalb auch mit „Zweifel und Bedenken“ wieder. Die urspruengliche Bedeutung „Betrachtung, Untersuchung, Pruefung“ ist im Alltag und in den Menschenwissenschaften aus der Mode gekommen. Philosophen scheinen dies auch entgegen philosophiehistorischer Forschungen zu uebersehen. Meiners Enzyklopaedie der Philosophie aber nennt Skepsis als Bezeichnung fuer die ‚eigentliche Philosophie‘.

’sich in Frage stellen lassen‘

Geschichtlich gewachsenen Feindbildern ist diskursiv nicht beizukommen. Dazu braucht es Menschen, die bereit sind, sich im Diskurs in Frage stellen zu lassen. ‚physistisch philosophieren‘ ist ein Angebot an solche Menschen.

‚handeln‘ kann dieses Sich-in-Frage-stellen hervorrufen. Menschen handeln ‚je nach dem‘, d.h. situativ. Sie handeln auch nach Mustern: „Ich handle immer so …“ Wenn es zutrifft, dass ‚handeln‘ von der jeweiligen Verfassung und der Situation abhaengt, dann duerfte dies in unserer Kultur die tradierte Befuerchtung hervorrufen, es werde hier die menschliche Freiheit verneint und unverzichtbare Werte aufgegeben. Diese Befuerchtung ist menschlich. Menschen waehnen sich durch Gewohntes in Sicherheit und in greifbarer Naehe zu ewigen Dingen. Kants Entwurf einer transzendentalen Philosophie ist m.E. ein Beispiel dafuer. Seine Abstrakta entsprechen den Kriterien des Gewohnten.

Dichotomische Sichten vermischen ‚handeln‘ mit unbrauchbaren Spekulationen

Die Moeglichkeit menschlicher Entscheidungsfreiheit verneine ich nicht. Ich verneine aber, dass der unueberpruefbaren Denkfigur Ich dieses ‚handeln‘ zugeschrieben werden koenne. ‚Ich‘ und alle weiteren Metaphyzismen sind m.E. Produkte eines dichotomischen Philosophierens, das den Menschen geteilt in Koerper|Geist auffasst. Im Laufe der Entstehung unserer Kultur haben sich aus dieser Vorstellung heraus  Prinzipien zur Bewertung von Handeln eingebuergert, die uns heute unnoetigerweise einschränken und so den Blick auf moegliche andere Prinzipien verwehren. Das Produkt Koerper|Geist taugt heute m.E. nicht mehr, weil es so aussieht, dass immer mehr Menschen von ihrer individuellen Verfassung und ihren konkreten eigenen Gegebenheiten ausgehen moechten, um herauszufinden, wie sie wirksam handeln bzw. ihre Wirksamkeit verbessern koennen. Menschen moechten sich an Vorstellungen orientieren, die zu ihrem Leben und nicht zu Theorien anderer passen. Sich an diesen Orientierungen anregend und redlich zu beteiligen halte ich fuer ein menschlich lohnendes, philosophisches Betaetigungsfeld.